Kampf um den Dorfbrunnen

In einer Demokratie vermitteln Medienschaffende zwischen Bürger und Staat, am Dorfbrunnen werden die Themen besprochen, die zur Meinungsbildung beitragen. Weil man damit kaum mehr Geld verdienen kann, vermeiden es viele Medienhäuser, noch allzu viel in ihre alten Borne zu investieren. Sie trocknen aus und fallen auseinander. Noch schlimmer ist, wenn einseitig oder falsch informiert wird, Werbung mit Inhalt vermischt erscheint und der Wirklichkeit nicht mehr zu trauen ist. Medienkompetente bestimmen folglich immer häufiger selbst, was interessiert und weiter bringt. Im Netz wird vielfältiger informiert, mit gleich langen Spiessen kommentiert und dementiert. Lügen haben dort gerade zeitlich kurze Beine und bei so viel Transparenz lässt sich immer weniger verbergen, wes Geistes Kind man wirklich ist. Die Demokratie braucht keine Medien, aber mediale Foren, nicht die Presse muss man retten, sondern den Raum für Debatten.

Wo ein Markt ist, ist auch Dynamik, und wenn man in Chancen nur Gefahren sieht, werden sie nicht selten tatsächlich zum Problem. „Wir werden mehr kooperieren müssen, es wird leider nicht anders gehen“, meint ein CEO, kein Chefredaktor. Doch auch Wissenschafter konkludieren, dass unabhängiger Journalismus nicht mehr finanzierbar sei. Während Medienhäuser dem Markt die Schuld geben und bei Kooperation eher an Fusionen und Werbegelder denken, liegt gemäss einer Studie zumindest ein partielles Marktversagen vor, das medienpolitische Massnahmen rechtfertigt. Wir erinnern uns an die Finanzkrise und die Angst vor dem Zusammenbruch systemrelevanter Unternehmen: man muss nicht unbedingt die Bank retten, um die Geldwirtschaft zu erhalten. Eine Demokratie braucht mediale Vermittlung, keine Medienkonzerne, man muss die Existenz und den Zugang zu neuen Brunnen sichern, nicht Medienhäuser dafür bezahlen, diese halbherzig auf ihrem Terrain zu dulden.

Der ehemalige Medienminister Moritz Leuenberger brachte es auf den Punkt: wer sich dem Service public verpflichtet, kann analog der SRG gefördert werden, versteht sich ein Medienhaus aber nur als Wirtschaftsunternehmen, soll es sich dem Markt stellen. Bei staatlichen Eingriffen ist Vorsicht geboten, doch sind sie zuweilen nötig, wenn der Markt versagt und sich die Dinge eben gerade nicht von alleine zum Wohle aller regeln lassen. In einer Demokratie entscheiden wir gemeinsam, wo wir welchen Eingriff dulden oder sogar wünschen. Deshalb ist die Krankenkasse obligatorisch, Tabakwerbung verboten und wird Landwirtschaft subventioniert, und deshalb zahlen wir die Radio- und Fernsehgebühren noch. Die Budgets für Bildung und Kultur werden ebenso demokratisch festgelegt, wie wir über Programme wie „Jugend und Sport“ oder einen Verfassungsartikel über Musikförderung abstimmen. Weil uns daran gelegen ist, dass alle Zugang haben zu Bildung und Förderung, von Landschaft, Kultur und Sport profitieren können und niemand ausgeschlossen wird von dem, was uns als Gesellschaft verbindet und ausmacht. Lässt man in einer Marktwirtschaft allem freien Lauf, bilden sich rasch Eliten, die mehr Zugang zu bestimmten Gütern haben als andere. Am privaten Pool mit Sichtschutzhecke plaudern dann geladene Cüpligäste, allen anderen bleibt nur noch das Klagen über trübe Tümpel.

Vielleicht muss man den auch metaphorisch abgenutzten Dorfbrunnen gar nicht vermissen und darf auf Innovativeres hoffen. Es wär wunderbar, wenn eine unabhängige Initiative wie Projekt R es dank Crowdfunding ins Krabbelalter schaffte, doch sobald das Kind aufrecht geht, bläst auch ihm der Wind der Marktwirtschaft ins Gesicht. Noch finden wir, was wir suchen, glauben nicht, dass der Krug je brechen kann. Manchmal lässt sich das Ausmass eines Schadens erst begreifen, wenn er tatsächlich eingetreten ist. Die ruinöse Gratismentalität haben private Medienhäuser gezüchtet, forderten diese mit nun leeren Taschen ein Stück vom öffentlichen Kuchen – man würde es verstehen. Doch ihr Plan ist ein anderer: Der Köder ist die Wahlfreiheit, ein trojanisches Pferd mit toxischem Mageninhalt. Greifen wir danach, beisst die Schlange zu. Ihre Währung ist die Reichweite, ohne SRG, so meinen sie, würden ihre Kassen öfter klingeln, statt teurer „Zwangsgebühren“ sollen wir mehr für ungesünderen Konsum bezahlen. Es geht ihnen nicht um den Brunnen, mit dem man heute ja ihrer Ansicht nach ohnehin kein Geld mehr verdienen kann, sondern um den Durst der Leute, der sich vergolden lässt. Doch während wir hitzig den Service public debattieren, droht im Hintergrund eine viel grössere Gefahr von jenen, die mit ganz anderen Zielen die – rein rhetorische – Brunnenvergiftung praktizieren.

 

 

Luftblasen platzen lautlos

Die Sommerpause ist längst vorbei, ich unterzog mich keiner Newsdiät und auch an einer Schreibblockade lag es nicht, dass dieser Kanal länger stumm geblieben ist. Tatsächlich aber hört man besser, wenn man leiser tritt. Beim Lesen fragt man sich gelegentlich, woher ein Schreibender die Zeit für seine Zeilen nimmt, mit welchem Ziel er sie zumeist sich selber stiehlt und ob sich der Aufwand am Ende lohnt. Kommentiert und diskutiert wird denn auch besonders gern das Schreiben selbst, von der Literatur- bis zur Medien- und Netzkritik sättigt sich so manches Thema in der Endlosschlaufe an sich selbst und schwingt sich in immer neue Metahöhen empor. Auch der Lärm in Sachen Lügenpresse versus Wahrheitsblogs ist weder im Sommergezirpe untergegangen noch in der Hitze ausgetrocknet. Unter ökonomischem Druck diversifizierten die grossen Medienhäuser weit über den Tellerrand der Publizistik hinaus, las man, Leitmedien schrieben ihren Geldgebern in getarnten Werbetexten nach dem Mund und fütterten die Leserschaft mit allzu leichter Kost.

Deutlich zuverlässiger, transparenter und wahrer seien unabhängige Beiträge, die im grenzenlosen Netz mit schwindelerregender Geschwindigkeit erscheinen, sich neu erfinden, fusionieren, plötzlich anderswo auftauchen und manchmal auch wieder verschwinden. Die gesellschaftliche und polische Debatte findet im digitalen Zeitalter mehr und mehr im Netz ihre Foren. In Kommentaren auf Newsplattformen und Facebook, auf Twitter und in Blogs finden sich Gleich- und Andersgesinnte zum Schulterklopfen, Säbelrasseln und Klingenwetzen ein. Hier wird nicht nur informiert, sondern auch Geheimes ans Licht gebracht, werden Fakten gecheckt, die Lügenpresse entlarvt und Wahrheiten gesagt. Doch was auf den ersten Blick dank Transparenz die Demokratie zu sichern scheint, hält das Versprochene bei genauerem Hinsehen selten. Das Leisertreten macht auch die Filterblasen besser sichtbar, die einen mit ihrer Durchsichtigkeit unbemerkt umhüllen und säuberlich vom Inhalt unzähliger weiterer Blasen abschirmen, in denen sich andere Informationen ihrerseits zu Meinungen formen.

Vorzeiten klatschten die Weiber waschend am Dorfbrunnen, während ihre Männer sich um den Stammtisch versammelt auf die Ausübung des ihnen vorbehaltenen Stimmrechts vorbereiteten. 1971 bekamen nicht nur die Frauen ihr Stimm- und Wahlrecht, sondern übernahm auch die SRG von der SDA die alleinige Verantwortung für ihre Radionachrichten. So fand sich Familie Schweizer fortan in der guten Stube vor dem Sendegerät ein, um sich zu informieren und das Erfahrene zu diskutieren, bevor man sonntagsidyllisch gemeinsam an die Urne spazierte. Nun hören wir den Informierenden oft über Kopfhörer zu und teilen andern unsere Meinung tippend mit. Wieder trifft man sich nicht physisch am selben Ort, sondern findet sich im eigenen Forum zur sortengetrennten Debatte ein. Die Frau würde ihrem Mann schon sagen, was er stimmen soll, hiess es früher, was vermuten lässt, dass Herr und Frau Schweizer sich nach ihrer Rückkehr von Dorfbrunnen und Stammtisch über das individuell Erfahrene auch miteinander unterhalten haben. Das gesonderte Debattieren ist nur dann ein Problem, wenn jeder sich in seiner Filterblase über seine eigene Meinung freut.

Das Netz nimmt wohl gierig alles auf und man kann sich darin jederzeit geilgeizig bedienen, doch zu einem wahrlich gemeinsamen Debattenforum fürs reale Leben taugt es wenig. So manches Blog vermittelt unverzichtbare Fakten und erhellende Ansichten, Beiträge können geteilt, kommentiert und kritisiert werden – keine Frage, überall entstehen lebendige Diskussionen, kann man Erkenntnisse gewinnen und sich eine eigene Meinung bilden. Luftblasen aber platzen lautlos: verstummt ein Kanal im Netz, geschieht es meist still und unbemerkt. Keine Timeline macht mit Senderrauschen auf ausgebliebene Tweets, Posts und Links aufmerksam, sie wirkt wie immer: übervoll. Replayfunktion, Mediatheken und Youtube haben uns vergessen lassen, wie Testbild und Bildrauschen uns im analogen Zeitalter noch auf versiegte Informationsquellen aufmerksam gemacht haben. Sind sie dereinst verschwunden, wird es vielleicht tatsächlich niemandem mehr auffallen, doch wer Leitmedien und Service public selbst in ihrer digitalen Erscheinungsform ausschliesslich als elitäre Holzmedien und Staatssender verunglimpft, ignoriert deren Funktion als öffentliche Arena. Weil sie vor aller Augen und Ohren Informationen liefern, Reaktionen sammeln und so jene Seidenfäden verknüpfen, die täglich überall ausgelegt werden, weben sie den festen Stoff der uns erlaubt, am selben Strang zu ziehen. Nur kümmert es im postfaktischen Zeitalter halt keinen mehr, wenn er ins Leere schreit – vom eigenen Echo erwartet niemand Widerspruch.

Trotzdemokratie

Das Wort Nein ist eines der ersten Wörter, die Kinder beherrschen. Mit rund eineinhalb Jahren beginnt die Trotzphase, während derer es besonders oft zum Einsatz kommt. Normalerweise endet sie zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. Bei manchen behält das Nein ein Leben lang eine zentrale Stellung im Wortschatz, andere müssen das Nein-Sagen in Workshops erst wieder lernen, um nicht früher oder später unter der Last all der klaglos akzeptierten Verpflichtungen zusammenzubrechen. Ihnen bringt man bei, seine Gefühle auszudrücken, offen zu sagen, wenn man sich etwas nicht zutraut, zu erklären, was man in einer bestimmten Situation empfindet. All dies nämlich ist es, was Kinder erst mit Geschrei und später mit einem Nein zwar bereits meinen, aber noch nicht ausdrücken können. Es ist fürs spätere Leben ungemein wichtig, das möglichst präzise Beschreiben der eigenen Empfindungen nicht nur beherrschen, sondern auch von zumeist weniger zielführenden emotionalen Reaktionen unterscheiden zu lernen.

Die Fähigkeit, über unsere Gefühle zu sprechen, erleichtert uns nicht nur das Familienleben daheim und die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz, sondern ganz allgemein das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft. Während wir zu Hause und im Büro Konflikte, die sich beim besten Willen nicht aussitzen lassen, zumeist unter vier Augen im direkten Gespräch klären, ist ein persönliches Ausdiskutieren aller Differenzen in einer so grossen Gemeinschaft nicht mehr in vernünftigem Rahmen zu bewerkstelligen. Unter all den möglichen Modellen, die verschiedene Arten von Lebewesen im Laufe der Zeit entwickelt, ausprobiert und überwunden haben, hat sich das Schweizer Volk für die Demokratie entschieden. Eine wahrlich geniale Idee, dank der selbst Millionen von Menschen, die sich auf immer wieder neue Details einigen müssen, Gelegenheit haben, sich überhaupt einig zu werden. Sie tun dies auf verblüffend simple Weise, indem sie das, was sie bewegt, stört oder am Herzen liegt, am Ende des Abstimmungstages mit einem einfachen Ja oder Nein ausdrücken.

Das hat denn auch erstaunlich lange funktioniert, weil jeder wusste, wofür das Ja oder Nein stand, und, wie komplex auch immer die Entscheidungsfindung gewesen sein mag, was er mit seinem Votum am Tag der Entscheidung ausdrücken wollte. Diese bodenständige helvetische Einfachheit ist in letzter Zeit aus dem Gleichgewicht geraten. Immer häufiger bedeutet nun ein Nein eigentlich ein Ja für etwas anderes, ist ein Ja im Grunde ein Nein zu einem wiederum anderen Ja. Oder umgekehrt, man verliert im Durcheinander schnell den Überblick. Weil man mit dem Programm der SRG nicht zufrieden ist, sagt man jedenfalls einfach Nein zur Änderung des Radio- und Fernsehgesetzes, auch wenn es nichts mit der Definition eines Service public zu tun hat. Man mag einfach die Sendungen nicht, fühlt dieses Nein so ungemein deutlich, dass man nicht umhin kommt, es bei jeder Gelegenheit laut hinauszuschreien. Es muss jetzt einfach raus, das Nein, sonst wird der Hals noch dicker. So entlud sich schon das Nein gegen die Angst vor dem Fremden an den Minaretten und jenes gegen den Dichtestress unlängst an der Masseneinwanderung. Weil es beim RTVG irgendwie ums Fernsehen geht, entfährt manchen nun eben das aufgebrachte Nein gegen dümmliche Sendungen, die nicht wenige deshalb nicht schauen, weil es noch dümmere gibt.

Der Weg vom diffusen Gefühl zur differenzierten Meinung, die sich auf ein reflektiertes Ja oder Nein reduzieren lässt, ist einfach zu steinig, zu lang und folglich zu mühsam geworden. Demokratie hin oder her, Zeit ist Geld, und für den Luxus von Gefühlsduseleien fehlt uns beides gleichermassen. Dankbar nehmen wir da die Anrufe der Umfrageinstitute an, die uns mit ein paar wenigen geschlossenen Fragen das weitere Nachdenken dank ausgefeilter Datenauswertungssoftware abnehmen. Überall dürfen wir einfache, kurze Fragen beantworten, per SMS, im Internet oder mündlich einem netten jungen Mann am Stand beim Bahnhof. So eine Demokratie ist wahrlich eine Freude, man ruft an und wählt das grösste Talent, die schönste Frau und den gefälligsten Song. Wie einfach wäre doch die Welt, wenn wir, wie früher die Sommerfilme, per Televoting einfach das Programm der SRG mitbestimmen könnten. Überhaupt sollten Callcenter die ganzen Abstimmungskämpfe übernehmen, dann bräuchte es auch keine politischen Sendungen mehr. Medienkonzerne merken rein marktwirtschaftlich, was die Leute wollen. Wer zahlt, befiehlt, das funktioniert ja bereits heute ganz ordentlich, trotz der leidigen Demokratie. Am besten, wir sagen weiterhin trotzig Nein zu allem, bis die teure staatliche Demokratie privatisiert ist und wir endlich davon befreit sind, zu allem Ja oder Nein sagen zu müssen.

Das Ende vom Mitdenken

Im letzten September verabschiedete das Parlament eine Teilrevision des Radio- und Fernsehgesetzes, eigentlich nur die Anpassung des Gebührensystems an einen veränderten Medienkonsum abseits des familiären Lebensmittelpunktes in der guten Stube. Trotzdem wurde das Referendum ergriffen, im Juni wird dann dazu der Volkswille geäussert. Widerstand kommt von rechtschaffenen Gewerblern, auf deren Kosten der Stimmbürger jährlich sechzig Franken sparen könnte. Gegenwehr leisten auch jene, die nicht von einer Gesetzesrevision sprechen, sondern von einem Buebetrickli mit der neuen Mediensteuer. Gebühren zahlt man bekanntlich nur für Leistungen, die man tatsächlich nutzt, zu einer Steuer hingegen wird auch genötigt, wer selbst nicht profitiert. Und es gibt einige, die gut und gern aufs Schweizer Fernsehen verzichten könnten. Aus dem Anpassungsvorhaben ist eine gesellschaftspolitische Debatte zum Sinn und Unsinn des Service public erwachsen. Da stellt sich natürlich die Frage, was ohne ihn denn fehlen würde.

Zum Service public gehören alle Dienstleistungen, welche die öffentliche Hand für die Allgemeinheit erbringt, also auch die helvetisch-ausgewogene Versorgung mit Radio- und Fernsehprogrammen. Die Deutschen nennen das sinnigerweise Daseinsvorsorge. Wer für die Abschaffung des Service public plädiert, will sie natürlich nicht ganz einstellen, sondern bezweifelt lediglich, ob diese Versorgung auch für Radio- und Fernsehen heute noch vom Staat sichergestellt werden muss, oder nicht auch hier eine Privatisierung zu erwägen wäre. Was vor langer Zeit vom Pizzo Groppera kam, ist schliesslich längst Normalität geworden. Die Frage muss also anders gestellt werden: Was würde fehlen, wenn es nur noch Privatsender gäbe?

Wir wissen, was noch vorhanden wäre: eine Senderwelt, in der Einschaltquoten das Programm bestimmen. Natürlich gibt es Spartenkanäle für elitäre Intellektuelle und kulturinteressierte Träumer, doch im Wesentlichen bliebe übrig, was Kurt Imhof mit „Blut, Busen und Büsis“ zusammenfasste und im Gegensatz zum Service public keinen Auftrag zur Meinungsvielfalt hat. Den Gegnern der vorgeschlagenen Gebührenänderung scheint das zu gefallen. Erstaunlich auch, dass gerade sie, die doch sonst so heimatlich denken, die helvetischen Programme refüsieren. Lieber unterstellen sie der SRG eine Mitschuld an der wachsenden linken Gefahr im Land. Objektiv ist das nicht, denn auch wenn sich die Redaktoren selten klar zur eigenen politischen Position bekennen, sie stehen erstens nur vereinzelt links und bestätigen zweitens selbst einen Rechtsrutsch der Medien. Wo Gewinnstreben Motivation und Berufsstolz vertreibt, gibt das den Takt an, was Werbegelder, Leserzahlen und Einschaltquoten bringt. Es müssen Emotionen her, gefragt ist, was polarisiert und populär ist, also just jene Themen, die im rechten Lager aus denselben Gründen gerne aufgegriffen werden. Im linksliberalen Mainstream wird endlich aufgeräumt, das Chrüsimüsi sauber einsortiert in die Dichotomie von Freund und Feind, von der uns Kurt Imhof deshalb warnte, weil sie die Vernunft ebenso verhindert wie Konsens und Konkordanz. Gerade darum ist die Diskussion zum Service public und seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung wichtig. Sie „muss ja nicht nur von Rechtsbürgerlichen mit dem Ziel einer Schwächung der SRG geführt werden“, meint Philipp Cueni. Wer würde sie ohne Service public aber überhaupt führen?

Es ist ein grosser Unterschied, ob man kostendeckend arbeiten soll oder einen Gewinn erzielen will. Für den Profit reicht Sparsamkeit alleine nicht, vielmehr ist man gezwungen, vor allem das anzubieten, was massenhaft nachgefragt wird. Zu Wort kommen folglich jene, die Einschaltquoten bringen, weil ihr Gesicht ständig von Titelseiten grinst und sie in vollen Mehrzweckhallen für immer gleiche Probleme die bekannten Schuldigen anprangern. Wo Wirtschaftlichkeit regiert, bekommen wir zu hören, was Konzerne sponsern, sehen, was eine Mehrheit glaubt und lesen, was wir ohnehin schon meinen. Weil wir den Refrain kennen, singen wir so gerne mit. Natürlich würde das Gewerbe lieber für gezielte Werbung zahlen, als indirekt ein einigermassen unabhängiges Programm zu finanzieren. Unser wohlsituiertes Dasein aber hängt weder von Productplacement noch von der Verfügbarkeit eines rentablen polemischen Infotainments ab, sondern vom Zugang der Allgemeinheit zu kompetent erklärten Fakten. Die Schweiz lebt von Konsens und Konkordanz, von kritischen Fragen, die am Anfang von echten Lösungen stehen, einer Vielfalt von unabhängigen Standpunkten, die uns weiterbringen und von der Möglichkeit, selbst mitzudenken und mitzubestimmen. Das würde uns ohne Service public fehlen. Die Chance zum Mitdenken mögen nicht alle nutzen, das aber ist kein Grund, sie aufzugeben.

PS: Während ich diese Zeilen schreibe und Links zu den Zitaten von Kurt Imhof prüfe, erreicht mich die Nachricht von seinem Tod. Es ist so: