Wahlbauchweh

Seit Trumps Triumph übt die politische Elite kleinlaut leise Selbstkritik, umso ostentativer betreibt die Medienwelt ihre Nabelschau. Aus alten Erkenntnissen und populären Erklärungen werden scheinbar neue Einsichten ruminiert. Die klassischen Medienhäuser haben ihren Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesellschaft verloren, sind nicht mehr Gatekeeper zur Öffentlichkeit, nicht länger Gralshüter der Information und keine Garanten mehr für Wahrheit – sie können jetzt auch Lügen pressen und Fakenews teilen. Gewandelt hat sich auch das Publikum, will objektiven Meinungsjournalismus mit gemütserregender Hurtigkeit und kostenlosem Tiefgang. Teilen ist das neue Lesen! Die zunehmende Unberechenbarkeit der Konsumenten zwingt Werbende förmlich zu präziserem Zielen. Um mit aufwändigem und folglich kostspieligem Journalismus Geld zu verdienen, muss man sich heute viel einfallen lassen – und tut sich offensichtlich schwer damit.

Während es im Reich der sozialen Medien angeblich immer leichter gelingt, Wähler und Werbegelder für sich einzunehmen, verlieren die etablierten Parteien ihre Anhänger und das traditionelle Mediengeschäft Leseranteile und Werbeetats. Trotzdem bleiben Klicks, Zeitnähe und Reichweite auch dort das Mass aller Dinge. Im Krieg um materielle Aufmerksamkeit folgt dem embedded journalism das nicht minder beschönigende native advertising. Der Konsument begreift: er will, was man ihm gibt. Während Medien auf der Frontseite Facebook und Google die Schuld geben, verteilen sie an der Hintertür den Inhalt gratis, hüllen Qualität in plakative Mäntel und geben lieber Hochglanzkataloge mit Luxuslösungen heraus als Alltagsprobleme auf Umweltpapier zu debattieren. Ob nun verzweifelt oder nur phantasielos, die Verlage bauen um und entlassen holzmediale Journalisten, um sie durch Ressourcen mit „anderen, digitaleren Anforderungsprofilen“ zu ersetzen. Früher hätte man sie vielleicht Schreibstubenhocker genannt, heute vertippen sie im Newsroom real-time Ereignisse aus der vernetzten Welt. Primeurs wurden mit Zitieren belohnt, Viralität misst man am Teilerfolg. Weil die Sharing Economy aber auch ihre Tücken hat, sponsern Medienhäuser dieser Tage wohl auch keine Journalismusprofessuren, sondern einen Lehrstuhl für Datenwissenschaft.

Journalisten lebten in einer elitären Filterblase, heisst es, seien miteinander verbandelt und hätten deshalb keinen Bezug mehr zur Aussenwelt. Religion ist Opium fürs Volk, ein Glaubenskrieg Gift für die Demokratie, doch ein solcher tobt gerade flächenbrandend. Nicht nur die Leserschaft ist nicht mehr einer Meinung, auch die Medienschaffenden sind sich uneinig. Manch einer sucht den Erfolg mit Selbstvermarktung und wendet sich wie Hinz, Kunz und lobbyierende Grosskonzerne direkt an sein Publikum. Für andere ist Konvergenz mehr als ein Modewort von Managern, sie kämpfen für ein Umdenken und plädieren für mehr Engagement der Journalisten in den Debatten der Kommentarspalten. Doch weil Journalisten ob des allgemeinen Kahlschlags kaum gleichzeitig länger recherchieren, schneller produzieren und engagierter debattieren können, bleibt es bei der Feststellung von Michèle Binswanger, dass es im Journalismus dringend neue Wege brauche, nur sei keiner da, dem einer einfiele. Wie in der Politik heisst es mangels anderer Ideen: der gute alte Journalismus ist alternativlos. Vor allem ist er wie der gute Rat: teuer!

Auf der Suche nach Finanzierungsmodellen gehen die Ansätze im Sinne einer Risikodiversifizierung in alle Richtungen. Von der Wirtschaft hat man gelernt, sich mit der Konkurrenz einzulassen, wenn man sie nicht besiegen kann, so klagt man gegen und kooperiert trotzdem mit Google. Mit Regulierung soll Facebook in die Pflicht genommen werden, ein probates Mittel gegen Ohnmacht in der Politik. Dass es allerdings auch Finanzierungsmodelle gibt, die durchaus erfolgreich sein können, beweist ausgerechnet die WOZ. So verpönt Ironie im  Journalismus sein mag, im schnelllebigen Netz sorgt sie für manche Pointe: Zwei Einzelaktivist_innen suchten die öffentliche Aufmerksamkeit, indem sie ihren Text zum Gedenktag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen als Tagesanzeiger-Artikel von Constantin Seibt erscheinen liessen. Sie kritisierten damit die mangelnde Berichterstattung über das Thema, was sie deshalb als grossen Missstand für unsere Demokratie empfänden, weil Leitmedien Meinungsmacher seien. Tatsächlich tragen die Medien demnach durchaus Verantwortung für die Meinungsbildung in der Gesellschaft, dasselbe gilt auch für die Politik. Nach der Ökonomisierung der Medien ist die Ökonomisierung der Politik nur der nächste logische Schritt. Auch das kann man aus der Trumpwahl lernen: „Man redet ja gern vom Staatsmann, aber man vergisst zu fragen, wo der Staatsmensch ist“, schrieb Peter Sloterdijk in der Zeit. In Wahrheit tragen wir die Verantwortung.

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Zerknüllt und kuratiert

Die Papierzeitung hat ausgedient. Wer früher beim Mostäpfel auflesen kalte Füsse bekam, legte Zeitungspapier in seine Gummistiefel, jetzt wärmen ergonomisch geformte Thermosohlen. Niemand stopft mehr die vom Rumtollen im Tiefschnee nassen Winterschuhe damit aus, man stülpt sie zum Trocknen über Heizstäbe. Selbst zum Anfeuern hat es seine Schuldigkeit getan: statt lesend auf der Ofenbank zu sitzen, kuriert man heute in der Infrarotkabine seine Rückenschmerzen aus, und im Cheminée glüht und flackert ein Kunstfeuer, damit die weissen Wände nicht verrussen. Auch im Sommer wird vor dem Bräteln nichts mehr zerknüllt, Wurst und Schnitzel brutzeln auf dem Gasgrill, oder zumindest einem mit Gasanzünder. Das Geduld erfordernde Schoggispiel konnte der unmittelbaren Spieltriebbefriedigung von Überraschungseiern nicht standhalten und fürs Falten von Schiffen und Hüten kann man Kinder kaum noch begeistern. Mit einem Zeitungshut fühlt sich kein Dreikäsehoch mehr als Napoleon, gewünscht werden Kostüme aus dem Supermarkt, wahlweise zartrosa Cinderella oder giftgrünes Gruselmonster, made in China.

Die kindlichen Fantasien werden schon länger kuratiert, ihre Kreativität wird kommerziell gefördert, das Lernen spielerisch gesteuert. Kinder handeln intuitiv, wenn sie die Welt begreifen lernen, deshalb eignen sich Smartphones ausgezeichnet als Spielzeug. Heute geben wir ihnen den Tablett-Computer in die Hände, früher waren es Holzklötze, Stofftiere und Bilderbücher. Nichts davon piepste oder hatte einen Lernmodus. Die prädigital Geborenen sind mit stummen Abenteuerbüchern aufgewachsen, die Bilder dazu musste man sich im Kopf selber malen. Infolge eines zumeist rationierten Fernsehkonsums und des noch embryonalen Zustands von Computern war man auf die eigene Fantasie angewiesen. Gut möglich, dass Journalisten dieser kreativen Generation deshalb in einer Blase leben, aus der sie sich laut Ronnie Grob schleunigst befreien sollten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, die Welt der Normalen gar nicht mehr zu verstehen. Eine Welt nämlich, in der es laut Richard Gutjahr schlicht keine Verlage mehr braucht, die für Journalisten Vertrieb und Vermarktung übernehmen. Heute hätten Journalisten nicht nur die Aufgabe guten Journalismus zu machen, meint er, sondern auch gesucht, gefunden und gelesen zu werden.

Früher hat man sie einfach bei der Zeitung gefunden, die man auch deshalb gerne las, weil sie dort schrieben. Doch nun werden sie flügge: die Popstars der schreibenden Zunft drohen mittlerweile die Reputation ihrer einstigen Arbeitgeber samt Reichweite in den Schatten zu stellen. Selbstbewusst treten manche in Konkurrenz zu ihrem Mutterblatt und behaupten, wer sich noch nicht direkt vermarkten könne, schreibe in reduzierten Redaktionen nur noch Agenturmeldungen ab, jedenfalls so lange, bis Roboter das schneller und günstiger erledigen können. Bis dahin kritisieren sie ihre Kollegen in den Redaktionsstuben, von deren Leistungen sie so indirekt trotz ihrer Freiheit letztlich nach wie vor profitieren. Kein Wunder, wollen sich ambitionierte Journalisten lieber selbst anpreisen. Nachdem die Verlage sich schon mit Gratisangeboten kannibalisieren, graben ihnen nun auch ihre Zöglinge das Wasser ab. Was bleibt Medienhäusern anderes übrig, als sich wenigstens tapfer zu verteidigen, mit einer Marke, die für alles mögliche steht, was das Konsumentenherz begehrt, nur immer seltener für eine Zeitung, bei der ausgezeichnete Journalisten eigene Artikel mit menschlichem Grips schreiben. Früher nannte man das Teufelskreis, heute ist es wohl eine Do-While-Schleife.

„Wenn Du was erlebt hast, dann schreib es nicht in Dein Tagebuch, sondern erzähl es allen. Dafür brauchst Du heute keinen Verlag mehr. Mach einen Blog. Und wenn Du gut bist, wird es gelesen“, empfiehlt Gutjahr. Die Generation Zeitungspapier schrieb das Erlebte noch ins Tagebuch, wo es hingehörte. Da waren Journalisten nicht gut, sondern schrieben gut, und sie erzählten nicht, was sie erlebten, sondern was um sie herum passierte, und warum. Richtig allerdings ist: die berühmteste deutsche Märchensammlung heisst Grimms Märchen. Dies allerdings weniger, weil die Brüder gute Selbstvermarkter waren, sondern weil sie von Clemens Brentano den Auftrag erhielten, Märchen aus literarischen und mündlichen Quellen zu sammeln. Sie wählten Geschichten aus, stellten sie zusammen und reicherten sie mit Kommentaren und Erläuterungen an. Jacob und Wilhelm Grimm kuratierten Märchen. Diese kann man heute ohne Verlust an Kreativität auch aus einem E-Book vorlesen.