Wiederholungstäter

In zwei Tatorten nacheinander ging es um kriminelle Flüchtlinge und rechte Reaktionen. Wer den Tatort nie ohne guten Grund auslässt weiss, dass es oft um aktuelle Gesellschaftsthemen geht. Der stete Tropfen mag vielleicht den Stein höhlen, aber ein tropfender Wasserhahn geht einem gehörig auf den Geist. Monothematik ist auf Dauer kein überzeugendes Argument, im Gegenteil: es unterhöhlt das eigentliche Ansinnen. In einer digital vernetzten Welt, in der jeder ohne räumliche Distanz Zugang zum roten Knopf der schnellen Schüsse hat und damit auch zu vorschnellen Schlüssen neigt, ist die zeitliche Distanz eine der wenigen Möglichkeiten, dem Denken Platz einzuräumen. Der gelegentliche Thementag mag zu einem Schwerpunkt für einmal ebendiesen Raum bereitstellen, doch alltagstauglich ist die Methode nicht. Völlig kontraproduktiv ist ein thematisches Sperrfeuer wenn es darum geht, eine Debatte anzuregen. Wie der Name schon sagt: es versperrt den Weg.

Im Blätterwald empört man sich über die volkserzieherische Themenwahl, schimpft darüber, dass überhaupt ein Weltbild transportiert wird. Wie würde das denn aussehen, ein Tatort ohne Thema? Ein Programm ohne Botschaft ist banal und beliebig, der Krimi im Katzenpelz verkäme zur gefälligen Unterhaltung, und die braucht es nicht beim Service public. Touché! Mit einseitigen Themen bieten die am Tatort beteiligten Sender eben jenen leichtes Spiel, die den etablierten Medien vorwerfen, sich nach den Prioritäten der wie auch immer gearteten Eliten zu richten. Nicht selten kommt die Kritik aus Kreisen, die ganz offensichtlich staatlich kontrollierte, von Freunden der Regierung besessene oder zumindest zu Gehorsam gezwungene Titel für ihre unabhängige Berichterstattung loben, den freien hierzulande aber kein Wort glauben. Was anfangs anklagend als Lügenpresse nur in verschwörungstheoretischen Filterblasen brodelte, wurde als Fakenews zum Gegenschlag der Mainstreammedien. Ironischerweise verbreitet die Lügenpresse in der Regel Wahrheiten, während oft dubiose Internetmedien für die Falschinformationen verantwortlich sind. Auch hier wird dasselbe wiederholt getan: Journalisten schreiben über Geschriebenes, Leser verbreiten Ungelesenes.

Fakenews sind das aktuellste Lieblingsthema von Regierungen und Medien. Es ist damit zu rechnen, dass Dortmunds Hauptkommissar Faber bald schon in einem Fall von Brandstiftung mit breitem Bart ermittelt. Schon jetzt liefert der gouvernementale Wunsch nach einem Wahrheitsministerium genügend Stoff für reges Treiben mit, über und gegen Falschinformationen im Netz. Nach Auffassung von Regierungen und klassischen Medien soll nämlich ausgerechnet die modernste Art der Informationsverbreitung massgeblich für den demokratiebedrohenden Vormarsch der Konservativen in Europa und Trumps Sieg in Amerika verantwortlich sein. Nach den Gratiszeitungen gerät auch der zweite Besen ausser Kontrolle, den die Verlage in ihrer Verzweiflung heraufbeschworen haben: in der Hoffnung auf eine Kompensation ihrer sinkenden Einnahmen kollaborierten sie bereitwillig mit Facebook, Google und Medienportalen, deren Informationsstrom nun die Kanäle mit Hasskommentaren, Halbwahrheiten und Klickfallen fluten. Ausgerechnet Journalisten sollen es nun richten und mit ihrem Handwerk die Fehler aus dem Netz fischen. Der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit wegen wird darum gebeten, sie mögen dies doch unentgeltlich tun. „Ach! und hundert Flüsse stürzen auf mich ein“.

Demokratie ist gut für den Kapitalismus, im freien Markt gedeiht die freie Gesellschaft. Der Zusammenbruch kommunistischer Systeme bestätigte die Richtigkeit der Annahme, dass eine liberale Wirtschaft auch gut ist für die Demokratie. Wir sind so sehr davon überzeugt, dass selbst der Lärm um die Austeritätspolitik in Griechenland uns nicht hat aufhorchen lassen. Als Teil eines Systems ist es selten einfach, alle Zusammenhänge zu sehen, lieber schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu. Die Medienkrise bedroht die Demokratie, ohne die unsere Wirtschaft serbelt, deshalb wählt der leidende Mittelstand Populisten, die sich für Volk und Freiheit einsetzen und von der Lügenpresse zwar nichts halten, sie aber ganz gerne kontrollieren und für ihre Zwecke einspannen. Auch der wählende Konsument kann zum Wiederholungstäter werden. Mit etwas Abstand zum Geschehen wäre erkennbar, wie wir uns aus dem Strudel befreien können: „In die Ecke, Besen, Besen! Seids gewesen“. Statt News nur nach Belieben zu konsumieren, täten wir gut daran, selbst wieder Meister der vierten Gewalt zu werden, indem wir für den unabhängigen Journalismus gezielt bezahlen. Nur so können wir ihn aus den Klauen des digitalen Kapitalismus befreien. Überlassen wir hingegen unsere Medien alleine dem Markt, wiederholt sich sonst ganz anderes aus dem dicken Katalog bekannter Übeltaten.

Wahlbauchweh

Seit Trumps Triumph übt die politische Elite kleinlaut leise Selbstkritik, umso ostentativer betreibt die Medienwelt ihre Nabelschau. Aus alten Erkenntnissen und populären Erklärungen werden scheinbar neue Einsichten ruminiert. Die klassischen Medienhäuser haben ihren Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesellschaft verloren, sind nicht mehr Gatekeeper zur Öffentlichkeit, nicht länger Gralshüter der Information und keine Garanten mehr für Wahrheit – sie können jetzt auch Lügen pressen und Fakenews teilen. Gewandelt hat sich auch das Publikum, will objektiven Meinungsjournalismus mit gemütserregender Hurtigkeit und kostenlosem Tiefgang. Teilen ist das neue Lesen! Die zunehmende Unberechenbarkeit der Konsumenten zwingt Werbende förmlich zu präziserem Zielen. Um mit aufwändigem und folglich kostspieligem Journalismus Geld zu verdienen, muss man sich heute viel einfallen lassen – und tut sich offensichtlich schwer damit.

Während es im Reich der sozialen Medien angeblich immer leichter gelingt, Wähler und Werbegelder für sich einzunehmen, verlieren die etablierten Parteien ihre Anhänger und das traditionelle Mediengeschäft Leseranteile und Werbeetats. Trotzdem bleiben Klicks, Zeitnähe und Reichweite auch dort das Mass aller Dinge. Im Krieg um materielle Aufmerksamkeit folgt dem embedded journalism das nicht minder beschönigende native advertising. Der Konsument begreift: er will, was man ihm gibt. Während Medien auf der Frontseite Facebook und Google die Schuld geben, verteilen sie an der Hintertür den Inhalt gratis, hüllen Qualität in plakative Mäntel und geben lieber Hochglanzkataloge mit Luxuslösungen heraus als Alltagsprobleme auf Umweltpapier zu debattieren. Ob nun verzweifelt oder nur phantasielos, die Verlage bauen um und entlassen holzmediale Journalisten, um sie durch Ressourcen mit „anderen, digitaleren Anforderungsprofilen“ zu ersetzen. Früher hätte man sie vielleicht Schreibstubenhocker genannt, heute vertippen sie im Newsroom real-time Ereignisse aus der vernetzten Welt. Primeurs wurden mit Zitieren belohnt, Viralität misst man am Teilerfolg. Weil die Sharing Economy aber auch ihre Tücken hat, sponsern Medienhäuser dieser Tage wohl auch keine Journalismusprofessuren, sondern einen Lehrstuhl für Datenwissenschaft.

Journalisten lebten in einer elitären Filterblase, heisst es, seien miteinander verbandelt und hätten deshalb keinen Bezug mehr zur Aussenwelt. Religion ist Opium fürs Volk, ein Glaubenskrieg Gift für die Demokratie, doch ein solcher tobt gerade flächenbrandend. Nicht nur die Leserschaft ist nicht mehr einer Meinung, auch die Medienschaffenden sind sich uneinig. Manch einer sucht den Erfolg mit Selbstvermarktung und wendet sich wie Hinz, Kunz und lobbyierende Grosskonzerne direkt an sein Publikum. Für andere ist Konvergenz mehr als ein Modewort von Managern, sie kämpfen für ein Umdenken und plädieren für mehr Engagement der Journalisten in den Debatten der Kommentarspalten. Doch weil Journalisten ob des allgemeinen Kahlschlags kaum gleichzeitig länger recherchieren, schneller produzieren und engagierter debattieren können, bleibt es bei der Feststellung von Michèle Binswanger, dass es im Journalismus dringend neue Wege brauche, nur sei keiner da, dem einer einfiele. Wie in der Politik heisst es mangels anderer Ideen: der gute alte Journalismus ist alternativlos. Vor allem ist er wie der gute Rat: teuer!

Auf der Suche nach Finanzierungsmodellen gehen die Ansätze im Sinne einer Risikodiversifizierung in alle Richtungen. Von der Wirtschaft hat man gelernt, sich mit der Konkurrenz einzulassen, wenn man sie nicht besiegen kann, so klagt man gegen und kooperiert trotzdem mit Google. Mit Regulierung soll Facebook in die Pflicht genommen werden, ein probates Mittel gegen Ohnmacht in der Politik. Dass es allerdings auch Finanzierungsmodelle gibt, die durchaus erfolgreich sein können, beweist ausgerechnet die WOZ. So verpönt Ironie im  Journalismus sein mag, im schnelllebigen Netz sorgt sie für manche Pointe: Zwei Einzelaktivist_innen suchten die öffentliche Aufmerksamkeit, indem sie ihren Text zum Gedenktag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen als Tagesanzeiger-Artikel von Constantin Seibt erscheinen liessen. Sie kritisierten damit die mangelnde Berichterstattung über das Thema, was sie deshalb als grossen Missstand für unsere Demokratie empfänden, weil Leitmedien Meinungsmacher seien. Tatsächlich tragen die Medien demnach durchaus Verantwortung für die Meinungsbildung in der Gesellschaft, dasselbe gilt auch für die Politik. Nach der Ökonomisierung der Medien ist die Ökonomisierung der Politik nur der nächste logische Schritt. Auch das kann man aus der Trumpwahl lernen: „Man redet ja gern vom Staatsmann, aber man vergisst zu fragen, wo der Staatsmensch ist“, schrieb Peter Sloterdijk in der Zeit. In Wahrheit tragen wir die Verantwortung.