Destruktion der Aufklärung

Das goldversessene Trumpelstilzchen wutbürgert in Grossbuchstaben über Fakenews, ist selbst deren produktivste Quelle, abgesehen von den wenigen Titeln seines Vertrauens. Leicht geht der Überblick verloren im Dschungel der alternativen Fakten, subjektiven Wahrheiten und objektiven Lügen. Humor war immer schon ein wirksames Mittel gegen Ohnmacht, doch das im angeschwollenen Hals steckenbleibende Lachen verstopft mittlerweile auch jenen die Atemwege, die gerade nicht erkältet sind. Benommen vom Kopfschütteln und erschöpft von der Empörung, ist mancher bereits erstickt, verstummt und erstarrt. Grinsend allerdings verbringt der amerikanische Präsident seine Wochenenden trotz hoher Sicherheitskosten im privaten Kitschklub, den er erst das winterliche und nun das südliche Weisse Haus nennt, obwohl auch dort nichts weiss, sondern alles goldig ist. Der Mann lässt jeden Stil vermissen, alles an ihm und um ihn herum ist unwürdig. Manche fordern schon die Vermeidung des T-Worts, dem stampfenden und respektlosen Etwas sei die Aufmerksamkeit zu entziehen. Doch gerade weil er tobt und wütet, ist dieser Trampel zum Präsidenten der Vereinigten gewählt worden.

Die Fassungslosigkeit lähmt, doch wie aus der Schockstarre aufwachen? Kaum legen sich die Wogen, schäumt er wieder Gift und Galle gegen alles, was den Narzissten nicht euphorisch anhimmelt. Während die endlich Abgeholten jubeln, regt sich immerhin bei jenen Widerstand, die schon viel zu lange über alles Wesentliche unvornehm geschwiegen haben. Im Jahr der russischen Revolution, derer die dortige Elite aus guten Gründen nicht gedenken will, erinnert man sich hier an die eigene Geschichte: Demokratie, Aufklärung und Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Die Demokratie gilt es vor ihren Feinden zu retten, die Werte der Aufklärung muss man verteidigen, die Errungenschaften einer freien Gesellschaft samt ihren Menschenrechten und der sozialen Gerechtigkeit erhalten. In Deutschland ist von einem Schulz-Effekt die Rede, die Umfragewerte der SPD stiegen derart an, dass ihr Kandidat sogar vor der amtierenden Kanzlerin lag und die Partei sich über eine Beitrittswelle freuen durfte. Auch wenn der Effekt nachgelassen hat, so bleiben zumindest in der subjektiven Wahrnehmung die Debatten in den Medien interessant und durchaus differenziert.

Tatsächlich können sich auch die Medien über mehr Interesse freuen. Von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als vierte Gewalt ist die Rede und was sie für die Demokratie bedeuten, lesen wir endlich auch in Gratis- und Boulevardblättern. Trump hat kein Versprechen gehalten, mit blindwütigem Dekretismus betreibt er Klientelpolitik, seinen Anhängern streut er Sand ins Gesicht und enttäuscht selbst jene, die nur hofften, er würde im Gegensatz zu seiner Kontrahentin wenigstens etwas für den frustrierten Mittelstand tun. Was der Goldjunge bis anhin an Gaben verteilte, landete vor allem in seinen eigenen elitären Reihen. Der unternehmerische Familienmensch schäumt besonders dann vor Wut, wenn Gold und Geld nicht in die Taschen der Seinen fliessen. Eines jedoch hat er ähnlich Gesinnten voraus: er hat die Wahl gewonnen und regiert bereits im Präsidialsystem. Was ein narzisstischer Machtmensch sonst noch für sein Wohlbefinden braucht, läuft für jeden aufmerksamen Medienkonsumenten leicht einsehbar rund um den Globus erstaunlich gleich: die gezielte Zerstörung der vier Gewalten, eine nach der anderen.

Das Rezept lautet diskreditieren, kriminalisieren und schliesslich eliminieren. In einer funktionierenden Demokratie herrscht das Volk, ohne dass der Souverän mitmacht, lässt sich eine Demokratie nicht demontieren. Was dieses Volk im Innersten zusammenhält, ist die Debatte, die Wissen und Einsichten vermittelt, Informationen verbreitet, Meinungen bildet und schliesslich Entscheide bewirkt. Ihr Sprachrohr sind die Medien, erst wenn sie schweigen, lässt sich die Legislative manipulieren. Indem man sie unglaubwürdig macht, bringt man sie zum Verstummen, wenn ihnen niemand mehr Vertrauen schenkt, ist ihr Markt erfolgreich ausgetrocknet. Was trotzdem überlebt, wird aufgekauft, privatisiert und von Getreuen auf den zweckdienlichen Kurs gebracht. Damit schliesslich auch kein Richter mehr zuverlässig das Volk vertritt, werden sie ebenfalls diskreditiert, kriminalisiert und eliminiert. Der Rest ist Kinderkram: Ängste schüren und Rüstungsausgaben steigern, Bildungsausgaben streichen und das Volk mit eigenen Lehren füttern. Die algorithmisierten Kommunikationskanäle der modernen Informationsgesellschaft isolieren den einzelnen von allem, was stutzig machen könnte, umso mehr stopft man uns voll mit dem, was wir glauben sollen. Die Errungenschaften der Aufklärung, die sich einst nur dank neuer Informationsvermittlung verbreiten konnten, werden nun in atemberaubender Geschwindigkeit mittels abermals epochaler Innovationen wieder vernichtet.