Aufrüsten für den Frieden?

Anfang Juli beschlossen die Vereinten Nationen ein Verbot von Atomwaffen. Weit über hundert Länder werden sie nie mehr entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern. Nicht unterzeichnet haben den Vertrag allerdings ausgerechnet jene Staaten, welche diese bereits entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern. Seit der ersten Atombombe geht es um Abschreckung zur Friedenssicherung, wir verlassen uns darauf, dass die Mächtigen in diesem Gleichgewicht der Angst klug genug sind, den Knopf nicht zu drücken. Das ist nachvollziehbar, trotzdem zweifeln wir und haben Angst, dass es irgendwann einer doch tut. Weil sich die eigene Macht immer schon am leichtesten mit Angst und Schrecken mehren liess, nährt sich der ständig köchelnde kalte Krieg eben auch davon. Selbsterwähnte Diktatoren, Sultane, Alleinherrscher und Könige lehren sich in der Folge mit tüchtigem Säbelrasseln gegenseitig das Fürchten. Atommächte werden nicht müde, die friedenssichernde Wirkung gewaltiger Abschreckungsarsenale zu betonen und beeindrucken einander mit imponierenden Militärparaden. Trotz aller Bemühungen aber ist es der Welt noch nicht gelungen, die Vision einer globalen Völkerverständigung zu verwirklichen.

Auch deshalb darf man sich angesichts defilierender Soldaten fragen, was das alles soll, man darf träumen und sich erinnern: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Heute ist bestenfalls das Verweigern des Militärdienstes einigermassen salonfähig. Wo es nur in Friedenszeiten oder überhaupt nicht erlaubt ist, sich dem Kriegsdienst zu verweigern, bleibt auch heute nur die Desertion. Für viele gilt deshalb nach wie vor, dass sie sich dem Krieg im Ernstfall zu stellen haben. Seit jeher schützte ein Kämpfer folglich sein eigen Leib und Leben, trug das Holzschild am Unterarm, nutzte die Blechrüstung als Körperpanzer, hielt sich mit dem Speer den Gegner vom Hals oder sorgte mit Gewehren, Kanonen und Bombern für Abstand vom Gemetzel. Dennoch war der Soldat immer gezwungen, sich letztlich auch selbst in die Schlacht zu begeben, um einen Feind wirklich besiegen zu können. Erst Kampfdrohnen ermöglichen heute einen Einsatz aus absolut sicherer Distanz. Es ist naheliegend, dass man sich wünschte, man könnte nur Maschinen in den Krieg entsenden und ihn ohne eigenes Blutvergiessen gewinnen. Stell dir vor, es ist Krieg und nur die anderen begeben sich in Gefahr.

Zuverlässig und sowohl ohne menschliche Fehler als auch ebensolches Leid marschieren sie auf feindliche Truppen los und führen ihren Auftrag aus. Zumindest in der Filmwelt träumen Waffenkonzerne vom serienmässig hergestellten unbemannten Robotersoldaten. In der realen Welt sind schmerz- und gewissenlose Kriegsmaschinen keine befriedigende Antwort, sondern werfen zahlreiche moralische und ethische Fragen auf. Zu sehr stört die Asymmetrie, wenn eine ferngesteuerte Drohne auf schreiende Menschen schiesst. Die grosse physische Entfernung vom Geschehen bedeutet auch eine enorme innere Distanz, zur technischen kommt eine emotionale Dominanz. Die einseitige Kontrolle über das Geschehen vom Schreibtisch aus erinnert an Computerspiele, nur dass in diesem Fall die Opfer echt sind. So sehr man ohne Verluste in den eigenen Reihen insbesondere auch gegen brutale Terrormilizen nachhaltig vorgehen möchte, es bleiben grosse Skrupel. War die Terrakotta Armee vermutlich nur ein Trainingsheer, so sind Kampfdrohnen tatsächlich effektive Waffen und Klonkrieger Tötungsmaschinen.

Ein solcher Einsatz reiner Roboterarmeen aber würde bald auch beim Feind Begehrlichkeiten wecken. Die Rüstungsindustrie würde weiter wachsen und die Digitalisierung immer raffiniertere Maschinen hervorbringen. Schliesslich stünden sich überall nur noch Drohnenheere gegenüber. All dies geschähe zu einem hohen Preis, aber ohne Blutvergiessen und folglich gegen wohl geringeren politischen Widerstand. Die gewaltigen Rüstungsausgaben und moralische Fragen würde man auch dann mit friedenssichernder Abschreckung rechtfertigen. Vielleicht hätten die sich gegenüberstehenden Maschinenarmeen am Ende aber eine ganz neue Wirkung: Wenn Krieg zur teuren Materialschlacht ohne menschliche Verluste würde, müsste man ernsthaft daran denken, ihn tatsächlich konsequent digital und damit nur noch virtuell auszutragen. Die so eingesparten Kosten für Rüstung, Bevölkerungsschutz und Kriegsschäden liessen sich in nachhaltige Präventivmassnahmen wie Armutsbekämpfung, Welternährung und Chancengleichheit investieren. Rüstungskonzerne könnten dank ihrem Knowhow mit vertretbaren Investitionen auf Videospiele und Virtual Reality umsatteln. Die Menschen wollen endlich überall Frieden, warum in aller Welt gibt es noch Krieg? Auch wenn es schwierig ist, darauf Antworten zu finden, die Frage ist nicht aus der Welt: warum bleibt das Aufrüsten der offenbar einzig denkbare Weg zum Frieden?

Bild: https://www.youtube.com/watch?v=coFfwmXBVSU (ohne Tauben)

 

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Destruktion der Aufklärung

Das goldversessene Trumpelstilzchen wutbürgert in Grossbuchstaben über Fakenews, ist selbst deren produktivste Quelle, abgesehen von den wenigen Titeln seines Vertrauens. Leicht geht der Überblick verloren im Dschungel der alternativen Fakten, subjektiven Wahrheiten und objektiven Lügen. Humor war immer schon ein wirksames Mittel gegen Ohnmacht, doch das im angeschwollenen Hals steckenbleibende Lachen verstopft mittlerweile auch jenen die Atemwege, die gerade nicht erkältet sind. Benommen vom Kopfschütteln und erschöpft von der Empörung, ist mancher bereits erstickt, verstummt und erstarrt. Grinsend allerdings verbringt der amerikanische Präsident seine Wochenenden trotz hoher Sicherheitskosten im privaten Kitschklub, den er erst das winterliche und nun das südliche Weisse Haus nennt, obwohl auch dort nichts weiss, sondern alles goldig ist. Der Mann lässt jeden Stil vermissen, alles an ihm und um ihn herum ist unwürdig. Manche fordern schon die Vermeidung des T-Worts, dem stampfenden und respektlosen Etwas sei die Aufmerksamkeit zu entziehen. Doch gerade weil er tobt und wütet, ist dieser Trampel zum Präsidenten der Vereinigten gewählt worden.

Die Fassungslosigkeit lähmt, doch wie aus der Schockstarre aufwachen? Kaum legen sich die Wogen, schäumt er wieder Gift und Galle gegen alles, was den Narzissten nicht euphorisch anhimmelt. Während die endlich Abgeholten jubeln, regt sich immerhin bei jenen Widerstand, die schon viel zu lange über alles Wesentliche unvornehm geschwiegen haben. Im Jahr der russischen Revolution, derer die dortige Elite aus guten Gründen nicht gedenken will, erinnert man sich hier an die eigene Geschichte: Demokratie, Aufklärung und Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Die Demokratie gilt es vor ihren Feinden zu retten, die Werte der Aufklärung muss man verteidigen, die Errungenschaften einer freien Gesellschaft samt ihren Menschenrechten und der sozialen Gerechtigkeit erhalten. In Deutschland ist von einem Schulz-Effekt die Rede, die Umfragewerte der SPD stiegen derart an, dass ihr Kandidat sogar vor der amtierenden Kanzlerin lag und die Partei sich über eine Beitrittswelle freuen durfte. Auch wenn der Effekt nachgelassen hat, so bleiben zumindest in der subjektiven Wahrnehmung die Debatten in den Medien interessant und durchaus differenziert.

Tatsächlich können sich auch die Medien über mehr Interesse freuen. Von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als vierte Gewalt ist die Rede und was sie für die Demokratie bedeuten, lesen wir endlich auch in Gratis- und Boulevardblättern. Trump hat kein Versprechen gehalten, mit blindwütigem Dekretismus betreibt er Klientelpolitik, seinen Anhängern streut er Sand ins Gesicht und enttäuscht selbst jene, die nur hofften, er würde im Gegensatz zu seiner Kontrahentin wenigstens etwas für den frustrierten Mittelstand tun. Was der Goldjunge bis anhin an Gaben verteilte, landete vor allem in seinen eigenen elitären Reihen. Der unternehmerische Familienmensch schäumt besonders dann vor Wut, wenn Gold und Geld nicht in die Taschen der Seinen fliessen. Eines jedoch hat er ähnlich Gesinnten voraus: er hat die Wahl gewonnen und regiert bereits im Präsidialsystem. Was ein narzisstischer Machtmensch sonst noch für sein Wohlbefinden braucht, läuft für jeden aufmerksamen Medienkonsumenten leicht einsehbar rund um den Globus erstaunlich gleich: die gezielte Zerstörung der vier Gewalten, eine nach der anderen.

Das Rezept lautet diskreditieren, kriminalisieren und schliesslich eliminieren. In einer funktionierenden Demokratie herrscht das Volk, ohne dass der Souverän mitmacht, lässt sich eine Demokratie nicht demontieren. Was dieses Volk im Innersten zusammenhält, ist die Debatte, die Wissen und Einsichten vermittelt, Informationen verbreitet, Meinungen bildet und schliesslich Entscheide bewirkt. Ihr Sprachrohr sind die Medien, erst wenn sie schweigen, lässt sich die Legislative manipulieren. Indem man sie unglaubwürdig macht, bringt man sie zum Verstummen, wenn ihnen niemand mehr Vertrauen schenkt, ist ihr Markt erfolgreich ausgetrocknet. Was trotzdem überlebt, wird aufgekauft, privatisiert und von Getreuen auf den zweckdienlichen Kurs gebracht. Damit schliesslich auch kein Richter mehr zuverlässig das Volk vertritt, werden sie ebenfalls diskreditiert, kriminalisiert und eliminiert. Der Rest ist Kinderkram: Ängste schüren und Rüstungsausgaben steigern, Bildungsausgaben streichen und das Volk mit eigenen Lehren füttern. Die algorithmisierten Kommunikationskanäle der modernen Informationsgesellschaft isolieren den einzelnen von allem, was stutzig machen könnte, umso mehr stopft man uns voll mit dem, was wir glauben sollen. Die Errungenschaften der Aufklärung, die sich einst nur dank neuer Informationsvermittlung verbreiten konnten, werden nun in atemberaubender Geschwindigkeit mittels abermals epochaler Innovationen wieder vernichtet.

Wiederholungstäter

In zwei Tatorten nacheinander ging es um kriminelle Flüchtlinge und rechte Reaktionen. Wer den Tatort nie ohne guten Grund auslässt weiss, dass es oft um aktuelle Gesellschaftsthemen geht. Der stete Tropfen mag vielleicht den Stein höhlen, aber ein tropfender Wasserhahn geht einem gehörig auf den Geist. Monothematik ist auf Dauer kein überzeugendes Argument, im Gegenteil: es unterhöhlt das eigentliche Ansinnen. In einer digital vernetzten Welt, in der jeder ohne räumliche Distanz Zugang zum roten Knopf der schnellen Schüsse hat und damit auch zu vorschnellen Schlüssen neigt, ist die zeitliche Distanz eine der wenigen Möglichkeiten, dem Denken Platz einzuräumen. Der gelegentliche Thementag mag zu einem Schwerpunkt für einmal ebendiesen Raum bereitstellen, doch alltagstauglich ist die Methode nicht. Völlig kontraproduktiv ist ein thematisches Sperrfeuer wenn es darum geht, eine Debatte anzuregen. Wie der Name schon sagt: es versperrt den Weg.

Im Blätterwald empört man sich über die volkserzieherische Themenwahl, schimpft darüber, dass überhaupt ein Weltbild transportiert wird. Wie würde das denn aussehen, ein Tatort ohne Thema? Ein Programm ohne Botschaft ist banal und beliebig, der Krimi im Katzenpelz verkäme zur gefälligen Unterhaltung, und die braucht es nicht beim Service public. Touché! Mit einseitigen Themen bieten die am Tatort beteiligten Sender eben jenen leichtes Spiel, die den etablierten Medien vorwerfen, sich nach den Prioritäten der wie auch immer gearteten Eliten zu richten. Nicht selten kommt die Kritik aus Kreisen, die ganz offensichtlich staatlich kontrollierte, von Freunden der Regierung besessene oder zumindest zu Gehorsam gezwungene Titel für ihre unabhängige Berichterstattung loben, den freien hierzulande aber kein Wort glauben. Was anfangs anklagend als Lügenpresse nur in verschwörungstheoretischen Filterblasen brodelte, wurde als Fakenews zum Gegenschlag der Mainstreammedien. Ironischerweise verbreitet die Lügenpresse in der Regel Wahrheiten, während oft dubiose Internetmedien für die Falschinformationen verantwortlich sind. Auch hier wird dasselbe wiederholt getan: Journalisten schreiben über Geschriebenes, Leser verbreiten Ungelesenes.

Fakenews sind das aktuellste Lieblingsthema von Regierungen und Medien. Es ist damit zu rechnen, dass Dortmunds Hauptkommissar Faber bald schon in einem Fall von Brandstiftung mit breitem Bart ermittelt. Schon jetzt liefert der gouvernementale Wunsch nach einem Wahrheitsministerium genügend Stoff für reges Treiben mit, über und gegen Falschinformationen im Netz. Nach Auffassung von Regierungen und klassischen Medien soll nämlich ausgerechnet die modernste Art der Informationsverbreitung massgeblich für den demokratiebedrohenden Vormarsch der Konservativen in Europa und Trumps Sieg in Amerika verantwortlich sein. Nach den Gratiszeitungen gerät auch der zweite Besen ausser Kontrolle, den die Verlage in ihrer Verzweiflung heraufbeschworen haben: in der Hoffnung auf eine Kompensation ihrer sinkenden Einnahmen kollaborierten sie bereitwillig mit Facebook, Google und Medienportalen, deren Informationsstrom nun die Kanäle mit Hasskommentaren, Halbwahrheiten und Klickfallen fluten. Ausgerechnet Journalisten sollen es nun richten und mit ihrem Handwerk die Fehler aus dem Netz fischen. Der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit wegen wird darum gebeten, sie mögen dies doch unentgeltlich tun. „Ach! und hundert Flüsse stürzen auf mich ein“.

Demokratie ist gut für den Kapitalismus, im freien Markt gedeiht die freie Gesellschaft. Der Zusammenbruch kommunistischer Systeme bestätigte die Richtigkeit der Annahme, dass eine liberale Wirtschaft auch gut ist für die Demokratie. Wir sind so sehr davon überzeugt, dass selbst der Lärm um die Austeritätspolitik in Griechenland uns nicht hat aufhorchen lassen. Als Teil eines Systems ist es selten einfach, alle Zusammenhänge zu sehen, lieber schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu. Die Medienkrise bedroht die Demokratie, ohne die unsere Wirtschaft serbelt, deshalb wählt der leidende Mittelstand Populisten, die sich für Volk und Freiheit einsetzen und von der Lügenpresse zwar nichts halten, sie aber ganz gerne kontrollieren und für ihre Zwecke einspannen. Auch der wählende Konsument kann zum Wiederholungstäter werden. Mit etwas Abstand zum Geschehen wäre erkennbar, wie wir uns aus dem Strudel befreien können: „In die Ecke, Besen, Besen! Seids gewesen“. Statt News nur nach Belieben zu konsumieren, täten wir gut daran, selbst wieder Meister der vierten Gewalt zu werden, indem wir für den unabhängigen Journalismus gezielt bezahlen. Nur so können wir ihn aus den Klauen des digitalen Kapitalismus befreien. Überlassen wir hingegen unsere Medien alleine dem Markt, wiederholt sich sonst ganz anderes aus dem dicken Katalog bekannter Übeltaten.

Kampf um den Dorfbrunnen

In einer Demokratie vermitteln Medienschaffende zwischen Bürger und Staat, am Dorfbrunnen werden die Themen besprochen, die zur Meinungsbildung beitragen. Weil man damit kaum mehr Geld verdienen kann, vermeiden es viele Medienhäuser, noch allzu viel in ihre alten Borne zu investieren. Sie trocknen aus und fallen auseinander. Noch schlimmer ist, wenn einseitig oder falsch informiert wird, Werbung mit Inhalt vermischt erscheint und der Wirklichkeit nicht mehr zu trauen ist. Medienkompetente bestimmen folglich immer häufiger selbst, was interessiert und weiter bringt. Im Netz wird vielfältiger informiert, mit gleich langen Spiessen kommentiert und dementiert. Lügen haben dort gerade zeitlich kurze Beine und bei so viel Transparenz lässt sich immer weniger verbergen, wes Geistes Kind man wirklich ist. Die Demokratie braucht keine Medien, aber mediale Foren, nicht die Presse muss man retten, sondern den Raum für Debatten.

Wo ein Markt ist, ist auch Dynamik, und wenn man in Chancen nur Gefahren sieht, werden sie nicht selten tatsächlich zum Problem. „Wir werden mehr kooperieren müssen, es wird leider nicht anders gehen“, meint ein CEO, kein Chefredaktor. Doch auch Wissenschafter konkludieren, dass unabhängiger Journalismus nicht mehr finanzierbar sei. Während Medienhäuser dem Markt die Schuld geben und bei Kooperation eher an Fusionen und Werbegelder denken, liegt gemäss einer Studie zumindest ein partielles Marktversagen vor, das medienpolitische Massnahmen rechtfertigt. Wir erinnern uns an die Finanzkrise und die Angst vor dem Zusammenbruch systemrelevanter Unternehmen: man muss nicht unbedingt die Bank retten, um die Geldwirtschaft zu erhalten. Eine Demokratie braucht mediale Vermittlung, keine Medienkonzerne, man muss die Existenz und den Zugang zu neuen Brunnen sichern, nicht Medienhäuser dafür bezahlen, diese halbherzig auf ihrem Terrain zu dulden.

Der ehemalige Medienminister Moritz Leuenberger brachte es auf den Punkt: wer sich dem Service public verpflichtet, kann analog der SRG gefördert werden, versteht sich ein Medienhaus aber nur als Wirtschaftsunternehmen, soll es sich dem Markt stellen. Bei staatlichen Eingriffen ist Vorsicht geboten, doch sind sie zuweilen nötig, wenn der Markt versagt und sich die Dinge eben gerade nicht von alleine zum Wohle aller regeln lassen. In einer Demokratie entscheiden wir gemeinsam, wo wir welchen Eingriff dulden oder sogar wünschen. Deshalb ist die Krankenkasse obligatorisch, Tabakwerbung verboten und wird Landwirtschaft subventioniert, und deshalb zahlen wir die Radio- und Fernsehgebühren noch. Die Budgets für Bildung und Kultur werden ebenso demokratisch festgelegt, wie wir über Programme wie „Jugend und Sport“ oder einen Verfassungsartikel über Musikförderung abstimmen. Weil uns daran gelegen ist, dass alle Zugang haben zu Bildung und Förderung, von Landschaft, Kultur und Sport profitieren können und niemand ausgeschlossen wird von dem, was uns als Gesellschaft verbindet und ausmacht. Lässt man in einer Marktwirtschaft allem freien Lauf, bilden sich rasch Eliten, die mehr Zugang zu bestimmten Gütern haben als andere. Am privaten Pool mit Sichtschutzhecke plaudern dann geladene Cüpligäste, allen anderen bleibt nur noch das Klagen über trübe Tümpel.

Vielleicht muss man den auch metaphorisch abgenutzten Dorfbrunnen gar nicht vermissen und darf auf Innovativeres hoffen. Es wär wunderbar, wenn eine unabhängige Initiative wie Projekt R es dank Crowdfunding ins Krabbelalter schaffte, doch sobald das Kind aufrecht geht, bläst auch ihm der Wind der Marktwirtschaft ins Gesicht. Noch finden wir, was wir suchen, glauben nicht, dass der Krug je brechen kann. Manchmal lässt sich das Ausmass eines Schadens erst begreifen, wenn er tatsächlich eingetreten ist. Die ruinöse Gratismentalität haben private Medienhäuser gezüchtet, forderten diese mit nun leeren Taschen ein Stück vom öffentlichen Kuchen – man würde es verstehen. Doch ihr Plan ist ein anderer: Der Köder ist die Wahlfreiheit, ein trojanisches Pferd mit toxischem Mageninhalt. Greifen wir danach, beisst die Schlange zu. Ihre Währung ist die Reichweite, ohne SRG, so meinen sie, würden ihre Kassen öfter klingeln, statt teurer „Zwangsgebühren“ sollen wir mehr für ungesünderen Konsum bezahlen. Es geht ihnen nicht um den Brunnen, mit dem man heute ja ihrer Ansicht nach ohnehin kein Geld mehr verdienen kann, sondern um den Durst der Leute, der sich vergolden lässt. Doch während wir hitzig den Service public debattieren, droht im Hintergrund eine viel grössere Gefahr von jenen, die mit ganz anderen Zielen die – rein rhetorische – Brunnenvergiftung praktizieren.

 

 

Howgh!

Im Winnetou-Weihnachtsdreiteiler blickt Ende 2016 ein schwacher weisser Mann zu einer weisen roten Frau auf: solch politisch korrektgeträumte Heldendekonstruktion ist wahrlich eine geschichtsklitternde Ungeheuerlichkeit! Übel könnte es einem werden von all dem Gendertrash und Toleranzgeschwurbel, linkische Zensurversuche gegen richtige Meinungen, das Geschwafel abgehobener Linkspolitiker, die selbstvergessen in der Endlosschlaufe um abstrakte Umwelt- und Geschlechterthemen kreisen, während sich eine wachsende Abstiegsgesellschaft täglich fragt, wovon sie morgen leben soll. Natürlich wählt man dann den einen, der die zukunftslose Gegenwart mit uns verflucht und dafür die perfekte Vergangenheit verspricht. Nicht weil er mit seinen Lösungsansätzen überzeugt und so belegt, dass er es besser weiss, sondern weil die andern bereits bewiesen haben, dass sie es ihrerseits nicht besser können. Wir sind frustriert, Fauchen hilft und Fluchen befreit. Schluss mit Schmusekurs und Schweigen zu Migrationshintergründen und Kausalzusammenhängen, die Ehe ist nicht für alle, hier gelten unsere Regeln und wir sind das Volk. Weg mit den andern, Frauen an den Herd, Männer an die Macht. Ist ein jeder seines Glückes Schmied, wird alles gut im freien Markt. Howgh!

Was zählt ist Meinung, das geht auch ohne Haltung. Die Wirkung ist die neue Wahrheit. Postfaktisch ist das internationale Wort des Jahres 2016, das uns gelehrt hat: man kann weder Bildern noch Worten trauen, darf alles behaupten, muss nichts belegen aber alles faktenchecken. Das geht in beide Richtungen, Wahrheit und Lüge sind nun einmal relativ. Die Fakten gehören insofern auf den Tisch, als sie die eigene Ansicht akzentuieren, andernfalls werden sie wie eh und je unter den Teppich gekehrt. Damit einher geht auch die Abkehr vom politisch Korrekten. Aus Höflichkeit wird Heuchelei, aus Taktgefühl Schönfärberei. Lassen wir sie raus, die Emotionen, seien wir direkt und politisch unkorrekt! Schleichend werden die Gepflogenheiten umgepflügt, nun muss sich erklären, wer Geflüchtete statt Flüchtlinge sagt, fürs Umständliche bei Menschen mit einer Behinderung bittet man besser sofort um Entschuldigung, die ausdrückliche Nennung von mitgemeinten Genera ist selbstredend zu unterlassen. Was man zwischendurch schon auch mal sagen durfte, ist zur alltäglichen Gewohnheit geworden. Ehrlichkeit erkennt man an der einfachen Direktheit, Differenziertes ist undurchsichtig und damit verdächtig. Das private Schimpfen ist mittlerweile auch in aller Öffentlichkeit salonfähig. Schamlos wird auf allen verfügbaren Kanälen getrollt, gepöbelt und gedroht.

Satire darf alles, und alle dürfen heute Satire, das wird wohl rasch zynisch, doch befreit es, zwar nicht von belastenden Sorgen, aber wenigstens von lästiger Verantwortung. Schuld an fehlenden und falschen Fakten sind andere. Es ist nur konsequent, wer für gekaufte Ansichten nichts bezahlen will. Informieren kann man, muss man sich aber nicht, Newsabstinenz ist zur Tugend geworden. Noch nie hatten wir so leicht Zugang zu derart viel Wissen, mehr als jemals zuvor sind Informationen und Hintergründe in diesem Ausmass gratis verfügbar, für jeden prüfbar und grenzenlos vertretbar. Trotzdem sind die Debatten nicht fundierter und differenzierter, sondern plakativer, dogmatischer und fanatischer geworden. An Theken und Tischen im futuristischen Retrodesign bewirtschaften von Defätismus affizierte Talkrunden Terrorangst, Demokratieverlust, Flüchtlingsstrom und Armutsrisiko. Aus Kursen und Seminaren wissen wir, dass am Ende jeder Veranstaltung ein Aktionsplan und die erfolgreich bestandene Lernkontrolle das mindeste sind, was man mit nach Hause nehmen kann. Was nach Ablauf der Sendezeit von Fernsehdiskussionen bleibt, ist zumeist wenig mehr als die Erkenntnis des armen Tors: man ist so klug als wie zuvor.

Das alte Jahr ist aufgezehrt, man sollte es hinter sich lassen, das neue nicht mit Gejammer übers vergangene beginnen. Fürs Jahr 2017 könnten wir uns von Medien und Politik ja für einmal ein Wort des Jahres wünschen. Wie wäre es mit Debattenkultur, Handlungskompetenz oder Zukunftsvision? Interaktion oder Gemeinsinn? Ein Weg dahin führt für Kaspar Surber in der woz auf die Allmende, zum Gemeingut, zum Service public. Im Forumstheater InFormation über den Untergang der Zeitungen äusserte ein Zuschauer die Ohnmacht, die der Informationkonsum hinterlässt: nach der Lektüre fühlt man sich handlungsohnmächtig. Immer wieder wird das aktivere Interagieren von Medienschaffenden mit ihren Usern und Lesern gefordert. Die Medien dürften ruhig mehr Unruhe stiften, auch miteinander debattieren und gegenseitig kritisieren. Howgh – nicht nur im Sinne von „Ich habe gesprochen“, sondern „Ich bin fertig, Du bist dran!“

 

 

Wahlbauchweh

Seit Trumps Triumph übt die politische Elite kleinlaut leise Selbstkritik, umso ostentativer betreibt die Medienwelt ihre Nabelschau. Aus alten Erkenntnissen und populären Erklärungen werden scheinbar neue Einsichten ruminiert. Die klassischen Medienhäuser haben ihren Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesellschaft verloren, sind nicht mehr Gatekeeper zur Öffentlichkeit, nicht länger Gralshüter der Information und keine Garanten mehr für Wahrheit – sie können jetzt auch Lügen pressen und Fakenews teilen. Gewandelt hat sich auch das Publikum, will objektiven Meinungsjournalismus mit gemütserregender Hurtigkeit und kostenlosem Tiefgang. Teilen ist das neue Lesen! Die zunehmende Unberechenbarkeit der Konsumenten zwingt Werbende förmlich zu präziserem Zielen. Um mit aufwändigem und folglich kostspieligem Journalismus Geld zu verdienen, muss man sich heute viel einfallen lassen – und tut sich offensichtlich schwer damit.

Während es im Reich der sozialen Medien angeblich immer leichter gelingt, Wähler und Werbegelder für sich einzunehmen, verlieren die etablierten Parteien ihre Anhänger und das traditionelle Mediengeschäft Leseranteile und Werbeetats. Trotzdem bleiben Klicks, Zeitnähe und Reichweite auch dort das Mass aller Dinge. Im Krieg um materielle Aufmerksamkeit folgt dem embedded journalism das nicht minder beschönigende native advertising. Der Konsument begreift: er will, was man ihm gibt. Während Medien auf der Frontseite Facebook und Google die Schuld geben, verteilen sie an der Hintertür den Inhalt gratis, hüllen Qualität in plakative Mäntel und geben lieber Hochglanzkataloge mit Luxuslösungen heraus als Alltagsprobleme auf Umweltpapier zu debattieren. Ob nun verzweifelt oder nur phantasielos, die Verlage bauen um und entlassen holzmediale Journalisten, um sie durch Ressourcen mit „anderen, digitaleren Anforderungsprofilen“ zu ersetzen. Früher hätte man sie vielleicht Schreibstubenhocker genannt, heute vertippen sie im Newsroom real-time Ereignisse aus der vernetzten Welt. Primeurs wurden mit Zitieren belohnt, Viralität misst man am Teilerfolg. Weil die Sharing Economy aber auch ihre Tücken hat, sponsern Medienhäuser dieser Tage wohl auch keine Journalismusprofessuren, sondern einen Lehrstuhl für Datenwissenschaft.

Journalisten lebten in einer elitären Filterblase, heisst es, seien miteinander verbandelt und hätten deshalb keinen Bezug mehr zur Aussenwelt. Religion ist Opium fürs Volk, ein Glaubenskrieg Gift für die Demokratie, doch ein solcher tobt gerade flächenbrandend. Nicht nur die Leserschaft ist nicht mehr einer Meinung, auch die Medienschaffenden sind sich uneinig. Manch einer sucht den Erfolg mit Selbstvermarktung und wendet sich wie Hinz, Kunz und lobbyierende Grosskonzerne direkt an sein Publikum. Für andere ist Konvergenz mehr als ein Modewort von Managern, sie kämpfen für ein Umdenken und plädieren für mehr Engagement der Journalisten in den Debatten der Kommentarspalten. Doch weil Journalisten ob des allgemeinen Kahlschlags kaum gleichzeitig länger recherchieren, schneller produzieren und engagierter debattieren können, bleibt es bei der Feststellung von Michèle Binswanger, dass es im Journalismus dringend neue Wege brauche, nur sei keiner da, dem einer einfiele. Wie in der Politik heisst es mangels anderer Ideen: der gute alte Journalismus ist alternativlos. Vor allem ist er wie der gute Rat: teuer!

Auf der Suche nach Finanzierungsmodellen gehen die Ansätze im Sinne einer Risikodiversifizierung in alle Richtungen. Von der Wirtschaft hat man gelernt, sich mit der Konkurrenz einzulassen, wenn man sie nicht besiegen kann, so klagt man gegen und kooperiert trotzdem mit Google. Mit Regulierung soll Facebook in die Pflicht genommen werden, ein probates Mittel gegen Ohnmacht in der Politik. Dass es allerdings auch Finanzierungsmodelle gibt, die durchaus erfolgreich sein können, beweist ausgerechnet die WOZ. So verpönt Ironie im  Journalismus sein mag, im schnelllebigen Netz sorgt sie für manche Pointe: Zwei Einzelaktivist_innen suchten die öffentliche Aufmerksamkeit, indem sie ihren Text zum Gedenktag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen als Tagesanzeiger-Artikel von Constantin Seibt erscheinen liessen. Sie kritisierten damit die mangelnde Berichterstattung über das Thema, was sie deshalb als grossen Missstand für unsere Demokratie empfänden, weil Leitmedien Meinungsmacher seien. Tatsächlich tragen die Medien demnach durchaus Verantwortung für die Meinungsbildung in der Gesellschaft, dasselbe gilt auch für die Politik. Nach der Ökonomisierung der Medien ist die Ökonomisierung der Politik nur der nächste logische Schritt. Auch das kann man aus der Trumpwahl lernen: „Man redet ja gern vom Staatsmann, aber man vergisst zu fragen, wo der Staatsmensch ist“, schrieb Peter Sloterdijk in der Zeit. In Wahrheit tragen wir die Verantwortung.

Abgehängt und eingespannt

Er hat die Abgehängten abgeholt und eingespannt: Donald Trump. Während die einen editorial von aufgeführten Freudentänzen berichteten, beschrieben andere das Wahlergebnis als Albtraum mit bösem Erwachen. Zu ihnen gehören auch viele Medienschaffende, die sich nach der Entscheidung ihrerseits abgehängt fühlten und mit reichlich Selbstkritik trösteten. Post festum wurden Umfragen kritisiert, Vorwürfe gemacht und Stilfragen erörtert. Beschuldigt wurden Social Media und die chronisch elitäre Lügenpresse, zu viel sei über politisch Unkorrektes und zu wenig über korrekte Politik gesprochen worden. Medien, die unter der Digitalisierung leidend sich aus ökonomischen Gründen Qualität immer weniger leisten können, vermögen weder mit Fakten noch mit Meinungen etwas auszurichten gegen Twitterbots als Wahlkampfhelfer und Fake News als Geschäftsmodell cleverer Teenager.

Fakt ist, dass jene mehrheitlich schwiegen, die sich schliesslich für Trump entschieden. Aussagekräftige Umfragen sind unmöglich, wenn die Mehrheit sich nicht traut, ihre Meinung laut zu äussern, zumal der Rest von Presse, Politik und Echokammern manipuliert ohnehin keine eigene mehr hat – und wie manche Politiker meinen – auch keine haben soll. Jedenfalls scheint dies vielen gerade dann zu passen, wenn es um die ganz grossen Zusammenhänge geht: Handelsverträge und Flüchtlingsströme. Unter beidem aber leiden jene, die man weiland als Globalisierungsverlierer bezeichnet hat und heute als „Abgehängte“ tituliert. Sie fühlen sich unverstanden, übergangen und vergessen von den Regierenden, den Reichen und Mächtigen, verdrängt und überrollt von dem, was ist und noch kommen wird. Sie geben denen ihre Stimme, die sie hören und ihnen Besseres versprechen. Nun wetzen auch die Freudentänzer ihre Messer, die diesseits des grossen Teichs die zunehmende Zahl der Abgehängten jetzt erst recht für ihre Zwecke einspannen wollen.

Hier wie dort geschieht all dies im Namen von Volk und Demokratie und zum Wohle der von der regierenden Elite in der Schweigespirale Vergessenen und Abgehängten. Es ist eine lukrative Zielgruppe, denn die Mittelschicht wächst, und zwar nach unten. Wo früher Aufstiegshoffnungen den liberalen Geist beflügelten, erstickt nun die Abstiegsangst den Sinn für Offenheit. Fleissig angefacht wird das Furchtfeuer von den Populisten, die den Teufel pechschwarz an immer neue Wände malen: der aufgeblasene Staat saugt einem das Geld aus der Tasche, die Fremden assimilieren uns (und wir wissen: resistance is futile). Während für den strampelnden Mittelstand die Steuerbelastung zunimmt, man ab fünfzig kaum mehr Arbeit findet und die Rente nicht mehr sicher ist, sinkt das Einkommen, schmilzt der Bonus und löst sich das Ersparte im Negativzins auf. Da fragt man sich schon, warum das grosse Geld schwerelos nach oben schwebt und das kleine Münz zu Boden kracht. Aus Unzufriedenheit und Angst wird seit jeher Wut, für die es klare Fronten braucht, damit sie abgeladen werden kann. Da ist differenziertes Abwägen aller Aspekte ebenso wenig gefragt wie die Einsicht, dass es nicht für alles immer auch den einen Schuldigen gibt. Es geht auch einfacher: Abgehängte gegen Eliten. Wer zu nah an der Trennlinie steht, kann sich da rasch auf der andern Seite handelnd wiederfinden.

Die Elite, das sind die andern, die Schuldigen. Kein Wunder, will keiner mehr dazu gehören. Reichten früher auch Geldadel und Goldinterieur nicht, um Teil von ihr zu werden, kann man sich heute ungeniert trotz Gold und Geld glaubhaft als ihr nicht zugehörig gegen sie auflehnen. Selbst Macht ist kein Grund mehr, sich ihr zurechnen zu müssen. Verdächtig hingegen sind Intellektuelle und Tolerante, politisch Korrekte und moralisierende Gutmenschen. Gegen diese Elite lehnt sich das Volk auf, angeführt von deren Vertretern, die behaupten, als einzige die Wahrheit zu sagen, aufrichtig zuzuhören und ehrlich für das Richtige einzustehen. Statt politisiert wird polarisiert, wobei paradoxerweise gerade Pole wie Dominosteine fallen: mit links und rechts lässt sich nichts mehr erklären, auch das konservativ-progressiv Schema bröckelt. So ist es keineswegs mehr inkonsequent, wenn Arbeiter einen Unternehmer wählen, Latinos für einen Weissen stimmen, Arme sich von einem Wohlhabenden verstanden fühlen und Frauen Trump mehr trauen als Clinton. Die Frauensolidarität gehört ebenso der Vergangenheit an wie Regierungsdynastien. Nach den angry birds kamen die angry white men, und nun – so viel  Gleichberechtigung muss sein – die angry white women. Sie sind weiss, weiblich und wütend, wenn auch nicht alle aus demselben Grund.

Nebel im November

Der Nebel kriecht nun wieder Nacht für Nacht im Schutz der Dunkelheit ganz unbemerkt ins Tal. Bis zum Morgengrau bleibt er dort liegen, faul und nasskaltschnäuzig lässt er sich, wenn überhaupt, erst um die Mittagszeit von der Sonne aus dem Talgrund jagen. Der Vertriebene hinterlässt Schwaden, die Acker dampfen und zeugen vom eben erst verlassenen Bett. Der Nebel weiss wohl, wie prächtig das Tal sich ohne ihn im Herbstlicht präsentiert. Wie Staub und Spinnweben lag er eben noch zäh auf Bach und Büschen, begrenzte den Blick über die Felder und versperrte die Sicht zum Horizont. Kaum ist die feuchte Last gehoben, strecken sich goldene und blutrote Bäume vor dunkelgrünen Tannen, breiten sanfte Hügelketten sich an der Sonne aus und ragen schon weisse Gipfel in den stahlblauen Himmel.

Es ist November, die Natur ist abgeerntet, ausgepresst und ausgeweidet, die Ernte eingekocht, eingemacht und eingekellert, gesüsst, gedörrt oder gekeltert haltbar gemacht. Was von ihrer Kraft noch übrig ist, hockt jetzt in den Bäumen und treibt es kunterbunt. Als gälte es noch einmal alles herzugeben, was die Natur an Farbigkeit zu bieten hat, breitet sich jenseits des Nebels die Postkartenlandschaft beinah täglich vor uns aus. An Erntedankfest und Thanksgiving, Halloween, Diwali und Martini, überall bricht sich die Freude mit Geselligkeit und Lärm noch Bahn, bevor dann mit dem Winter Ruhe einkehrt. Im Tal tappt man dann morgens im Dunkeln aus dem Haus, tastet sich hilflos durchs Grau und erhascht im besten Fall zur Mittagszeit einen Milchhauch von Sonnenschein, bevor die Nacht bereits frühnachmittags wieder über einem hereinbricht. So mancher Baum steht schon halbnackt da, bald hat der Wind das quirrlige Laub zu seinen Füssen ganz weggeblasen und von ihm wird nur noch ein stummes Skelett übrig bleiben.

Nach dem Sommer an der frischen Luft wirkt das Einpferchen freilich disruptiv. Bei Wind und Regen drängen sich selbst eingefleischte Velofahrer und Fussgänger in enge Blechwagons. Dank Mantel, Rucksack und Kopfhörer von der Umwelt abgeschirmt, drängen sie aus der Dunkelheit kommend allmorgendlich ins grelle Licht und merken nicht, wo ihre eigene Welt diejenige des nächsten bedroht. Ein Fuss, das Knie, Ellbogen oder Oberarm, einmal ist keinmal. Reagiert das Gegenüber auch im Wiederholungsfall nicht mit diskretem Rückzug, versucht man es mit Räuspern, schickt den bösen Blick voraus und hofft, laute Worte liessen sich in öffentlicher Stille vermeiden. Doch dann grinst der Bengel einfach schnoddrig, tapt so ungerührt wie ungeniert weiter auf seinem Smartphone herum. Man fühlt den Druck, mit dem sich der Unterkiefer an den Oberkiefer presst, und weiss: es ist nicht jenes Zähneknirschen, mit dem man den Ärger runterschluckt. Mildernde Umstände sind keine auszumachen, von mit jugendlicher Unreife Entschuldbarem trennt den Bengel mindestens eine Generation.

Es ist November. Trübe Zeiten stehen uns bevor: überheizte Räume, eisige Winde, gehässiges Gedränge und über allem schwebt der Nebel. „Seltsam, im Nebel zu wandern“, beginnt Hesses Gedicht, geschrieben im November 1905. Während uns in der Natur das Grau die Sicht versperrt, behelfen wir uns im urbanen Gedränge mit visuellen und akustischen Wolken – Hauptsache keiner ist mehr sichtbar. Entrinnen kann man dem trüben Talgrund nur noch mittels Flucht nach oben, wo über den Wolken die Freiheit bekanntlich grenzenlos ist. Dort trifft man sich dann wieder: kaum aufgestiegen, lassen sie sich genauso schamlos nieder, rempeln in der Schlange und plaudern aus der Schule, wie sie im Zug Sitzplätze einnehmen, Gänge versperren und am Handy über Intimes parlieren. Glücklich sind diejenigen, die im November gegen den Strom in die Berge fliehen und die Schönheiten eines Nebeltages im Tal geniessen können, wenn die Massen auf die Gipfel tippeln. Herrlich ist die Einsamkeit, wenn man sie unterm blauen Himmel und an der warmen Sonne geniessen kann, herbei sehnt man sich die Ruhe, wenn man im Gedränge geht und steht. Ob wir wohl anständiger miteinander umgehen würden, wäre zwischen uns im Tram auch Nebel? Vielleicht dann, wenn wir die Ummantelung ablegen und dafür wieder mit allen Sinnen wahrnehmen, was um uns herum so vor sich geht. Im Nebel sieht man nichts, dafür schärft man alle anderen Sinne. Wir können das ja nun bis zum Frühjahr üben. 

Luftblasen platzen lautlos

Die Sommerpause ist längst vorbei, ich unterzog mich keiner Newsdiät und auch an einer Schreibblockade lag es nicht, dass dieser Kanal länger stumm geblieben ist. Tatsächlich aber hört man besser, wenn man leiser tritt. Beim Lesen fragt man sich gelegentlich, woher ein Schreibender die Zeit für seine Zeilen nimmt, mit welchem Ziel er sie zumeist sich selber stiehlt und ob sich der Aufwand am Ende lohnt. Kommentiert und diskutiert wird denn auch besonders gern das Schreiben selbst, von der Literatur- bis zur Medien- und Netzkritik sättigt sich so manches Thema in der Endlosschlaufe an sich selbst und schwingt sich in immer neue Metahöhen empor. Auch der Lärm in Sachen Lügenpresse versus Wahrheitsblogs ist weder im Sommergezirpe untergegangen noch in der Hitze ausgetrocknet. Unter ökonomischem Druck diversifizierten die grossen Medienhäuser weit über den Tellerrand der Publizistik hinaus, las man, Leitmedien schrieben ihren Geldgebern in getarnten Werbetexten nach dem Mund und fütterten die Leserschaft mit allzu leichter Kost.

Deutlich zuverlässiger, transparenter und wahrer seien unabhängige Beiträge, die im grenzenlosen Netz mit schwindelerregender Geschwindigkeit erscheinen, sich neu erfinden, fusionieren, plötzlich anderswo auftauchen und manchmal auch wieder verschwinden. Die gesellschaftliche und polische Debatte findet im digitalen Zeitalter mehr und mehr im Netz ihre Foren. In Kommentaren auf Newsplattformen und Facebook, auf Twitter und in Blogs finden sich Gleich- und Andersgesinnte zum Schulterklopfen, Säbelrasseln und Klingenwetzen ein. Hier wird nicht nur informiert, sondern auch Geheimes ans Licht gebracht, werden Fakten gecheckt, die Lügenpresse entlarvt und Wahrheiten gesagt. Doch was auf den ersten Blick dank Transparenz die Demokratie zu sichern scheint, hält das Versprochene bei genauerem Hinsehen selten. Das Leisertreten macht auch die Filterblasen besser sichtbar, die einen mit ihrer Durchsichtigkeit unbemerkt umhüllen und säuberlich vom Inhalt unzähliger weiterer Blasen abschirmen, in denen sich andere Informationen ihrerseits zu Meinungen formen.

Vorzeiten klatschten die Weiber waschend am Dorfbrunnen, während ihre Männer sich um den Stammtisch versammelt auf die Ausübung des ihnen vorbehaltenen Stimmrechts vorbereiteten. 1971 bekamen nicht nur die Frauen ihr Stimm- und Wahlrecht, sondern übernahm auch die SRG von der SDA die alleinige Verantwortung für ihre Radionachrichten. So fand sich Familie Schweizer fortan in der guten Stube vor dem Sendegerät ein, um sich zu informieren und das Erfahrene zu diskutieren, bevor man sonntagsidyllisch gemeinsam an die Urne spazierte. Nun hören wir den Informierenden oft über Kopfhörer zu und teilen andern unsere Meinung tippend mit. Wieder trifft man sich nicht physisch am selben Ort, sondern findet sich im eigenen Forum zur sortengetrennten Debatte ein. Die Frau würde ihrem Mann schon sagen, was er stimmen soll, hiess es früher, was vermuten lässt, dass Herr und Frau Schweizer sich nach ihrer Rückkehr von Dorfbrunnen und Stammtisch über das individuell Erfahrene auch miteinander unterhalten haben. Das gesonderte Debattieren ist nur dann ein Problem, wenn jeder sich in seiner Filterblase über seine eigene Meinung freut.

Das Netz nimmt wohl gierig alles auf und man kann sich darin jederzeit geilgeizig bedienen, doch zu einem wahrlich gemeinsamen Debattenforum fürs reale Leben taugt es wenig. So manches Blog vermittelt unverzichtbare Fakten und erhellende Ansichten, Beiträge können geteilt, kommentiert und kritisiert werden – keine Frage, überall entstehen lebendige Diskussionen, kann man Erkenntnisse gewinnen und sich eine eigene Meinung bilden. Luftblasen aber platzen lautlos: verstummt ein Kanal im Netz, geschieht es meist still und unbemerkt. Keine Timeline macht mit Senderrauschen auf ausgebliebene Tweets, Posts und Links aufmerksam, sie wirkt wie immer: übervoll. Replayfunktion, Mediatheken und Youtube haben uns vergessen lassen, wie Testbild und Bildrauschen uns im analogen Zeitalter noch auf versiegte Informationsquellen aufmerksam gemacht haben. Sind sie dereinst verschwunden, wird es vielleicht tatsächlich niemandem mehr auffallen, doch wer Leitmedien und Service public selbst in ihrer digitalen Erscheinungsform ausschliesslich als elitäre Holzmedien und Staatssender verunglimpft, ignoriert deren Funktion als öffentliche Arena. Weil sie vor aller Augen und Ohren Informationen liefern, Reaktionen sammeln und so jene Seidenfäden verknüpfen, die täglich überall ausgelegt werden, weben sie den festen Stoff der uns erlaubt, am selben Strang zu ziehen. Nur kümmert es im postfaktischen Zeitalter halt keinen mehr, wenn er ins Leere schreit – vom eigenen Echo erwartet niemand Widerspruch.

Schmieriges Rollenspiel

Spätestens wenn wir von einem bestimmten Verhalten die Nase voll haben, gebiert unsere Sprache ein neues Verb dafür. Gendern ist so ein Wort, klebrig und schmierig wie der Staub in der Küche, wenn er sich mit Dampf und Fettspritzern vermischt, oder auf dem Garagenboden ausgelaufenes Motorenöl, das sich über die Jahre pechschwarz in den Zement gefressen hat. Hör auf zu gendern! Das klingt andererseits aber auch glasklar und eindeutig, scharfkantig wie der Grat, auf dem man balanciert beim Versuch, nicht hinter allem und jedem eine Diskriminierung zu vermuten. Bis man schliesslich doch ausrutscht und fühlt, wie der eigene Fuss gerade wieder einmal im Küchenfettnäpchen oder Garagenöltöpfchen versinkt. Es ist sehr dünnes und nicht minder glattes Eis, auf dem sich Frauen bewegen, wenn sie mit Männern sprechen, und gilt auch umgekehrt. Kaum ein Thema, das nicht vermint ist, vom Kinderspielplatz bis zum Bürosandkasten laufen wir Gefahr, dem Gegenüber auch dann sämtliche Sünden des Geschlechts vorzuwerfen, wenn wir die einschlägigen Begriffe tunlichst meiden.

Mir begegnete das Wort gendern erstmals im Zusammenhang mit geschlechtergerechter Sprache und dem zwängelnden Versuch, dem männlichen Bias mit weiblicher Verkomplizierung Herr zu werden. Die Absicht war eigentlich eine lautere: Mit der Erwähnung beider Formen, dem grossen I oder langen Unterstrichen wollte man den Horizont erweitern und unser Bild vom Arzt mit der Vorstellung einer Ärztin ergänzen. Weil der Mensch ist, was er denkt, so glaubte man, muss man ihm vorschreiben, worauf er nicht von alleine kommt. Nun lesen wir von Lehrpersonen und stellen uns eine Lehrerin vor, wissen, dass es Schreinerinnen gibt, trotzdem ist das Bild dazu ebenso ungewohnt geblieben wie das Wort dafür. Stattdessen denken wir nun neue Dinge, die wir vorher gar nicht kannten: ein vernünftiges Debattieren ist zum Spiessrutenlauf geworden. Darf er ihr im engagierten Diskurs ins Wort fallen, ohne dass sie ihm das gleich als überhebliches Mansplaining auslegt? Kann sie ihm von unappetitlichem Alltagssexismus erzählen, ohne dass er sie deshalb eine eklige Emanze schimpft?

Simone de Beauvoir erkannte es: man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht. Wir begriffen bald: brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Mit den Waffen einer Frau verdrehten die Damen also ihren Männern in kurzem Rock und hohen Hacken den Kopf und lernten rasch, wie man die Teppichetagen erklimmt: play their game – spielt ihr Spiel, das Spiel der Männer. Nun sitzen sie auf ledernen Chefsesseln und wollen keine Quoten, sie haben längst bewiesen, wie man alles haben kann: Traummann, Kind und Karriere. Wenn die Mehrheit noch immer am heimischen Herd steht, liegt es daran, dass sie dort im siebten Himmel sind. Einsichtig liest man in der Sonntagspresse über Wissenschaft, die unter dem Diktat der Gender-Studies leidet, weil manche partout nicht begreifen, dass Geschlechtschromosomen und hormonelle Steuerung auch beim Menschen Mann- und Frausein bestimmen.

Im modernen Rollenspiel überlässt die Hausfrau Broterwerb samt Buchhaltung dem Ehemann, während sie dafür am Herd steht und den Nachwuchs nährt. Die erwerbstätige Karrierefrau hingegen mimt den Mann und entscheidet sich fürs Outsourcing der Informatik im Geschäft genauso professionell wie bei Haushalt und Kinderbetreung daheim. Wir Frauen haben alles erreicht und können wählen, ob wir Frau sein oder Mann spielen wollen. Wir werden als Frau geboren, wenn wir zum Mann gemacht werden, dann weil wir es so wollen. Es gilt für uns, was für Männer immer galt: wir können nichts dafür, schuld sind Hormone und Chromosomen. Deshalb wehe dem, der Frauen kritisiert, dann kullern Tränen und regieren Emotionen. Es liegt an den Genen, dass Frauen so gerne die Flucht ergreifen. Was naturgegeben ist, lässt sich nun einmal nicht ändern, da hilft auch Lamentieren nichts. Die geschlechtergerechte Sprache hat ebenso wenig unser Denken verändert wie die hartnäckige Sensibilisierung auf sexistische Zwischentöne oder schmerzhafte Beulen von Glasdecken. Es hat uns nicht dazu verholfen, einer Frau ohne mit der Wimper zu zucken zuzutrauen, dass sie nicht nur im metaphorischen Sinn tragfeste Brücken bauen kann. Dafür denken wir uns die Ärztin jetzt als Rabenmutter und den Arzt als Zahlvater. Hören wir auf zu gendern, fangen wir an, einander endlich ernst zu nehmen.