Jenseits von Feminismus

Emanze ist ein Schimpfwort, keine Frage, überhaupt gilt der Feminismus ganz allgemein als grusig gestrig. Wer sich zu Frauenrechten äussert, macht sich des Gender-Mainstreamings verdächtig, allein der Begriff verrät die Schwere des Vergehens. Von den Themen Lohndiskriminierung und Chancengleichheit sollte man – insbesondere als Frau – die Finger lassen, an Quoten nicht einmal im Ansatz denken. Ungeniert hingegen darf und soll sich jedermann in allen Regenbogenfarben über die Ehe für alle freuen, zumindest im urbanen Umfeld. Abseits der Metropolen sorgt fürs einvernehmliche Miteinander ein eher pastorales Familienbild mit Frau am Herd und Mann beim Broterwerb. Der Haupstrom fliesst nun einmal nicht überall im selben Bett. Besonders trübes Wasser ergiesst sich über schmieriges Gestein, wenn Rassismus und Sexismus sich paaren und nicht jener der Frauen, sondern ein männlicher Penisneid sämtliche damit verbundenen Urängste weckt.

Stellungen werden bevorzugt allgemein bezogen: man ist pauschal gegen Genderismus oder generell gegen Diskriminierung. Weil der Kampf für etwas ohne Mitstreitende aussichtslos bleibt, wird ordentlich gefordert, wofür sich deutlich leichter auch Gefolgschaft finden lässt. Kein Wunder engagieren sich Frauen nicht mehr standhaft für gleiche Rechte in der Gesellschaft, sondern fordern vom Staat stattdessen mehr Unterstützung bei der Erfüllung ihrer Pflichten als Ehefrau und Mutter. So wie die Männer in den vergangenen Jahrzehnten nur widerwillig bereit waren, ihre gewohnten Privilegien Häppchenweise an die Damen abzutreten, sind es nun die Frauen, die auf ihre verbliebenen Vorrechte nicht mehr verzichten wollen. Nicht auf Augenhöhe, sondern Aug in Aug stehen sich die Geschlechter einander gegenüber, umkreisen sich wie Raubkatzen, knurrend, fauchend, futterneidig und ihre Pfründe verteidigend. Es herrscht ein Patt des voneinander Weichens, beim kleinsten Fehler kratzt man sich gegenseitig die Sehorgane aus. Weit entfernt von einem ebenbürtigen Miteinander dominiert wieder das giftige Gezänk, dank nunmehr gleich langen Spiessen ab und an auch gern mit umgekehrten Rollen.

Anerkennung findet selbst das Kreuzen der Klingen innerhalb der eigenen Reihen. Einst wollten sie das enge Nest verlassen und im weiteren Leben nach Erfüllung jagen, nun ist es einigen drinnen an der Wärme wohl so bequem geworden, dass sie nicht selten schmutzig über jene lästern, die draussen in der Kälte wirklich leiden. Nach dem Erringen der Gleichberechtigung sollte eigentlich eine post-feministische Überwindung der Geschlechterfrage folgen, doch die Freiheit nach der Gleichheit scheiterte an der Brüderlichkeit der Schwestern. Das einstmals kluge Wirken der Blaustrümpfe schlug in Neo-Feminismus um, über den sich aus weit besseren Gründen schimpfen liesse. Ohne mit den künstlichen Wimpern zu zucken, verkünden stolze Nicht-Emanzen neben einem Gummipuppenlippenbild, dass auch sexy Frauen klug sein können. Weil manche meinen, als Täterinnen die erreichte Emanzipierung beweisen zu können, lehnen sie die Opferrolle ab, tatsächlich Betroffenen werfen sie verbissen vor, der Sache der Frauen mit Absicht nicht zu dienen. Ein Glashaus aber wird auch dann nicht zum Gemäuer, wenn man die Existenz jeglicher Glasdecken ignoriert, nur die Scheiben werden blind.

Die letzte Schlacht im Kampf um Egalität ist letztlich nur zu gewinnen, wenn Frauen sich den Widrigkeiten der äusseren Welt mit allen Konsequenzen stellen. Doch statt auf der Zielgeraden durchzuhalten und auch dann noch solidarisch zu bleiben, wenn dies Gegenwind auf dem eigenen Pfad bedeutet, wechselt manche lieber elegant die Seite und profitiert vom Strom in umgekehrter Richtung. Resigniert im Kampf gegen die ständige Aberkennung ihrer Rechte, pervertiert sie die Kränkung in Stolz, nennt sich selbst Bitch und vertuscht damit ihre Kapitulation. Es ist wie mit dem Liberalismus, dessen konstruktiven Kern Populisten aus gutem Grund unterminieren, ebenso zersetzen die Neo-Feministinnen den einst thymotischen Feminismus, bis nur noch der überwunden geglaubte erotische übrig bleibt. Wer Macht hat, hängt daran. Indem man andere in Scheingefechte verwickelt, hält man sie vom Sägen am eigenen Stuhlbein ab. Vom Klassenkampf ist nur der Geschlechterkrieg geblieben, die Aufmerksamkeit liegt dank erfolgreicher Empörungsbewirtschaftung jenseits der wirklich drängenden Fragen und von sachlicher Vernunft ist die politische Debatte weit entfernt. Der Logos ist männlich, es sind am Ende dann auch Männer, die nach dem weibischen Gezänk schliesslich reflektiert und vernünftig das Wort ergreifen. Einmal mehr schweigen die grossen Stimmen, allen voran die weiblichen. Wo Worte Waffen sind, dient Pazifismus allzu oft als Feigenblatt.

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Schmieriges Rollenspiel

Spätestens wenn wir von einem bestimmten Verhalten die Nase voll haben, gebiert unsere Sprache ein neues Verb dafür. Gendern ist so ein Wort, klebrig und schmierig wie der Staub in der Küche, wenn er sich mit Dampf und Fettspritzern vermischt, oder auf dem Garagenboden ausgelaufenes Motorenöl, das sich über die Jahre pechschwarz in den Zement gefressen hat. Hör auf zu gendern! Das klingt andererseits aber auch glasklar und eindeutig, scharfkantig wie der Grat, auf dem man balanciert beim Versuch, nicht hinter allem und jedem eine Diskriminierung zu vermuten. Bis man schliesslich doch ausrutscht und fühlt, wie der eigene Fuss gerade wieder einmal im Küchenfettnäpchen oder Garagenöltöpfchen versinkt. Es ist sehr dünnes und nicht minder glattes Eis, auf dem sich Frauen bewegen, wenn sie mit Männern sprechen, und gilt auch umgekehrt. Kaum ein Thema, das nicht vermint ist, vom Kinderspielplatz bis zum Bürosandkasten laufen wir Gefahr, dem Gegenüber auch dann sämtliche Sünden des Geschlechts vorzuwerfen, wenn wir die einschlägigen Begriffe tunlichst meiden.

Mir begegnete das Wort gendern erstmals im Zusammenhang mit geschlechtergerechter Sprache und dem zwängelnden Versuch, dem männlichen Bias mit weiblicher Verkomplizierung Herr zu werden. Die Absicht war eigentlich eine lautere: Mit der Erwähnung beider Formen, dem grossen I oder langen Unterstrichen wollte man den Horizont erweitern und unser Bild vom Arzt mit der Vorstellung einer Ärztin ergänzen. Weil der Mensch ist, was er denkt, so glaubte man, muss man ihm vorschreiben, worauf er nicht von alleine kommt. Nun lesen wir von Lehrpersonen und stellen uns eine Lehrerin vor, wissen, dass es Schreinerinnen gibt, trotzdem ist das Bild dazu ebenso ungewohnt geblieben wie das Wort dafür. Stattdessen denken wir nun neue Dinge, die wir vorher gar nicht kannten: ein vernünftiges Debattieren ist zum Spiessrutenlauf geworden. Darf er ihr im engagierten Diskurs ins Wort fallen, ohne dass sie ihm das gleich als überhebliches Mansplaining auslegt? Kann sie ihm von unappetitlichem Alltagssexismus erzählen, ohne dass er sie deshalb eine eklige Emanze schimpft?

Simone de Beauvoir erkannte es: man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht. Wir begriffen bald: brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Mit den Waffen einer Frau verdrehten die Damen also ihren Männern in kurzem Rock und hohen Hacken den Kopf und lernten rasch, wie man die Teppichetagen erklimmt: play their game – spielt ihr Spiel, das Spiel der Männer. Nun sitzen sie auf ledernen Chefsesseln und wollen keine Quoten, sie haben längst bewiesen, wie man alles haben kann: Traummann, Kind und Karriere. Wenn die Mehrheit noch immer am heimischen Herd steht, liegt es daran, dass sie dort im siebten Himmel sind. Einsichtig liest man in der Sonntagspresse über Wissenschaft, die unter dem Diktat der Gender-Studies leidet, weil manche partout nicht begreifen, dass Geschlechtschromosomen und hormonelle Steuerung auch beim Menschen Mann- und Frausein bestimmen.

Im modernen Rollenspiel überlässt die Hausfrau Broterwerb samt Buchhaltung dem Ehemann, während sie dafür am Herd steht und den Nachwuchs nährt. Die erwerbstätige Karrierefrau hingegen mimt den Mann und entscheidet sich fürs Outsourcing der Informatik im Geschäft genauso professionell wie bei Haushalt und Kinderbetreung daheim. Wir Frauen haben alles erreicht und können wählen, ob wir Frau sein oder Mann spielen wollen. Wir werden als Frau geboren, wenn wir zum Mann gemacht werden, dann weil wir es so wollen. Es gilt für uns, was für Männer immer galt: wir können nichts dafür, schuld sind Hormone und Chromosomen. Deshalb wehe dem, der Frauen kritisiert, dann kullern Tränen und regieren Emotionen. Es liegt an den Genen, dass Frauen so gerne die Flucht ergreifen. Was naturgegeben ist, lässt sich nun einmal nicht ändern, da hilft auch Lamentieren nichts. Die geschlechtergerechte Sprache hat ebenso wenig unser Denken verändert wie die hartnäckige Sensibilisierung auf sexistische Zwischentöne oder schmerzhafte Beulen von Glasdecken. Es hat uns nicht dazu verholfen, einer Frau ohne mit der Wimper zu zucken zuzutrauen, dass sie nicht nur im metaphorischen Sinn tragfeste Brücken bauen kann. Dafür denken wir uns die Ärztin jetzt als Rabenmutter und den Arzt als Zahlvater. Hören wir auf zu gendern, fangen wir an, einander endlich ernst zu nehmen.

 

 

 

 

 

La Pucelle

König Karl IV. von Frankreich hinterliess trotz dreier Ehen keinen männlichen Thronfolger und blieb der letzte gekrönte Kapetinger. Diese Gelegenheit wusste Philipp von Valois 1328 für sich zu nutzen und übernahm als König Philipp VI. die Macht. Weil Frauen nicht nur keinen Thron besteigen durften, sondern auch kein Erbrecht übertragen konnten, war der englische König Eduard III. als Sohn einer Tochter Karls eigentlich von der Thronfolge ausgeschlossen. Doch als 1337 französische Truppen seine Ländereien im Westen Frankreichs besetzten und er sich mit Philipp obendrein um die Gascogne stritt, erklärte er diesem trotzig den Krieg und verlangte die französische Krone. Das Gezänk der beiden endete im Hundertjährigen Krieg, in dessen zweiter Hälfte die wohlhabenden Bauern Jacques Darc und Isabelle Romées in Domrémy Eltern einer Tochter wurden. Das Kind tauften sie auf den Namen Jeanne. Wenig später siegte der englische König Heinrich V. in der Schlacht von Azincourt über die Franzosen.

Zum Teenager herangereift brach Jeanne Darc an Weihnachten 1428 auf, um Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin auf seinen Thron zu führen. Mit enormem Aufwand wurde mehrfach überprüft, ob ihre Visionen echt und die Jungfräulichkeit intakt war, dann liess man der jungen Dame eine Rüstung anfertigen, stellte ihr eine kleine, ziemlich undisziplinierte Einheit zur Verfügung und schickte sie auf die erste Mission. Schon in wenigen Wochen waren die Engländer aus allen Burgen südlich der Loire vertrieben. Im Juli nahm Jeanne samt ihrer Siegesfahne in der Kathedrale von Reims an der Krönung Karls VII. teil. Doch der Erfolg währte nicht lange, manch einer begann wenig ritterlich mit der Unterwanderung von Jeannes Einfluss auf den König. Während sie tapfer versuchte, auch die übrigen Franzosen aus englischen Krallen zu befreien, fiel sie 1430 den Burgundern in die Hände, welche sie an die Eroberer verkauften. Die Engländer ihrerseits hatten alles Interesse daran, die erfolgreiche Kriegerin auszuschalten, und übergaben sie der notorisch effizienten Inquisition.

In einem dreimonatigen Prozess wurde Jeanne d’Arc zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, sollte sie dem Irrglauben und ihren falschen Überzeugungen nicht abschwören. Wohl aus Angst vor dem schrecklichen Feuertod tat sie es am Ende doch, worauf sie am 19. Mai 1431 als einsichtige Ketzerin zu lebenslanger Haft verurteilt und exkommuniziert wurde. Doch das reichte den Engländern nicht, zu gross war die Gefahr, dass die Heldin von den Dauphinisten befreit werden könnte, und zu gering war die Wirkung der Verhaftung, schliesslich konnte man nur durch ihren Tod auch den Feind Karl VII. als Komplizen einer schweren Sünderin in den Abgrund zerren. So wurde ihr erneut der Prozess gemacht. Als Beweis für ihre Ketzerei diente auch die Tatsache, dass sie im Gefängnis Männerkleider trug. In Wahrheit wollte man ihr keine anderen geben, sie wurde erbarmungslos gefoltert und von einem Edelmann missbraucht. Hosen waren ihre einzige Alternative zur schutzlosen Nacktheit. Am 30. Mai wurde Jeanne d’Arc in Rouen verbrannt. Ihre Asche streute man in die Seine, um jeglichem Märtyrerkult vorzubeugen. Dank der Hartnäckigkeit ihrer Mutter wurde Jeanne am 7. Juli 1456 rehabilitiert, 1909 sprach sie Pius X. selig und 1920 wurde sie von Benedikt XV. heiliggesprochen.

Die heilige Johanna ist seitdem Schutzpatronin von Frankreich, Rouen und Orléans, wacht über Telegrafie und Rundfunk und ist zuständig für Politiker. In einer Zeit der feministischen Aufbruchsstimmung, in der sich ein Land ums andere fürs Frauenstimmrecht aussprach, vertraute man moderne Technik und Politiker einer Frau an. Bis heute reitet sie auf ihrem Pferd, im Harnisch, stets mit Schwert und oft mit Fahne, in Paris und Orléans, in Reims und selbst in New Orleans steht die vergoldete Replik des Reiterstandbildes an der Place des Pyramides in Paris. La Pucelle war eine Heldin, mutig stellte sie sich dem Unbekannten und folgte ihren inneren Stimmen, tapfer und besonnen überwand sie Widerstände und brachte Opfer, um auf ihrem Weg zu bleiben. Ihre Kommunikation schlug dabei nie in Aggressivität um, vielmehr wird in den erhaltenen Protokollen der Gerichtsverhandlungen ihre kluge Rhetorik deutlich. Jeanne d’Arc beschwerte sich nicht, sondern tat alles, was in ihrer Macht stand, um die Dinge zum Guten zu verändern. »Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt?« Es bleibt zu hoffen, dass sich Politiker, erst recht wenn es um den Rundfunk geht, gelegentlich an die Klugheit der heiligen Johanna erinnern.

Bild: La statue de Jeanne d’Arc en armure, située place des Pyramides à Paris. AFP/JOEL SAGET

Krieg der Orangenhälften

Der griechische Tragödiendichter Agathon von Athen gewann anlässlich der Dionysosfeste 416 v. Chr. mit seiner Tragödie den ersten Preis an einem Wettstreit für Bühnenautoren. Den Sieg wollte er mit Freunden feiern. Seiner Einladung zum Gastmahl folgten nach heutigem Ermessen erlesene Gäste: Aristophanes, Sokrates und Phaidros. Platon berichtet im Symposion vom Herrengelage, das in Lobreden auf den Eros gipfelte. Dazu erzählte Aristophanes die Geschichte der Kugelmenschen, nach der es einst drei Geschlechter gab: ein männliches, das von der Sonne stammte, ein weibliches von der Erde und eines vom Mond, das beides war, männlich und weiblich. Dieses dritte Geschlecht war kugelrund, hatte vier Hände und zwei Gesichter. An Kraft und Stärke waren sie gewaltig und hatten auch grosse Gedanken. Sie wollten sich sogar einen Zugang zum Himmel bahnen, um die Götter anzugreifen. Diesen passte das natürlich nicht und Zeus beschloss, die Kugelmenschen zu schwächen, indem er sie in zwei Hälften teilte.

Dank Platons Symposion wissen wir seit rund 2400 Jahren, dass wir nur halbe Portionen sind auf der Suche nach der passenden anderen Hälfte. Zweifelsohne beschäftigte das Thema in jedem Jahrhundert die Menschen. Bücherberge von Meinungen, Theorien und Erkenntnissen über die Folgen der Teilung der Menschheit in Männlein und Weiblein sind uns erhalten. Selbst Max Frisch hat sich zur Angelegenheit geäussert: in seinem dritten Tagebuch ist er bestürzt, »wenn Frauen, die keinen Beruf ausüben, weil sie mit [ihm] leben, sich als Hausfrau behandelt fühlen, missbraucht als Magd«. Er steht ein für »die Emanzipation, die Revolution des Verhältnisses zwischen Frau und Mann«. Auch wenn er nicht nähen kann, er lässt natürlich das benutzte Geschirr nicht stehen und meint: »die einzige Revolution, die in unserer militarisierten Industriegesellschaft möglich ist«, sei die »Emanzipation der Geschlechter«. In der Tat erinnern die Bilder im Film Suffragette an jene einer Revolution. Statt einander zu suchen, entbrannte ein Kampf der Frauen gegen die Männer um Wahlrecht, Gleichstellung und die Erlaubnis, in der Öffentlichkeit zu rauchen.

Am 2. Mai 2016 sollte Ronja von Rönne mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet werden. Ihr war nicht nach feiern. Sie lehnte den Preis ab, weil sie sich heute von ihrem Beitrag Warum mich der Feminismus anekelt distanziert. »Mein Text war eine spontane Wutrede im Kontext einer Debatte und sollte kein lebenslanges Statement sein«, meinte Rönne an der Preisverleihung. Ihr Essay beginnt mit den Worten: »Ich bin keine Feministin, ich bin Egoistin. Ich weiss nicht, ob „man“ im Jahr 2015 in Deutschland den Feminismus braucht, ich brauche ihn nicht«. Rönne wolle sich für ihr eigenes Wohl einsetzen, schrieb sie damals, nicht für die Rechte anderer Frauen, sie habe das Frausein selbst nie als Nachteil empfunden und kenne keine erfolgreiche Frau, die Feministin sei. Der Feminismus habe sich selbst abgeschafft. Ist der Kampf also gewonnen? Tatsächlich spricht manches dafür, dass die Orangenhälften ihre andere Seite gefunden haben: es wird wieder mehr geheiratet, Partnervermittlungen boomen und Frauen wollen trotz geändertem Recht nach wie vor als Zeichen ihrer innigen Verbundenheit mit ihrem Ehemann auch seinen Namen tragen.

Was hat die mittlerweile 24-Jährige Ronja von Rönne im vergangenen Jahr erlebt, dass sie heute manches anders sieht als vor einem Jahr? Vielleicht lag es an Erdoğans Forderung, dass Frauen in der Öffentlich nicht lachen sollen, womöglich machte sie eines Tages doch die Erfahrung, dass das Frausein auch Nachteile haben kann, oder sie begann sich an Sätzen zu stören, die heute etwas subtiler klingen als zu Beginn des letzten Jahrhunderts, aber dennoch Ähnliches bedeuten: »Frauen fehlt es an Charakterfestigkeit« klingt heute so: »Für eine Frau machen Sie das ganz passabel«. Im Zank um Quoten, Löhne und Betreuungsplätze ereignen sich immer neue Spaltungen, die Orangen sind mittlerweile in einzelne Schnitze zerlegt. Anti-Feministinnen wüten gegen Feministen, Maskulinisten gegen Emanzen, die einen haben das Thema satt und andere verteidigen ungeniert ihr antiquiertes Frauenbild. Aus der spanischen Geschichte von der Suche nach der anderen Orangenhälfte ist eine Orangenschlacht nach Art der Norditaliener geworden. Der Unterschied, den es für die einen nicht gibt, und der für andere offensichtlich und unverzichtbar ist, treibt weiter seine Blüten. Die Götter im Olymp amüsieren sich derweil köstlich über ihren Coup.

 

 

 

Handreichung zum Handschlag

Weil sie im Internet gelesen hatten, dass es sich nicht gehört, eine fremde Frau zu berühren, verweigerten zwei Teenager einer Lehrerin den Handschlag. Dies führte trotz schulinterner Einigung erst zu einem medialen Aufschrei und dann zur Sistierung des Einbürgerungsgesuches der Familie. Es ist zweifelsohne unanständig, eine gereichte Hand nicht anzunehmen. Hierzulande gilt die Regel, dass der Ranghöhere als erster seine Hand zum Gruss ausstreckt, ausserhalb der Geschäftsräume ist es der Gastgeber oder die Frau, da sie in Sachen Umgangsformen wertschätzende Privilegien geniesst. Treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, wird die Sache komplizierter, weil es auf die Frage nach dem, was sich gehört, plötzlich drei Antworten gibt: seine eigene, eine fremde und den Anstand. Deshalb wechselt man im internationalen Kontext gerne auf die Metaebene der Benimmregeln, denn fast überall ist es unanständig, Gastgeber zu brüskieren und unsinnig, Kunden zu vergraulen. So reicht man üblicherweise jemandem die Hand, weil es sich so gehört, ist es dem Gegenüber aber unangenehm, aus welchen Gründen auch immer, ist es tatsächlich höflicher, ihm das Rital nicht aufzudrängen. Dies ist insbesondere dann angezeigt, wenn jemand ausdrücklich darum bittet.

Auch Grussrituale verändern sich zuweilen mit der Mode und dem Zeitgeist, meist ganz ohne den Begleitlärm lauter Empörungswellen. Mit dem Hut verschwand das Lüften desselben, zum Handkuss kommt eine Frau nur noch im übertragenen Sinn und mit dem Hofknicks im Reifenrock muss niemand mehr den Bückling machen. Aus dem Süden drang in den letzten Jahrzehnten das Wangenküssen in die nördlichen Gefilde. Unter Frauen und in gemischter Besetzung ist das Ritual mittlerweile so selbstverständlich geworden, wie das Du ohne Duzis zu machen. Immer häufiger wird der Handschlag übergangen, wird die Armlänge Intimsphäre ignoriert, die man nicht nur weiblichen Fremden gegenüber gemeinhin wahren sollte. Trotzdem wird es selbst auf höchster Ebene in aller Öffentlichkeit praktiziert und gibt gelegentlich zu reden. Das Vergnügen ist allerdings weder immer gegenseitig noch hat es sich unter Männern im gleichen Ausmass durchgesetzt, auch wenn es beherzte Ausnahmen gibt.

Darf man bei noch nicht ausreichender Vertrautheit einen Wangenkuss verweigern? Ja, indem man als Frau die Hand reicht, denn damit bedeutet sie, dass sie diese Form der Begrüssung zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch vorzieht. Tatsächlich wird einem dieser angebotene Handschlag nicht selten verweigert. Stattdessen wird man umarmt und gedrückt, muss unter Umständen gar dreimal struppige Barthaare an seinen Wangen dulden, schuppige Schultern aus nächster Nähe anstarren und eine Hand auf seinen Schultern spüren, die da nicht hingehört. Es ist anzunehmen, dass auch Männer dies nicht immer schätzen, wenn sie ihrerseits an allzu parfümierten Hälsen schnuppern oder sich in haarlackierten Strähnen verheddern. Eine angebotene Hand nicht anzunehmen, ist ein Affront, keine Frage. Aber eine angebotene Hand zu ignorieren und einem ungefragt die Küsserei aufzuzwingen, ist in manchen selbstverständlich subjektiven Fällen weit unangenehmer. Respekt vor einer Frau bedeutet, auf ihre Empfindungen, Wünsche und Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Wer ihre dargebotene Hand ablehnt, macht sie auch zum Objekt, wenn er die Geste ignoriert und ihr ohne Plazet das Wangenkussritual aufdrängt.

Es geht hier weder um religiöse Gefühle noch um ideologische Genderfragen, sondern um Respekt. Unsere Anstandsregeln sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Vereinbarung, mit welchen Symbolen wir einander gegenseitig unsere Wertschätzung zeigen. Beruft sich jemand also ausdrücklich auf die Wertschätzung und den Respekt gegenüber der Frau, kann er ihren Handschlag auch dann annehmen, wenn es in seiner Kultur als unpassend gilt, weil sie ihm durch die Handreichung dazu ausdrücklich ihr Einverständnis erteilt. Sie gibt einem Mann so auch zu verstehen, dass sie ihn seinerseits als menschliches Subjekt und nicht als triebgesteuertes Objekt sieht, das bei gereichter Hand gleich den ganzen Körper nimmt. So haben beide Seiten eine Wahl: der Gastgeber kann dem Gast den Gefallen tun und ihn ohne Handschlag begrüssen, wenn ihm das lieber ist, und der Gast kann dem Gastgeber seine Wertschätzung zeigen, indem er die Geste annimmt, weil er weiss, dass er sein Anstandsgebot so trotzdem einhält. Über Ideologien kann man nicht vernünftig reden, das gilt für Religionsdebatten genauso wie für Genderdiskussionen. Aber man kann sich mit Respekt für einander darüber einigen, wie man es persönlich handhaben will.

 

Worte ohne Taten

Pünktlich zum Weltfrauentag erschien auch diesmal der Schillingreport, und wieder stagniert der Frauenanteil in den Chefetagen. Ein weiteres Jahr wurde über Lohnungleichheiten, Frauenquoten und Betreuungsmodelle diskutiert, ohne dass sich etwas getan hätte. „Gender Diversity in den Geschäftsleitungen zu erreichen, bleibt ein Generationenprojekt“, bemerkt Guido Schilling in der Medienmitteilung, und spricht dabei nur von Diversity, nicht von Ausgeglichenheit. Geprägt war das wirtschaftspolitische Genderkonzert wie immer von dissonanten Klängen zu biologistischen Erklärungen, gesellschaftlichen Idealvorstellungen und steuerlichen Ungerechtigkeiten. In Endlosschlaufe wird argumentiert, es gäbe zu wenig qualifizierte Frauen, die auch bereit seien, Verantwortung zu übernehmen und den geforderten zeitlichen Aufwand zu leisten. Seit Jahrzehnten bringt man Frauen das Netzwerken bei, das sie angeblich schlechter beherrschen als ihre männlichen Kollegen, fördert und fordert sie sowohl gezielt als auch nach dem Giesskannenprinzip. Doch nach wie vor steigen viele beim Stillen aus oder reduzieren ihr Pensum auf ein prekäres Mass und verzichten als Mutter für Mann und Nachwuchs auf die eigene Karriere. Weil es anders nicht geht, weil es sich gehört, oder weil es ihnen so besser gefällt.

Erstaunlich daran ist, dass die Ausbildung längst auf allen Stufen paritätisch ist und sich auch die extracurricularen Aktivitäten weitgehend angeglichen haben. Frauen sind Studentenverbindungen, Serviceclubs und Logen beigetreten und frönen denselben Hobbies wie die Männer – den gefährlichen ebenso wie den ungesunden. Andererseits sind kochende Männer heute ebensowenig eine Seltenheit wie boxende Frauen. Den Vätern gleichgestellte Mütter haben zwischenzeitlich die nächste Generation von Mädchen und Buben aufgezogen und aus dem Tochtertag ist der Zukunftstag geworden. Geändert hat sich trotzdem nichts: es gibt zu wenig qualifizierte Frauen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Zwar diskutieren heute viele Paare die Möglichkeit, sich zu gleichen Teilen an der Familienarbeit zu beteiligen, bei den meisten bleibt es allerdings beim Plan. Weil die Kinder ihre Mutter brauchen, sich Fremdbetreuung nicht sinnvoll organisieren lässt und der Mann mehr verdient, so lange er seine Karriere nicht mit Teilzeit ruiniert. Statt dass sich die Lage für Frauen verbessert, verschlimmert sie sich für die Männer: nun geraten sie zunehmend in die Doppelbelastung. Einerseits, weil sie ihre Kinder auch gerne aufwachsen sehen, andererseits, weil Frauen sich ihre Lebenswünsche trotz Karriereverzicht erfüllen wollen.

Während man am einen Ende um Lösungen für eine ausgeglichenere Geschlechterverteilung auf Chefsesseln ringt, wachsen am anderen die Ansprüche an die begrenzte Zeit, die uns zur Verfügung steht. Die Gesundheit verlangt mehr Sport, gesünderes und damit aufwändigeres Essen, das Informations- und Unterhaltungsangebot übersteigt unsere Priorisierungskapazitäten bei weitem. Zudem hat unser Bedürfnis nach realen sozialen Kontakten mit der Verfügbarkeit der virtuellen keineswegs abgenommen. All das braucht Zeit, über deren Knappheit ebenso wie über eine sinnvolle und gerechte Verteilung auf sämtliche Anspruchsgruppen obendrein sowohl in den Medien als auch in der Politik und im eigenen Umfeld extensiv gesprochen werden muss. Ohne diese Diskussionen wären die harten Verhandlungen über die Zuteilung der Zeitbudgets nicht zu bewältigen, wäre die tägliche Konsensfindung unmöglich. Schliesslich leben wir in äusserst dynamischen Zeiten, ständig ändern sich die Umstände und verlangen nach einer neuen Lagebeurteilung, die Abmachung von gestern kann morgen schon überholt sein.

Angesichts all dessen erwischt sich manch einer gelegentlich beim Gedanken an die gute alte Arbeitsteilung samt patriarchaler Verfügungsgewalt. Vielleicht ist Resignation eine Erklärung für die wortreichen Iterationen, denen keine Taten folgen. Wir kapitulieren vor den ständig wachsenden Ansprüchen. Schwächelndes Wachstum, sinkende Einkommen und negative Zinsen verlagern Expansionslust und Renditehunger aus dem Öffentlichen ins Private. Ständig wollen wir mehr Angebote und haben immer weniger Zeit, sie überhaupt anzunehmen. Das, was wir haben könnten, aber nicht haben können, wird zum alltäglichen Verzicht, ein Opportunitätsverlust von frustrierendem Ausmass! Dabei ist das, was wir bei allem Reden tatsächlich völlig vergessen haben, in Wahrheit gerade das Verzichten. Zeit ist nun einmal ein endliches Gut, das sich weder aufsparen, vermehren noch veräussern lässt. Wer mehr von etwas will, muss auf anderes verzichten. So lange Männer aber ihre gepachtete Macht nicht abgeben wollen und Frauen auf der geliehenen Sicherheit bestehen, bleibt sie eben daheim und hält ihm den Rücken frei für seine Verantwortung im Chefsessel. Schön, dass wir wieder einmal darüber geredet haben!

Verstehen, was ist.

Am 5. August vergangen Jahres sagte die NDR-Journalistin Anja Reschke in den Tagesthemen, was ist: Hasskommentare werden insbesondere im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Flüchtlinge immer häufiger auch unter Klarnamen abgesondert. Es sei höchste Zeit, in dieser Sache Haltung zu zeigen. Sie hat es getan, und wurde beschimpft. Nun hat das medium magazin Anja Reschke als Journalistin des Jahres 2015 ausgezeichnet. Bereits eine Woche davor ehrte man die ZDF-Journalistin Dunja Hayali mit der Goldenen Kamera. Auch sie ging in ihrer Dankesrede auf Schimpftiraden ein, mit denen sie eingedeckt wurde. Beide Preisträgerinnen erinnerten daran, dass man Meinungen äussern soll, auch schwierige Themen diskutiert werden müssen, aber auch, dass die Grenzen einer sachlichen Debatte zu respektieren sind. Nach der Logik jener, die der Presse nicht mehr glauben, sei sie wohl als Lügnerin des Jahres ausgezeichnet worden, bemerkte Anja Reschke bitter. Beiden Frauen wurden auch Vergewaltigungen gewünscht.

Seit den Ereignissen in Köln vermischt sich Feminismus mit Fremdenhass, werden kulturelle, soziale und religiöse Milieus in einem Topf zum trüben Brei verrührt. Ein einziges Stichwort reicht und Rassisten beschimpfen ihre Gegner als Sexisten oder umgekehrt. Dabei haben wir einst gelernt, zwischen Teil-, Schnitt- und Vereinigungsmengen zu unterscheiden, das hilft beim Differenzieren den Überblick nicht zu verlieren. Man darf dabei situativ die Perspektive wechseln, Aspekte neu einordnen oder anders beleuchten – solange man dies deutlich macht und erklärt, was das Ist gerade ist. Die Menge aller Flüchtlinge enthält zu viele Elemente, als das wir sie einzeln aufzählen könnten. Dasselbe gilt für Frauen, Männer und für Menschen mit Migrationshintergrund. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als die Zuordnung mittels Beschaffenheiten vorzunehmen: M = { x | x ist … }. Werden aber die Eigenschaften einiger weniger auf alle Individuen einer vereinigten Menge übertragen, dann nennt man das pauschalisieren. Wer obendrein verschweigt, dass ein Teil der unerwünschten Qualitäten auch auf Gruppen zutrifft, zu denen man selbst zählt, der unterschlägt die Wahrheit. Das kommt einer Lüge dann doch sehr nahe.

Während wir Grenzzäune errichten und Armlängen Abstand fordern, werden Mengenkreise ignoriert. Aus einem kleinen Teil wird schnell das Ganze, Restmengen lässt man der Einfachheit halber weg und leere Mengen bleiben selbstverständlich unerwähnt. Was das eigene Verständnis nicht untermauert, wird verwischt und verschwiegen, weil nicht ist, was nicht sein soll. Bei all der Unschärfe wird einem vom Fokussieren auch dann übel, wenn man keine Lesebrille braucht. Den Journalisten geht es nicht anders, Anja Reschke „schwirrt der Kopf“ davon. An der Preisverleihung sprach sie über die Schwierigkeit zu schreiben, was ist: „Ich kann Köln bis heute nicht einordnen. Aber genau das wurde von uns erwartet, und zwar am besten sofort“. Wahrheit brauche Zeit, stellte Dunja Hayali in ihrer Rede fest. Zeit, die auf den Redaktionen immer häufiger fehlt, weil immer mehr zu erzählen ist, Geschichten länger leben, sich in der Folge ständig vermehren und obendrein auf allen Kanälen gepflegt und kommentiert werden müssen. Nutzen soll es dem Leser, der seinerseits keine Zeit mehr hat und trotzdem nichts verpassen will. Wir haben längst gelernt, alles Überflüssige wegzulassen, um Zeit zu sparen, nun liegt der grösste Teil davon auf einem Konto der Zeitsparkasse grauer Herren, an die wir sie verloren haben.

In der Hoffnung, neue Zeit zu gewinnen, verlangen wir bessere Informationen und wollen sie schneller und kompakter. Wir sind die perfekten Puppen: Bibigirls und Bubiboys. Wie diese wollen wir immer mehr Sachen, und man gibt sie uns. Aus allen Kanälen werden wir damit versorgt, ganz so wie der graue Mann von der Zeit-Bank Momo aus seinem Kofferraum mit Unmengen von Ramsch bewirft, bis sie beinah untergeht in einem Haufen billiger Plastikpuppen, die man beim besten Willen nicht liebhaben kann. Doch das kluge Mädchen lässt sich die Zeit nicht stehlen, vielmehr nimmt sie sich die Zeit und hört anderen aufmerksam zu. So erfährt sie die Wahrheit. Journalisten versuchten herauszufinden, was ist, diese Gesellschaft weiter kritisch zu begleiten, aber nicht so zu tun, als wüssten sie alles besser, meinte Anja Reschke zum Schluss ihrer Dankesrede. Umgekehrt sollten wir Lesenden versuchen zu verstehen, was da steht, bevor wir meinen, es besser zu wissen. Man sollte Fragen stellen und sich die Antworten anhören. Sonst nämlich entreissen uns die grauen Herren der Zeitsparkasse, die längst im Onlinegeschäft ist, auch noch das bisschen Restzeit, die man mittlerweile Aufmerksamkeit nennt.

Anbandeln und abseilen

Es ist noch nicht lange her, da favorisierte man Tweets, um sie später wieder zu finden. Dann kopierten Desperate im Kampf gegen die sinkenden Aktienkurse wie üblich erfolgreichere Unternehmen und aus dem Fav-Stern wurde ein Like-Herz. Die Emotionen gingen prompt hoch, nur der Kurs sank weiter. Nun will man die 140-Zeichen Limite fallen lassen. Es ist eher unüblich, eine USP aufzugeben, aber Verzweiflung verhilft selten zu weisen Entscheiden. Andererseits wäre es just in einer emotionalen Situation ratsam, sich elaboriert auszudrücken, statt nur auf ein Emoticon zu klicken. Worte aber liegen gerade nicht im Trend: Mark Zuckerberg will sie uns ersparen. Wir sollen nicht mehr erzählen, was wir tun, sondern einfach nur noch vernetzt sein. Alles andere erfährt der Rest der Welt sofort und realtime: was wir gerade hören, sehen, essen und wie wir uns fühlen. Aus dem literarischen stream of consciousness wird ein ständiges Lifestreaming. Es macht einen sprachlos.

Trotzdem soll man die Entwicklung nicht überbewerten. Es war uns auch früher ein Bedürfnis, den Gefühlen die Kompliziertheit zu nehmen. Vor allem wenn es darum ging sie auszudrücken. Man las wohl Goethe, aber wir schrieben keiner Charlotte von Stein, sondern Susi, Mark oder Sandra. Man riss eine Ecke aus dem Schulheft, kritzelte ein infantiles Willst Du mit mir gehen? darauf und reichte das kleingefaltete Zettelchen durch die Hände des Klassennetzwerks zum Adressaten. In der Regel musste man nicht viel länger auf eine Antwort warten als bei heutigen Kurznachrichtendiensten. Nur in Ausnahmefällen führte eine besonders schlaue Lehrperson zum Systemausfall. Natürlich gab es auch im Radiergummi- und Tintenkillerzeitalter Absagen und Enttäuschungen. Ein triumphierender Blick von der Conny, die Doris im Skilager den Christian ausgespannt hat, oder der Dani, der mit gesenktem Blick zwischen miefenden Sporttaschen im Schulhausflur mitteilte, dass der Michi dann im Fall jetzt mit einer andern ginge. Umgekehrt wollte man dem Martin lieber aus dem Weg gehen, auch dem Peter, und dem Nik sowieso. Dafür stellte man Tom nach, der einen seinerseits mied, weil er gerade für Claudia schwärmte.

Das Internet hat das Liebesleben vereinfacht. Nun schicken Suchende ihr Lächeln samt Kompliment ebenso grosszügig an Hinz und Kunz, wie man auf anderen Plattformen witzige oder interessante Beiträge herzlich mit einem Like belohnt. Als Junggebliebene benehmen sich manche konsequenterweise auch im fortgeschrittenen Alter wie Teenager. Nach MSN und SMS bieten heute zahlreiche Chatdienste ständige Austauschmöglichkeiten, die nicht mehr von fiesen Lehrern und Mitschülern abgehört werden, dafür vom Nachrichtendienst. Manchmal allerdings auch von der einen Person, die es gerade nicht hätte sehen sollen. Dann fehlen die Worte, weil es ja zumeist doch so ist, wie es aussieht. Aber da ist weder ein Undo-Button noch ein Sorry-Icon, nur ein Gesichtsausdruck, den man nicht einmal mit einer ganzen Emoticon-Bibliothek vollständig wiedergeben könnte. Das Bedürfnis wurde erkannt. Wo es Anbahnungsplattformen gibt, auf denen man einander per Knopfdruck zulächelt, braucht es nun einmal auch eine Möglichkeit, ebenso einfach wieder aus der Nummer rauszukommen. Was nett klingt, ist in Wahrheit knallhart: man klickt auf verabschieden und versendet eine Nachricht, bei der man erst die passende Begründung auswählt, optional gleichzeitig die zuvor ausgetauschten Mitteilungen löscht, und schon ist alles aus, vorbei und aufgeräumt.

Weil sie längst niemand mehr schreibt, gibt es keine Briefe mehr, die man zusammen mit Fotos der dramatischen Feuerbestattung zuführen könnte. Es braucht auch keine Seidenbänder mehr, die alles zusammenhalten, bevor man schliesslich wehmütig zuschaut, wie Erinnerungen zeremoniell in Flammen aufgehen. Während wir noch Zettel schrieben, daten Teenager heute papierlos mittels Tinder: friends, dates, relationships, and everything in between. Das klingt zwar kompliziert, ist aber viel einfacher und mindestens so effizient wie Speed-Dating für die Ü40. Doch wo schnell angebandelt wird, muss man sich auch rasch wieder abseilen können. Deshalb gibt es Binder, um die Beziehung zu kübelnbinned her. Notabene nicht him, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Die Realität ist simpler: Wipe and out, klick und man ist befreundet, klack hat man schon wieder Schluss gemacht. Dagegen kam das Beziehungsende per sms geradezu einer Epistel gleich. Natürlich ist das ein Scherz, Binder ist eine schottische Bieridee. Das gründliche Verabschieden auf Datingplattformen gibt es allerdings wirklich.

Ordentlich unordentlich

Frauen können nicht einparken, haben keinen Humor und denken unlogisch. Männer können nicht zuhören, sind Rambos und neigen zu Gewalt. Es ist wie mit dem Volkswillen: sind 50.3% dafür, reflektiert das selbst dann den Willen der Schweiz, wenn sich nur gut die Hälfte der Eidgenossen dazu überhaupt geäussert hat. Allerdings neigen Frauen tatsächlich dazu, einmalige Vorfälle zu einem Immer-Vorwurf hochzustilisieren. Männer sehen dafür in Einzelfällen schnell einen empirischen Beleg. Natürlich ist das derselbe Wein in andern Schläuchen. Wir alle sind Papst und Weltmeister. Nichts gegen ein Gefühl der Verbundenheit, aber Sippenhaft lehnen wir ab. Fremdglänzen geht, doch beim Fremdschämen wird es spätestens dann problematisch, wenn ausdrückliches Distanzieren gefordert wird. Konsequenterweise müsste man sich als Frau nun nämlich von Tashfeen Maliks Tat distanzieren und Donald Trump sollte ein Einreiseverbot fürs Weibervolk fordern. Aber so einfach ist es nicht, wir reden oder schreiben uns die ach so komplizierte Welt nur gerne einfach.

Wir suchen Glück und haben Angst, es nicht zu finden. Weil beides so furchtbar unfassbar ist, wollen wir Geld und Selbstbestimmung, nennen es aber Erfolg und Anerkennung. In Wahrheit sehnen wir uns nach Liebe, die wir akribisch in ihre Einzelteile zerlegen, weil uns die Unübersichtlichkeit sonst ganz durcheinander bringt. Dank Einsortieren gewinnen wir mehr Überblick und nur wer pauschalisiert, bekommt die jeweiligen Schubladen auch voll. Wie immer, wenn wir Ordnung schaffen, bleiben am Ende Reste übrig, die man kurz vor der Verzweiflung noch irgendwo hineinstopft oder unter den Teppich kehrt. Frauen mit einem guten Orientierungssinn und schlechter Feinmotorik gelten je nach Alter einfach als burschikos oder kratzbürstig und werden samt den Haaren auf den Zähen als Männer etikettiert und aus der Statistik aussortiert. Männer, die nicht ins Bild passen, werden im besten Fall kommentarlos ignoriert. Alles andere ist Genderwasauchimmer. Sichtbar bleiben die passenden Elemente, die von lästigen Ausnahmen befreit der Regel entsprechen: Frauen, die gesellschaftliche Erwartungen erfüllen und Männer, die leisten, was man sich von ihnen verspricht. Dafür werden beide mit allem Glanz und Gloria öffentlich und privat mit Anerkennung belohnt.

In der so geordneten Welt gesteht nun die ansonsten nicht aufs Maul gefallene Schöne dem bärtigen Traumjunggesellen, wie sehr sie es schätzt, wenn ein Mann ihr sagt, was sie tun und lassen soll. Die brave Leistung bringt ihr dann allerdings doch nicht die gewünschte Anerkennung, weil der Bachelor seinerseits brav den starken Mann markiert und beschützerinstinktiv das blutjunge Rehaugenbambi wählt. Es ist ein Teufelskreis, in dem sich Männlein und Weiblein endlos hinterherrennen. Männer mögen keine klugen Frauen, das ist zwar dumm von ihnen, aber auch kluge Frauen verlassen sich im Zweifelsfall eben lieber auf handfeste Muskeln als auf abstrakten Geist. Es gibt so viele Fehler, die man machen kann und sich damit das Glück verspielt, das ohnehin kaum zu fassen ist. Ob nun angeboren oder nicht, Rollenbilder prägen uns nicht nur, als Schablonen helfen sie uns auch dabei, das Gewünschte zu finden. Aus Angst, es wieder zu verlieren, klammern wir uns selbst dann noch am anerkanten Status fest, wenn die Wirklichkeit längst eine andere ist. Auch deshalb wiederholen wir so gerne, dass er der Jäger ist und sie die Beeren sammelt, weil es als Mantra so beruhigend wirkt.

Meine Grossmutter war Modistin, in ihrem Atelier stand eine Kommode mit lauter kleinen beschrifteten Schubladen, in denen sie die bunten Bänder für ihre Hüte nach Farbe, Qualität und Preis sortiert aufbewahrte. Die unterste Schublade war deutlich grösser, als einzige hatte sie ein Schloss und war nicht angeschrieben. In ihr lag der unordentliche Rest: Federn, Stoffblumen, zierliche bunte Vögel, Kugeln und andere kunstvolle Gebilde. Hier suchte man nicht nach etwas Bestimmtem, sondern stiess auf Bezauberndes. Hutform, Farbe und Stil verlangten nach einem dazu passenden Band, doch für die Accessoires zählte die Individualität der Käufer. Damit eine Kundin mit dem Hut am Ende zufrieden war, musste die passende Grundform ausgewählt werden, eine die ihr stand und dem jeweiligen Verwendungszweck des Hutes diente. Aber ob sie ihn liebte oder nicht, dafür war eins dieser besonderen Trouvaillen aus der Gnuschschublade verantwortlich. Es gab nur ein Exemplar von jedem, und ein Preisetikett suchte man vergeblich. Ordnung ist eben nur das halbe Leben, und Liebe bekanntlich ein unordentliches Gefühl.  

Die Sex-RS

Minderjährige Burschen gehen ins Puff! In Deutschland war das bereits vor Jahren ein Thema, hierzulande gewährte man der Meldung gerade einen Kurzauftritt. Während manche sofort nach Verboten schrien, hatte Michèle Binswanger in bester @SandroBrotz-Manier ein paar Fragen dazu. Fishing for Mansplaining, könnte man sagen, und prompt kamen die Antworten von einem Herrn. Natürlich gibt es auch legitime Gründe für den Bordellbesuch, berechtigte Zweifel am Schaden, den er anrichtet und da ist die Moral, die schliesslich niemand gepachtet hat. Andererseits tauchen unweigerlich Genderfragen auf, inwiefern ist Sex überhaupt lernbar und ist Prostitution nicht an sich fragwürdig? Das Thema ist ein Minenfeld, unabhängig davon, von welcher Seite man es anpackt. Natürlich muss eine moderne Gesellschaft Prostitution tolerieren, so lange sie freiwillig, sozial verträglich und geregelt ist. Dazu soll sie die rechtlichen Rahmenbedingungen widerspruchsfrei bestimmen und sicherstellen, dass Freiwilligkeit und Machtsymmetrie von Sexarbeitenden und Freiern gewährleistet sind. Schliesslich braucht es die Bereitschaft, sämtliche indirekt mit der Prostitution verbunden Probleme entschlossen zu adressieren. Darüber hinaus muss aber auch eine breit abgestützte und konstruktive Auseinandersetzung mit den sich ständig wandelnden Wertvorstellungen stattfinden.

Ein erneutes Aufflammen der Debatte wäre zu begrüssen, nach der geforderten Abschaffung und dem Ruf nach Verboten in der Öffentlichkeit ist es um das Thema Prostitution wieder still geworden (wer sucht, findet es noch kurze Zeit im Helmhaus). Tatsächlich forderten manche in der Tat etwas vorschnell ein Verbot von Sexarbeit. Es liegt in der Natur des Feminismus, dass er protestiert, wenn es wie in der Zwangsprostitution um die Ausnutzung von Frauenkörpern geht. Doch Moralin und Prohibition sind selten hilfreich, auch wenn wir längst in einer Gesellschaft leben, in der Verbote immer dann gefordert werden, sobald einer meint, ein anderer sollte sich anders verhalten. Nun aber kommt nach den BerührerInnen wieder eine neue Dimension ins Spiel: Ausbildungsprostitution. Eben noch forderten Sexarbeiterinnen die Anerkennung ihrer Tätigkeit als Beruf, nun braucht es bald Meisterdiplome für ausbildende Berufsprofessionelle. Nach der Sachbuchflut und dem Sexspielzeug für den Schulunterricht soll es jetzt die Sex-RS richten.

Junge Männer könnten im Milleu das Handwerk lernen, um später in ihren Partnerschaften im Rahmen des allgemeinen Leistungsdrucks perfekt zu funktionieren. Warum nicht auch die jungen Frauen? Klarheit ist besonders auf Datingplattformen effektiv: Welchen Gürtel hast Du im Sex? Passt. Wir sehen das ohnehin viel zu verkrampft. Die Finanzbranche kriselt, die Medienbranche kränkelt, es ist höchste Zeit für eine neue Boombranche: die neoliberalisierte Prostitution. Sex einkaufen wie Gemüse im Laden, mit Bonuspunkten für Vielkonsumierer. Geiz ist geil im Flat-Rate-Bordell, Escortgirls und Callboys fürs Topkader als Fringe-Benefits und 5-Sterne-Sex zum Hochzeitstag. Papa gönnt sich auf dem Heimweg vom Büro im Wechsel mit dem Fitnessstudio auch mal einen Puffbesuch, holt frische Brötchen fürs Abendessen und setzt sich anschliessend total relaxed und gut gelaunt an den Familientisch. Mama bedient vormittags Freier, holt dann die Kinder von der Schule ab und kocht ihnen zufrieden das Mittagessen. Entspannte Partnerschaft eben, und dank Topausbildung und regelmässigen Wiederholungskursen genügt man auch im eigenen Bett höchsten Ansprüchen.

Früher schickten Väter ihre Söhne zu den Huren, allerdings nicht, weil die Ausbildung überzeugte, sondern weil man zu verklemmt war, den Nachwuchs über die Freuden der Liebe aufzuklären. Heute ist Sex in der Öffentlichkeit längst präsenter als im Privaten. Die Sinnlichkeit ist ausgezogen, wo einst Rosenblütenpuder das Boudoir zierte, prägt nun staubige Prüderie intime Räume. Es ist nur konsequent, wenn Sex und Liebe aus dem Schlafzimmer in die Schule abgeschoben werden und schliesslich in professionelle Hände übergehen. Die Arbeitsteilung schreitet weiter voran: Liebe findet man beim Partnervermittler und Sex im Bordell. Weil uns immer mehr überfordert, geben wir Verantwortung an andere ab, an den Staat, an Bildungsinstitutionen, an Berater und Experten, Hauptsache, es sind fremde Hände. Doch Sexarbeitende sind weder Therapeuten noch Ausbildnerinnen. Man soll sie keinesfalls stigmatisieren, ihnen aber auch nicht erlauben, sich als etwas auszugeben, was sie nicht sind. Sie können uns nicht beibringen, was wir eigentlich verlernt haben: rechtzeitig miteinander reden und aufeinander eingehen. Für unsere Partner, Söhne und Töchter müssen wir uns schon selbst die Zeit nehmen, wenn wir nicht ganz vergessen wollen, was Liebe überhaupt bedeutet. Tun wir das nicht, werden wir bald nicht mehr wissen, wozu Sex überhaupt gut sein soll – unsere Fortpflanzung können wir nämlich schon lange outsourcen.