Campingplatz für Musik

Es ist ein besonderer Ort, der einen vom ersten Moment unter Einbezug aller Sinne in seinen Bann zieht. Er liegt versteckt hinter Türmen und Industriegeleisen, umgeben von Fabrikgemäuer, Parkhäusern und Imbissbuden. Die Tonhalle Maag sei kein Monument, eher ein Platz zum Campen für Musik, schreibt der als einer der verrücktesten Geiger unserer Zeit bekannte Pekka Kuusisto über seinen Besuch hier. Zum Zelten ist es jetzt wohl schon zu kalt geworden, aber dass hier alles ein bisschen anders ist, merkt man bereits, wenn man vor der endlosen Garderobentheke steht. Auch sollte man unbedingt noch vor dem Konzert das stille Örtchen aufsuchen. Das obere, denn im Treppenhaus spielt sich ein Kontermarsch der besonderen Art ab: während man aufsteigt, kommen einem die Musiker aus der Orchestergarderobe entgegen, sie lachen, plaudern und bedanken sich herzlich und verschmitzt, wenn man ihnen Platz macht, damit sie mit ihren Instrumenten schadlos nach unten zirkeln können.

Die offene und unkomplizierte Atmosphäre passt in die luftige und moderne Halle. Sie liegt etwas abseits der Partymeile, aber eben doch noch in Reichweite des stadtkulturellen Treibens, das um all die Ecken herum zum Reizvollen moduliert gerade noch bis ins Foyer hinein dringt. Die nicht minder urbane Bar lädt ein zum Geniessen und Verweilen, gerne ist man früher da und fühlt sich sofort wohl und angekommen. Bereit für das, was kommt. Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist, so Victor Hugo. Im Provisorium geschieht genau das eingebettet in eine Umgebung, die das Wesentliche um weitere Dimensionen ausdrucksvoll ergänzt. Dringt man aus der kühlen Halle schliesslich tiefer hinein ins Herz der Tonhalle Maag, wird es warm und geborgen, ohne dass sich das Frische und Zugängliche verabschiedet. Vom Alltag doppelt abgeschirmt, taucht man hier gerne ab und lässt sich von der Freude des Orchesters anstecken.

Beim Blick in den Saal stellt sich die Frage, warum auch hier die Mehrheit der Häupter grau ist. Zur Tonhalle hat es in den letzten Jahren irgendwie gepasst. So schön die Konzerte waren, ich hatte selten Lust früher da zu sein und war danach froh, wieder an die frische Luft zu kommen und den musikalischen Eindrücken auf der Quaibrücke nachzuhängen. In der Tonhalle Maag spielt das Orchester an einem Ort, der grosser Freude auch optisch als Resonanzraum dient und dies auf allen Kanälen auf ihre Besucher überträgt. „Tschaikowskys Werke werden da nicht als Hits gespielt, sondern als höchst aufregende Entdeckungen“, liest man im Tagesanzeiger, die NZZ ergänzt: „zugleich hat die Intensität, mit der hier gemeinsam musiziert wird, etwas unmittelbar Mitreissendes“. So ist es, und wir verdanken es der Musik, dem Orchester, zweifellos bewirkt dies auch der neue Chefdirigent Jaavo Pärvi. Aber es liegt auch am Raum in dieser Halle an diesem Ort.

Lässt man sich darauf ein, wird alles zusammen zu einem Erlebnis für sämtliche Sinne. Seit Grönemeyers gleichnamigem Stück wissen wir: sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie in den Magen fährt und der Boden unter den Füssen bebt. Tatsächlich geht es auch leiser und dynamischer. Mir bot sich neulich eine Gelegenheit, meinen Horizont in Sachen physischer Erfahrungen auf einer Fahrt in einem noch jungen Vehikel zu erweitern: in einem Elektro-Sportwagen. Wobei es sich in diesem Fall tatsächlich um ein bereits älteres Modell handelte, aber immerhin kreist eines seiner Geschwister seit über einem Jahr um die Sonne. Nun gibt es Wahrnehmungen, die spürt man physisch, wie die Beschleunigung in so einem Auto zum Beispiel. Ein Vergnügen, das sich mit dem Gefühl beim Start eines Flugzeuges vergleichen lässt, kurz bevor es abhebt, nur dass man das seit Greta nicht mehr ohne schlechtes Gewissen auskosten kann. Wer also schnelle Autos mag, sich vorläufig aber mit langsamen Fossilvarianten zufrieden geben muss, der gönne sich einen Abend in der Tonhalle Maag: es geht los, mal geniesst man die Fahrt oder ertappt sich dabei, den Gedanken nachzuhängen, plötzlich wieder wach, ist man hoch konzentriert. Gelegentlich kräuseln sich vor Verzücken die Nackenhaare, kribbelt sanft der Rücken vor Vergnügen oder es wallt vor Erregung im Bauch. Alles ohne jede Gefahr. 

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs-, IT und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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