Das Ende einer Buchgeschichte

Leere. Nichts mehr. Bis zur letzten Seite ausgelesen, alle Zeilen aufgezehrt. Punkt. Schluss. Samt Epilog und Nachtrag (manche Bücher meinen es sehr gut mit einem). Vorbei nun auch ein letzter Blick zurück, dessen Trost dem Auseinandergehen für den Moment eines Herzschlags den Schmerz nimmt und der meist mehr Wünsche weckt als je erfüllt. Hier endet der gemeinsame Weg abrupt und abschiedslos. Eben war man noch Teil eines scheinbar grenzenlosen Kosmos, nun hat er uns erbarmungslos ausgespuckt. Verdutzt und verständnislos blickt man auf: welch harte Landung im Ödland! Im Gegensatz zum Traum, aus dem man sanft schlaftrunken aufwacht, sind wir auch im Jenseits der inneren Welt stets hellwach. Was einen für die Dauer des Lesevergnügens als Firmament im Paralleluniversum umspann, liegt plötzlich neben uns, ein lebloses Objekt, kollabiert zum Quader, in dem vor einer gefühlten Ewigkeit die gemeinsame Reise ihren Anfang nahm. Wie ein ausgebrannter Vulkan liegt das Buch nun da, was in ihm war, ist restlos ausgehaucht.

Es ist ein stiller Tod, wenn ein Roman zu Ende ist. Weder die entflammte Liebe noch die Trauer über ihren Verlust lassen sich mit anderen teilen, zu privat und intim war die Erfahrung. Aufwühlend wie eine Liebe, die man dem Begehrten nie gestanden hat und nun jede Gelegenheit dazu unwiederbringlich verloren ist. Nur selten sind Beziehungen vertrauter als jene, die wir mit Romanfiguren teilen. Umso einsamer sind wir, wenn sie uns verlassen. Sicher, es gibt auch andere Werke. Jene, die einen ewig begleiten, zu denen man geschwisterliche oder pflichterfüllende Beziehungen pflegt oder nur häppchenweise erträgt und geduldig sein halbes Leben lang zu verstehen versucht. Mit einigen befassen wir uns aus purer Höflichkeit, mit anderen aus Verzweiflung oder Bequemlichkeit, manche zwingt man uns auf und viele hätte man längst weglegen sollen. Doch wer beim Umblättern der letzten leeren Seite fürchtet, nach diesem einen wird es kein anderes mehr geben, und selbst wenn, es wäre ein Verrat an diesem, der erlebte eine jener leidenschaftlichen Buchgeschichten, bei denen man es nicht erwarten kann, endlich ihren Ausgang zu kennen und sich gleichzeitig wünscht, sie mögen niemals enden.

Niemand kann unsere Sehnsucht danach, erkannt zu werden, auch nur annähernd so stillen, wie ein Roman es vermag. Geschichten, die wir uns ins Herz lesen und die Teil unserer Lebenserfahrung werden, Stimmen, denen wir für immer zuhören wollen und Figuren, denen wir ewig freundschaftlich verbunden bleiben. Für die Dauer eines guten Buches verstehen wir und werden wir verstanden. Wohl auch deshalb wissen Lesende meist sehr genau, warum sie dieses und kein anderes Buch aussuchen und es sich gerade jetzt einverleiben. Leider beschert uns das Lesen deshalb selten den Charme einer überraschenden und zufälligen Begegnung. Zu passgenau sind hier oft unsere Fangnetze, um an überraschenden Beifang zu gelangen. Nicht dass dies uns sonst im Leben noch allzu häufig widerfährt. Immer weniger entdecken neue Klänge im Radio, wir fischen beim Durchblättern im Plattenladen keine überraschend reizvollen Alben mehr heraus und niemand schenkt uns mehr Kassetten mit noch unbekannter Lieblingsmusik. Wo das lineare Fernsehen einen auf der Suche nach passabler Unterhaltung mittels längst vergessener Zapp-Technik einst die eine oder andere Offenbarung beschert hat, wird heute zielgenau nach dem Begehrten gesucht.

Doch wen wundert all das in einer Zeit, in der wir vom Bügeleisen bis zum Lebenspartner ohnehin alles nach den bevorzugten Suchkriterien gefiltert finden, Gesuchtes im Vertrauen auf vermeintlich schwarmintelligente Kundenmeinungen wählen und dank garantiertem Rückgaberecht auch ohne Risiko erwerben. Paarungsplattformen, Streamingdienste und Video-On-Demand mögen uns Dates à gogo und Bingewatching bescheren. Doch rauschhafte Erregung schenkt auch das Lesen, worauf man obendrein auch während Biopausen nicht verzichten muss. Man darf selbst eine unerwartet heftige Leidenschaft jederzeit und ungeniert ausleben und wacht wohl gelegentlich nach kurzer Nacht, aber nie im falschen Bett oder mit einem Kater auf. Nichts ist wie Tiefseetauchen in Romanen, wenn man sich nichts anderes wünscht, als dass sie ihre warme Umarmung nie mehr lösen. Doch weil sie es tun, ist auch hier der Notvorrat ein kluger Rat. Das mag nicht für alles gelten, aber gegen den Buchendblues hilft es tatsächlich, sich rasch aufs nächste Abenteuer einzulassen.

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs-, IT und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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