Zu viel Lärm um nichts

Vor nicht allzu langer Zeit hat mancher Beitrag in den Medien zum Kommentieren inspiriert. Dann begannen sich die Themen samt Empörung im Gefolge zu wiederholen. Twitter auf, Trump, Twitter zu. Kä Luscht. Moi non plus. Me too. Erdogan, Orban, Grössenwahn. Und wieder Trump. Höcke. Köppel. BoJo! Merkel muss weg. Macron muss weg. Die bösen Linken und Netten sowieso. Migration wird bagatellisiert, der Volkswille ignoriert und Greta instrumentalisiert. Dem Planeten geht es miserabel und seinen Bewohnern nicht besser. Schuld sind die andern, und weil das überall so ist, trägt am Ende keiner die Verantwortung. I want you to panic. So recht Greta haben mag, die meisten von denen, die handeln müssten, wissen seit Jahrzehnten, dass sie handeln sollten. Aber sie wissen auch, dass es genauso gut ohne geht, nicht selten mit deutlich mehr Erfolg. Vielleicht ist es nur eine Frage des Alters, bis man das Gefühl nicht mehr loswird, dass man sich samt der Welt um einen herum im Kreis dreht.

Eben noch im Fluss geschwommen, mit Händen und Füssen gegen den drohenden Untergang gerudert, sitzt man nun am Ufer und starrt vom Gurgeln und Tosen hypnotisiert dem mit immer höherem Tempo vorbeiströmenden Treibgut nach. Dagegen wirken die einst durchs Dorf getriebenen Säue geradezu pastoral. Papier war immer schon geduldiger, und vor allem stiller. Der digitale Markt hat zu viel fettiges Fast Food im Angebot, das einem auf den Magen schlägt und sauer aufstösst. Es hinterlässt ein hartnäckiges Völlegefühl, das loszuwerden trotz kleineren Portionen nicht gelingen will. Wo einst stand, was war, ist und womit man allenfalls noch rechnen kann, findet sich nur noch lärmiges Geschrei um immer weniger Gehalt. Wortfetzige Köder, die wie künstlicher Brotduft in Billigsupermärkten unsere Aufmerksamkeit mit aller erdenklichen Penetranz erregen. Doch wenn man einknickt und irgendwann doch draufklickt, ist man bereits in den hundehaufengrossen Kaugummi getreten, bekommt vom Teigling Bauchweh und stellt fest, dass man einmal mehr unfreiwillig Werbeeinnahmen generiert hat. Wer mehr will, muss zahlen.

Fair enough. Qualität kostet, selbstverständlich bezahle ich dafür (nicht eben wenig). Um jedoch an den vom Stammtisch in die sozialen Medien umgezogenen Debatten teilzunehmen, hat man noch die Wahl zwischen arg eingeschränkten (und folglich nurmehr wenig lebendigen) Kommentarspalten, ungepflegten (und somit meist unter der Gürtellinie liegenden) Wutbürgerspielwiesen oder der eigenhändig gepflegten Timeline, deren Niveau und Diversität zumindest in algorithmischen Grenzen halbwegs im Bereich des Erträglichen gehalten werden können. Thematisch gefüttert wird sie, soweit es um Gehalt und Relevanz geht, grösstenteils dank medialem Schaffen, im Übrigen von einem wachsenden Heer notorisch mitteilungsbedürftiger Narzissten. Ob der Medienkonzentration ist es fraglich, ob man mit höherem Mitteleinsatz tatsächlich auch bessere Vielfalt und nicht einfach nur mehr vom Selben bekommt. Selbst wenn man dem bewährten Blätterwald vertraut, kommt man um die einschlägigen Plattformen nicht herum: längst äussern sich die Mächtigen ohne mediale Vermittlung rund um die Uhr in einer grenzenlos globalen Öffentlichkeit.

Daran, dass der Informationsinteressierte sich auch diesen Meis besser selbst anhört, sind die einstigen Gatekeeper nicht unschuldig. Allzu rasch haben viele ihre Verantwortung aufgegeben und sich instrumentalisieren lassen. Statt mit hintergründigen und kritischen Interviews, füttert uns die Newsindustrie gerne mit einem Best-of-Brei von Polit- und Promigezwitscher, für deren Zitieren es kein Plazet braucht und die man mit ein paar Zeilen darüber und darunter schamlos als eingeordnet erklärt. Von Rosskuren wie Digital Detox mag man halten, was man will, ich bin kein Newsjunkie, ich möchte mich nur informieren, will Raum und Zeit um mich herum wahrnehmen, das Gelände kennen, in dem ich mich bewege. Uninformiert sein ist wie wenn man nachts im Dunkeln durch mit Grümpel verstellte Zimmer stolpert und sich überall wund schlägt. Es macht Angst. Wer meint, dem Problem smart mit dem Nachtsichtgerät der wunderbaren Onlinewelt Herr zu werden, blendet den damit verbundenen Tunnelblick ebenso aus wie den Mangel an Farben und Kontrasten. Vielleicht sollte man es Katzen gleichtun und sich ihren täglichen Kartierungsrundgang angewöhnen, bei dem sie sich einprägen, wo was steht, um in der Dunkelheit sicher und lautlos ans Ziel zu kommen. Bei Viel Lärm um nichts ist laut Claudio Schweigen der beste Herold der Freude.

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs-, IT und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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