Niveau: unterirdisch

Neulich bekam ich einen Anruf, von einer mir bis dahin persönlich nicht bekannten Person. Er würde mich im Auftrag jener Person kontaktieren, deren Rückruf ich eigentlich erwartet hatte. Was dann folgte, war eine Tour d’Horizon aller telefonisch anwendbaren Unhöflichkeiten, inklusive finalem Aufhängen. Zack. Im privaten Umfeld liessen sich durchaus Situationen beschreiben, in denen das Verhalten vielleicht nachvollziehbar wäre. Selbst im professionellen Alltag können Emotionen und schwierige Konstellationen manchmal die ansonsten üblichen beruflichen Umgangsformen vergessen lassen. Aber was in diesem Fall zu sagen war, hätte man ohne weiteres in ein paar Sätzen freundlich übermitteln können, auch für einen kurzen Dialog wäre genug Zeit gewesen, man hätte Bedauern geäussert und sich anständig verabschiedet. Doch so geschah es nicht. Also legte ich perplex den abrupt verstummten Hörer auf und versuchte, meine Fassungslosigkeit mit Kopfschütteln loszuwerden.

Das brachte natürlich nichts. Dabei bin ich es gewohnt, im Kundenkontakt gelegentlich Kritik mit der gebotenen Haltung entgegenzunehmen, unabhängig davon, ob sie mir gilt oder andern, ob sie gerechtfertigt ist oder nicht. Das gehört zum Alltag in der Dienstleistungsbranche. Doch stets gibt es einen Anlass, etwas, das nicht den Erwartungen entspricht, und meist findet sich ein Weg, das Problem im Gespräch gemeinsam zu lösen, gesittet und mit professioneller Sachlichkeit. Es kommt äusserst selten vor, dass eine Angelegenheit persönlich wird, in aller Regel kennt man sich dann auch in irgendeiner Form schon bevor ein Gespräch schwierig wird. Woher die Petulanz bei dieser ersten und weder vorbelasteten noch anderweitig komplizierten Begegnung kam, darüber kann ich wohl still spekulieren, aber keine Variante erklärt die unterirdischen Umgangsformen.

Ist nun das, was in der Anonymität der Onlinekommentare seinen Anfang genommen hat, im Alltag angekommen? Auch wenn Kommentarfunktionen nicht mehr oder nur noch punktuell freigeschaltet sind, finden Hatemails wie Hassbriefe weiterhin ihren Weg zu ihren Adressaten. Längst stehen die Wütenden mit Stolz und ohne Scham klarnamentlich hinter ihren Tiraden. Im Einklang mit den allenthalben schrägen Tönen werden auch Kommentare, Leitartikel und Meinungsspalten in renommierten Blättern unverblümter. Wer sich teilweise mit Leib und Leben für völlig fremde Leute einsetze, ohne etwas zurückzufordern, sei eben ein Schwärmer, schreibt da jemand unter einen zur Debatte gestellten und wohl gerade deshalb unausgewogenen Text der NZZ. Was für ein trauriger Kommentar. Bislang konnte man sich einigermassen schadlos aus der erodierenden Diskussionskultur in den Social Media zurückziehen, wenn man weder persönlichkeitsstrukturell, haupt- oder nebenberuflich auf solche Öffentlichkeit angewiesen war.

Längst zitieren auch Qualitätsmedien reihenweise Tweets jenseits von diplomatischem Niveau und minimalsten Stilstandards, wenn auch oft in guter Absicht als Beleg und mit Hintergrund und Kommentar sorgfältig eingeordnet. Nach all dem zänkischen Gezwitscher von der Würde ihres Amtes nicht gewachsenen Zeitgenossen, haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, dass manche sich überall und jederzeit wie unflätige Teenager benehmen. Doch was man bei jugendlichen Provokateuren noch dem im Umbau befindlichen Frontallappen zuschreiben kann, ist bei Erwachsenen im reifen Alter dann doch eher bedenklich. Nun ist sie ausgebildet und erfolgreich, die Generation jener, die Autoritätspersonen im Zugabteil einst mit ihren Füssen auf dem Polster siegessicher grinsend zurechtwiesen, diese hätten keine Erziehungsberechtigung und folglich auch nicht das Recht, sie auf ihr nach geltenden gesellschaftlichen Gepflogenheiten inakzeptables Fehlverhalten aufmerksam zu machen.

Unter polemischem Gebrüll gegen politische Korrektheit und der wohl grössten medialen Bühne, die man populistischen Grossmäulern je gegeben hat, sind sie nun zu Mitgliedern unserer Gemeinschaft herangereift. Sie haben gelernt, dass man alles sagen darf, sofern man die sich selbst erteilte Erlaubnis dazu ausdrücklich mitliefert. Der Preis dafür ist eine sich stetig verschiebende Grenze dessen, was sagbar ist. Polemik und Populismus schaffen ein Klima, in dem aus Worten Taten werden, hemmungslos selbst Undenkbares machbar wird. In einer Welt von schamlosen Lügen, schnoddrigen Äusserungen und leeren Behauptungen akzeptieren viele wohl irgendwann, dass einen weder Ehrlichkeit noch Höflichkeit weiterbringen, während man mit grober Frechheit offensichtlich immer häufiger gewinnen kann und seltener auf die Schnauze fällt. Erklärungen müssen nicht stimmen, aber die Suche nach ihnen kann durchaus dabei helfen, sich wieder zu fassen. Die Frage, ob man nicht besser wütend bleiben und sich gegen den Abstieg ins Unterirdische wehren soll, bleibt dabei allerdings offen.

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs-, IT und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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