Wenn Frau will

Nun ist er vorbei, der Frauenstreik, der eigentlich gar keiner war. Wohl wurden die Probleme angesprochen und man diskutierte Lösungen, auf allen Kanälen haben Frauen debattiert und philosophiert. Erstaunlicherweise war es für einmal zumindest scheinbar kein Problem, fast nur Frauen einzuladen, die auch kamen und sich trauten. Und was nun? Nach dem Frauenstreik ist vor dem Frauenstreik, hört man. Gefordert werden mehr Lohn, mehr Zeit und mehr Respekt. Frauen müssten lernen, den verdienten Lohn zu verlangen, meint die Unternehmensberaterin Sonja A. Buholzer, allerdings nicht mit quietschender (!) Stimme, sondern „normal“ und in kurzen, klaren Sätzen. Schliesslich würden Frauen beim Autokauf ja auch verhandeln. Nur ist hierbei auch eine Kundin König, beim Bewerbungsgespräch ist die Ausgangslage dann doch nicht ganz dieselbe. Überhaupt ist die Lage anders, als sie 1991 noch war. Wenn Frau will, steht alles still, hiess es damals. Mittlerweile können Frauen alles bewegen, wenn sie es wollen, trotzdem kultivieren manche heute freiwillig den Stillstand.

Wenn Frau gewollt hätte, wäre in den vergangenen achtzehn Jahren noch mehr gegangen. Tatsächlich sind Frauen heute gleichberechtigt und gleichgestellt. Sie haben die gleichen Chancen und Möglichkeiten wie Männer, Gesetze verbieten jegliche Diskriminierung, viele Stellen richten sich explizit auch an Bewerberinnen. Zahlreiche Unternehmen fördern Frauen seit Jahrzehnten mit gezielten Programmen und Massnahmen. Es geht den Frauen in manchen Dingen sogar besser als den Männern: sie sind bei einer Scheidung gut abgesichert, bekommen nach wie vor leichter das Sorgerecht und haben ein Recht auf Mutterschaftsurlaub und keine Militärdienstpflicht. Selbst das Schulsystem ist in vielerlei Hinsicht perfekt auf weibliche Bedürfnisse zugeschnitten. Dass ihnen auf dem Weg in die Machtzentralen auch heute noch ganze Steinhaufen vor die Füsse gekippt werden, ist zwar durchaus ein Grund, mehr Lohn, Zeit und Respekt zu fordern, doch – und diese Frage hörte man im Vor- und Umfeld des Frauenstreiks zu recht sehr oft – wofür oder wogegen richtet sich denn eigentlich ihr Streik?

Gegen die Arbeitgeber, die Frauen trotz ihrer oft besseren Ausbildung für dieselben Aufgaben noch immer weniger Lohn zahlen, als ihren männlichen Kollegen? Solange es nicht möglich ist, dies im Einzelfall mit Lohntransparenz nachzuweisen, werden die einen weiterhin das Problem mit fadenscheinigen Erklärungen aus der Welt argumentieren, während die anderen ihnen die Argumente mit dem noch immer weitverbreiteten Teilzeit-Fernbleiben bereitwillig bestätigen. Wer ohnehin schon nur teilweise arbeitet, bewirkt mit einem Streik entsprechend weniger. Gegen die Väter und Gatten, die den Frauen trotz zunehmender ausserhäuslicher Berufstätigkeit weiterhin unbekümmert den Löwenanteil der Haus- und Familienarbeit überlassen? Frauen brauchen keine Erlaubnis mehr, wenn sie arbeiten wollen, und sie sind längst nicht mehr verpflichtet, den Haushalt zu führen. Sie können selbst bestimmen, in ihrem Leben wie auch in der Politik, sich für all das einsetzen, was ihnen gelebte Gleichstellung ermöglichen würde: Individualbesteuerung, eine Pflicht zu Absicherung und Vorsorge, wo sie im Betrieb mitarbeiten, Kinderzulagen für beide arbeitenden Elternteile, betriebliche Betreuungsplätze, Elternurlaub und gleiche Rechte und Pflichten im Falle einer Scheidung.

Wenn Frau will, geht es voran, nur wollen das nicht alle. Wir zweifeln an uns, wir geben nach, wir kümmern uns um alles. Weil wir dazu erzogen wurden, im innerfamiliären Kampf um die Aufgabenverteilung schnell klein beizugeben. Weil wir die Nerven nicht haben, neben Wäscheberg und Unordnung und notfalls auch ohne warme Küche den Feierabend zu geniessen oder trotz allgemeinem Bedürfnislärm schamlos eigene Prioritäten zu setzen. Am allerwenigsten, weil wir angesichts der langen Liste sozialer und familiärer Pflichten uns nicht in der Lage fühlen, politische, betriebliche oder gar unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Das schaffen wir nicht. Männer schon. Trotz für die an sie gestellten Anforderungen im Schnitt geringeren Qualifikationen, nicht selten weniger Erfahrung und oberflächlicherem Wissen. Weil wir unsere Männer dazu erzogen haben und täglich darin unterstützen, Verantwortung zu übernehmen, mutig und erfolgreich zu sein. So sind sie bis heute in der Lage, Frauen von den fürs Vorankommen relevanten Netzwerken, Seilschaften und Machtpositionen auszuschliessen. Wenn Frau will, steht alles still. Doch so lange sie diesen Stillstand will, müsste sich ein wirksamer Streik an die Frauen selbst richten: auf dass sie den Männern im Büro etwas Arbeit abnehmen, damit sie zu Hause mehr übernehmen können.

 

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs-, IT und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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