Mehr – Frauen

Frauen wollen mehr. Viel mehr, eigentlich wollen sie alles, vor allem alles auch. Auf jeden Fall wieder eine Frau im Bundesrat, oder zwei. Zumindest wollen das die meisten, aber von irgendwas wollen alle irgendwann irgendwie mehr. Mehr Anerkennung für ihre Leistung, mehr Lohn und mehr Gleichberechtigung. Wenigstens mehr Schuhe, mehr Kleider und mehr Schmuck, gerne auch mehr Wohnraum, mehr Spielraum und mehr Freiraum. Natürlich klingt das furchtbar übertrieben und erinnert ans magische Dreieck der Serviceanbieter. Danach gibt es gute, schnelle und günstige Angebote, wovon jedoch nur jeweils zwei Ausprägungen auch zusammen wählbar sind: Ein guter und günstiger Service ist zumeist nicht schnell, der gute und schnelle Service oft nicht billig, und der schnelle, billige ist selten gut. Ähnlich verhält es sich im Lebenstraumdreieck von Reichtum, Selbstbestimmung und Erfüllung – man kann nicht alles haben, ohne irgendwo ein Opfer zu erbringen. Ausser man ist ein Mann.

Längst haben Real- und Finanzwirtschaft gelernt, wie man Gutes schnell und günstig anbieten kann, vielmehr muss, wenn man im globalen Wettbewerb überleben will. Für alles gibt es ein Land, einen Markt und interessierte Partner, die dabei helfen, die Lücken zu füllen: tiefe Steuern, niedrige Löhne, lasche Gesetze. Man lagert aus, was woanders oft billiger, manchmal schneller und immer häufiger auch besser geht. Das Beratercredo vom Auspressen der Zitrone zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung ist zur allseits angewandten und akzeptierten Best Practice geworden. Während der Herr Gemahl das fürs angenehme Leben nötige Gehalt verdient, delegiert er die private Infrastruktur gern an die liebe Gattin, die sich, je nach Budget ihrerseits mit externer und oft fremder Hilfe, daheim um Kinderschar, Wäschekorb und alles Übrige kümmert. Ob nun biologisch, soziologisch oder politisch motiviert, fürs eigene Modell lassen sich in jeder Richtung recht gute Argumente finden. Der Wunsch nach mehr ist a priori menschlich, nur geniesst das männliche Gewinnstreben das Ansehen zweckdienlicher Vernunft und die Anerkennung berechtigter Ansprüche, während weibliche Ambitionen notorisch ihrer Selbstsucht zugeschrieben werden und man ebendieser Neigungen wegen an ihrer Eignung für so manches nicht unbegründet zweifelt.

Mehr Geld, mehr Einfluss und mehr Macht, schliesslich dient das Wirtschaft und Gesellschaft, mehr Frauen und mehr Power, dem erfolgreichen Mann sei es gegönnt. Die feminine Lust auf luxuriösen Putz hingegen ist längst legendär und liegt ihr ebenso im Blut wie Mutterschaft und Hausarbeit. Marine Le Pen, Alice Weidel und Marissa Mayer, wie Figura zeigt machen ehrgeizige Frauen die Welt nicht besser. Auch Merkels Macht, Ruoffs Betrug und Ribars heikles Mandat taugen kaum als Beweis für weibliche Andersartigkeit. Der lange und beschwerliche Aufstieg der Frauen in Politik und Wirtschaft hat bis heute wenig Gutes bewirkt, der gegenwärtig zu beobachtende Rückzug an den heimischen Herd mag man folglich fast genauso gut begrüssen wie bekämpfen. Ohnehin herrscht ganz oben und in dünner Luft nach wie vor ein sehr maskulines Klima. Der geschlechtspezifische Ausdruck vom Wunsch nach mehr bleibt das dominante Normalverhalten, das wir Kindern bis heute antrainieren, wenn wir sie angeblich alternativlos mit langwimprigen Gummibaben beschenken oder ihnen eben Ball und Rennbahn anbieten.

Auch deshalb lässt sich das Gender Paygap weiterhin sehr einfach weg argumentieren, indem man die Verantwortung für die fehlenden Aufstiegschancen in gut bezahlte Jobs den Frauen selbst zuschreibt. Tatsächlich ist es ziemlich schwierig, im stillen Zwiegespräch mit einem rosaroten Plastikpony so etwas wie ein Gefühl für Teamgeist, Wettbewerb oder gar Ehrgeiz zu entwickeln. Selber schuld, wer nach der jahrelangen Beschäftigung mit anorektischen Barbies und rülpsenden Babies lieber Topmodell und Mutter werden will, als lärmende Raketen zu bauen, feuchte Tunnels zu bohren oder interaktive Computer zu programmieren. Auch die Vereinbarkeit von Kind und Karriere können Männer ohnehin besser stemmen (weil die Frau, wenn überhaupt, Teilzeit arbeitet, den Haushalt alleine erledigt und selbstverständlich daheim bleibt, wenn das Kind krank ist), Frauen wollen sich der Herausforderung halt einfach nicht stellen (weil der Mann eben mehr verdient und sich mehr Anteil an der Familienarbeit aus beruflichen Gründen nicht leisten kann). Wenn er nach wie vor mehr Lohn bekommt, kann sie auch weiterhin zufrieden ihre Schuhe shoppen. Reichtum, Selbstbestimmung und Erfüllung – man kann tatsächlich alles haben. Sofern man eine Frau ist.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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