Der Winter kommt

Rechtzeitig vor der hibernalen Futterknappheit legen Nagetiere sich bekanntlich einen Vorrat an. Der Homo sapiens aber lebt auch von Knacknüssen, Gedankensamen und Informationskernen, als alltägliche Bezugsquelle nutzt er mediale Angebote. Nun droht den geistig Hungrigen eine Versorgungskrise, weil ihre Informationslieferanten entweder selbst gefressen werden oder mangels eigener Beute verhungern müssen: gekirrt und angeludert ziehen die Leseratten in seichtere Gefilde weiter, die vifen Werber heften sich an ihre Fersen und aus der funktionierenden Nahrungskette wird ein fataler Teufelskreis. Eines der letzten Biotope hat künstlich bewässert bis heute überlebt, doch nun wird diese Oase von Futterneidern, Körnchenpickern und Fressfeinden zerniert. Als federale Quelle bot sie dank ihrem gut funktionierenden Verteilungssystem lange Zeit so manchem Tierchen sein Pläsierchen, jetzt droht der Kollaps. Für diesen Fall, so hat es die besonders betroffene Generation gelernt, gilt der kluge Rat zum Notvorrat. Was im kargen Winter dem Eichhörnchen vergrabene Beeren, Nüsse und Samen bieten, muss der von der Informationsknappheit betroffene Mensch in Form von Bild-, Ton- und Textkonserven folglich nicht nur selbst vorrätig, sondern wenn möglich auch aktuell halten.

Beim Kaffee nach dem Sonntagsbrunch im neuen Sachbuch lesen, am nebligen Vormittag die Augen schliessen und zur Abwechslung mal übers Ohr geniessen. Den Nachmittag im Sessel am herbstonnigen Fenster sitzen, mit einem Roman in die Vergangenheit reisen und dabei die Gegenwart neu sehen. Abends beim Glas Wein Gehörtes, Gelesenes und Gedachtes diskutieren und sich dank dem Netz von Freunden, Bekannten und Verwandten in aller Welt laufend über Politik, Wirtschaft und Naturgefahren informieren. Per Videochat direkt erfahren und verstehen, was andere anderswo ausserdem bewegt. Unterwegs auf Social Media das Wichtigste vom Tag erwischen und wenn möglich noch die seltenen Perlen fischen. Dank persönlichen Expertentipps muss man sich selbst gute Filme, Magazine und Gespräche nicht entgehen lassen, solange das Angebot bei noch nicht zerschlagenen öffentlich-rechtlichen Sendern im Ausland empfangbar ist. Ausgesuchte Periodika sorgen schliesslich für Nachschubbeiträge zur Breite, die Wandregale voller ungelesener Bücher sichern zusätzlich die lang anhaltende Tiefe.

So liesse sich die post-billagiale Eiszeit mit etwas Mehraufwand ganz angenehm organisieren, sofern es die eigene Infrastruktur erlaubt. Manches hätte sogar sein Gutes. Anstelle enervierender Talkshows wären persönliche Debatten inspirierender und ein wesentlich sozialeres Vergnügen, als den Einheitsbrei aus lauter Langeweile weiter wort- und kommentarlos gemeinsam linear oder getrennt vernetzt zu konsumieren. Statt der asynchronen Nahrungsaufnahme von aufgrund ihrer unterschiedlichen Filterblasenhabitate selten gemeinsam anwesenden Monaden, würde an manchem Esstisch vielleicht sogar wieder ernsthaft diskutiert. Die sozio-demographische Heterogenität trüge schliesslich zur alltäglich gelebten Meinungsvielfalt bei und ein weniger bulimischer Informationskonsum würde unreflektierten Anschauungen und vorschnellen Annahmen entgegenwirken. All das wäre mit ausgesuchten und den bekannten Fernsehformaten nicht unähnlichen Inszenierungen in Kino, Theater und Konzertsaal zu ergänzen. Auch Podiumsdiskussionen wirkten ab und zu erhellend, sogar Satire-, Kabarett- oder Zirkusvorstellungen könnten bereichern. All das wäre möglich, sofern die betroffenen Budgets dies erlauben.

Bleibt der sermonische Einwand, dass die Privaten, so sie endlich aus dem Schatten des Riesen treten können, wie ein Phönix kaum von der Asche befreit in ungeahnte Qualitätshöhen aufsteigen und mühelos in die geschlagene Bresche springen. Tatsächlich steht ihnen der Sinn wohl eher danach, ebendiese Asche in Gold zu verwandeln. Selbst wenn sie es könnten, vom Weg dahin, wo der vermeintliche Feind heute steht, legte keiner auch nur einen Millimeter zurück – ihre Ziele liegen in entgegengesetzter Richtung. Die Digitalisierung hat wenigen qualitative Flügel verliehen, umso öfters aber selbige gebrochen. Natürlich wäre da noch die gute alte Tagespresse, die den informationshungrigen Menschen bislang durch so manchen Wintertag brachte. Nagetiere neigen im Falle einer bevorstehenden Nahrungskrise zum präventiven Kannibalismus, für Qualitätsmedien würde sich der aufgeklärte Mensch solidarischere Überlebensstrategien wünschen. Auch der Lemming ist ein Nager, trotzdem wird es nicht reichen, im Chor mit anderen das Schliessen der rechten Flanke zu popularisieren. Eichhörnchen vergraben im Herbst Nüsse und Samen, wenn sie im Winter Hunger haben, zehren sie davon. Manchmal allerdings finden sie unter der Schneedecke nicht alle Verstecke wieder. Dann spriessen im Frühling mancherorts zarte Bäume und Büsche aus dem Waldboden. Es bleibt eine kleine Hoffnung, dass wieder Neues wächst, wenn mit den Schneeglöckchen auch der Tag der Entscheidung kommt.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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