Aufrüsten für den Frieden?

Anfang Juli beschlossen die Vereinten Nationen ein Verbot von Atomwaffen. Weit über hundert Länder werden sie nie mehr entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern. Nicht unterzeichnet haben den Vertrag allerdings ausgerechnet jene Staaten, welche diese bereits entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern. Seit der ersten Atombombe geht es um Abschreckung zur Friedenssicherung, wir verlassen uns darauf, dass die Mächtigen in diesem Gleichgewicht der Angst klug genug sind, den Knopf nicht zu drücken. Das ist nachvollziehbar, trotzdem zweifeln wir und haben Angst, dass es irgendwann einer doch tut. Weil sich die eigene Macht immer schon am leichtesten mit Angst und Schrecken mehren liess, nährt sich der ständig köchelnde kalte Krieg eben auch davon. Selbsterwähnte Diktatoren, Sultane, Alleinherrscher und Könige lehren sich in der Folge mit tüchtigem Säbelrasseln gegenseitig das Fürchten. Atommächte werden nicht müde, die friedenssichernde Wirkung gewaltiger Abschreckungsarsenale zu betonen und beeindrucken einander mit imponierenden Militärparaden. Trotz aller Bemühungen aber ist es der Welt noch nicht gelungen, die Vision einer globalen Völkerverständigung zu verwirklichen.

Auch deshalb darf man sich angesichts defilierender Soldaten fragen, was das alles soll, man darf träumen und sich erinnern: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Heute ist bestenfalls das Verweigern des Militärdienstes einigermassen salonfähig. Wo es nur in Friedenszeiten oder überhaupt nicht erlaubt ist, sich dem Kriegsdienst zu verweigern, bleibt auch heute nur die Desertion. Für viele gilt deshalb nach wie vor, dass sie sich dem Krieg im Ernstfall zu stellen haben. Seit jeher schützte ein Kämpfer folglich sein eigen Leib und Leben, trug das Holzschild am Unterarm, nutzte die Blechrüstung als Körperpanzer, hielt sich mit dem Speer den Gegner vom Hals oder sorgte mit Gewehren, Kanonen und Bombern für Abstand vom Gemetzel. Dennoch war der Soldat immer gezwungen, sich letztlich auch selbst in die Schlacht zu begeben, um einen Feind wirklich besiegen zu können. Erst Kampfdrohnen ermöglichen heute einen Einsatz aus absolut sicherer Distanz. Es ist naheliegend, dass man sich wünschte, man könnte nur Maschinen in den Krieg entsenden und ihn ohne eigenes Blutvergiessen gewinnen. Stell dir vor, es ist Krieg und nur die anderen begeben sich in Gefahr.

Zuverlässig und sowohl ohne menschliche Fehler als auch ebensolches Leid marschieren sie auf feindliche Truppen los und führen ihren Auftrag aus. Zumindest in der Filmwelt träumen Waffenkonzerne vom serienmässig hergestellten unbemannten Robotersoldaten. In der realen Welt sind schmerz- und gewissenlose Kriegsmaschinen keine befriedigende Antwort, sondern werfen zahlreiche moralische und ethische Fragen auf. Zu sehr stört die Asymmetrie, wenn eine ferngesteuerte Drohne auf schreiende Menschen schiesst. Die grosse physische Entfernung vom Geschehen bedeutet auch eine enorme innere Distanz, zur technischen kommt eine emotionale Dominanz. Die einseitige Kontrolle über das Geschehen vom Schreibtisch aus erinnert an Computerspiele, nur dass in diesem Fall die Opfer echt sind. So sehr man ohne Verluste in den eigenen Reihen insbesondere auch gegen brutale Terrormilizen nachhaltig vorgehen möchte, es bleiben grosse Skrupel. War die Terrakotta Armee vermutlich nur ein Trainingsheer, so sind Kampfdrohnen tatsächlich effektive Waffen und Klonkrieger Tötungsmaschinen.

Ein solcher Einsatz reiner Roboterarmeen aber würde bald auch beim Feind Begehrlichkeiten wecken. Die Rüstungsindustrie würde weiter wachsen und die Digitalisierung immer raffiniertere Maschinen hervorbringen. Schliesslich stünden sich überall nur noch Drohnenheere gegenüber. All dies geschähe zu einem hohen Preis, aber ohne Blutvergiessen und folglich gegen wohl geringeren politischen Widerstand. Die gewaltigen Rüstungsausgaben und moralische Fragen würde man auch dann mit friedenssichernder Abschreckung rechtfertigen. Vielleicht hätten die sich gegenüberstehenden Maschinenarmeen am Ende aber eine ganz neue Wirkung: Wenn Krieg zur teuren Materialschlacht ohne menschliche Verluste würde, müsste man ernsthaft daran denken, ihn tatsächlich konsequent digital und damit nur noch virtuell auszutragen. Die so eingesparten Kosten für Rüstung, Bevölkerungsschutz und Kriegsschäden liessen sich in nachhaltige Präventivmassnahmen wie Armutsbekämpfung, Welternährung und Chancengleichheit investieren. Rüstungskonzerne könnten dank ihrem Knowhow mit vertretbaren Investitionen auf Videospiele und Virtual Reality umsatteln. Die Menschen wollen endlich überall Frieden, warum in aller Welt gibt es noch Krieg? Auch wenn es schwierig ist, darauf Antworten zu finden, die Frage ist nicht aus der Welt: warum bleibt das Aufrüsten der offenbar einzig denkbare Weg zum Frieden?

Bild: https://www.youtube.com/watch?v=coFfwmXBVSU (ohne Tauben)

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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