Jeder gegen alle

Trotz der Sehnsucht nach dem grossen Miteinander, schätzt der Mensch im Kleinen seine Grenzen. Wir spielen gerne hier gegen dort, wollen in weissen jene in schwarzen Leibchen besiegen und fühlen uns mit den einen vereingt gegen die wie auch immer andersgearteten anderen. Seit jeher gab es Gräben und lagen Welten zwischen Nord und Süd, Ost und West oder Stadt und Land. Wo sich ein Dies vom Das unterscheiden lässt, ist eins von beiden besser, höher und vor allem wertiger. Fronten liessen sich zuweilen verschieben, Eisberge schmolzen und neue Brücken wurden geschlagen. Dennoch blieb der globale Bauplan geographisch und gesellschaftlich über lange Zeit weitgehend in gewohnter Ordnung. Erst im noch jungen Jahrtausend öffneten sich die Grenzen, krümmten sich die Räume zur vernetzten Kugel und schrumpfte die Erde auf die Grösse eines virtuellen Dorfes mit kurzen Wegen und kunterbuntem Markttreiben. Vor uns eine grüne Wiese, der himmelblaue Horizont zum Greifen nah und überall die Lust auf Wandel, Wandern und das World Wide Web.

Bis die Blasen platzten, eine nach der anderen. Die ganze Welt dank Smartphone jederzeit zur Hand, erregt längst alles ringsherum selbst gelassene Gemüter, löst bereits die geringste Regung mediale Erdbeben aus. Die Risse, die sie verursachen, lassen sich nicht mehr auf Gefälle, Vorhänge oder Gräben reduzieren, sondern ziehen sich als tiefe Kluft rund um den Planeten und mitten durch Gesellschaften, Parteien und Familien. Wo jeder gegen jeden wettert, links und rechts nichts mehr wie früher ist und sich Konservative als revoluzionierende Avantgarde verstehen, taugen die alten Feindbilder nichts mehr. Am Tag, als sich Li Keqiang zum Klimaschutz bekennt, kündigt Trump das Klimaabkommen. Im zeitgenössischen Wirrwarr verbündet sich das einst tiefrote Russland mit der europäischen Rechten, China kämpft für Freihandel und der amerikanische Präsident will sein Land der unbegrenzten Möglichkeiten einmauern. Während Grossbritannien die Europäische Union verlässt, wütet man im Osten gleichermassen gegen den Orient und die Verbündeten im dekadenten Okzident.

Alle Welt in medialer Aufruhr, die einen empört, die andern fanatisch. Dort entpuppt sich der Präsident als Verschwörungstheoretiker, da wählt das Volk einen Diktator, der die Evolution gleich aus dem Lehrplan streicht. Es ekelt einen, und Ekel macht konservativ. Ein Teufelskreis, in dem wir uns immer schneller um die eigene Achse drehen, wie unser Globus, den wir dabei zerstören. Schwindlig wird es jedem, der den eigenen Verstand zu gebrauchen noch im Stande ist, doch während das Verstehen schwindet, wächst in andern Köpfen höchstens das Verständnis fürs Schwindeln. Im Streben nach individuellem Wohl greifen auf dem Weg zum Gipfel immer mehr Hände nach denselben Stellen, bei nachlassender Kraft und wachsender Absturzangst tritt mancher im Gerangel lieber auf fremde Füsse. Es braucht nur wenig, und es bricht Panik aus. Fürs eigene Überleben stösst man schliesslich andere ins Nichts, klammert sich an starken Armen fest, glaubt an die eigene Unschuld nicht minder als an die bevorstehende Erlösung durch den Heilsversprecher beim Gipfelkreuz.

Wer unter die Räder kommt, ist selber schuld, gehört halt nicht dazu und soll lieber jenseits des Diesseits seine Kreise ziehen. Unsere eigene Freiheit war nie dazu gedacht, auch für die Mehrheit zu funktionieren, sagt Pankaj Mishra in einem Interview in der NZZ am Sonntag. Deshalb sind sie alle so wütend, und von der Wut nährt sich der Populismus, der auch dann gewinnt, wenn er verliert, weil er das Volk von der Elite trennt. Der Wutanfall von rechts widerhallt im medialen Echoraum von gegenüber als Kritik an den Hierarchen, derselbe Wein in allen Schläuchen. Wer weiss eigentlich noch, wer wofür steht, kaum einer steht mehr gerade. Für die Konservativen gibt es nur die eine Ehe, ihre Herausforderer aber wollen sie für alle. Soll sie für alle sein! Keine Debatte, dem lahmen Zug fehlt es an Dampf. Für die einen ist damit praktischerweise auch die Gewissensfrage nach mehr Gleichheit und Gerechtigkeit geklärt, die anderen wünschten sich, es ginge endlich nicht mehr um die marginalen, sondern um die wirklich grossen Fragen. Doch die Mehrheit summt im Mainstream gemütlich weiter im Chor gegen Multikulti mit und überliest, dass es beim Geteilten trotz allem ein mal mehr ums Miteinander geht.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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