Howgh!

Im Winnetou-Weihnachtsdreiteiler blickt Ende 2016 ein schwacher weisser Mann zu einer weisen roten Frau auf: solch politisch korrektgeträumte Heldendekonstruktion ist wahrlich eine geschichtsklitternde Ungeheuerlichkeit! Übel könnte es einem werden von all dem Gendertrash und Toleranzgeschwurbel, linkische Zensurversuche gegen richtige Meinungen, das Geschwafel abgehobener Linkspolitiker, die selbstvergessen in der Endlosschlaufe um abstrakte Umwelt- und Geschlechterthemen kreisen, während sich eine wachsende Abstiegsgesellschaft täglich fragt, wovon sie morgen leben soll. Natürlich wählt man dann den einen, der die zukunftslose Gegenwart mit uns verflucht und dafür die perfekte Vergangenheit verspricht. Nicht weil er mit seinen Lösungsansätzen überzeugt und so belegt, dass er es besser weiss, sondern weil die andern bereits bewiesen haben, dass sie es ihrerseits nicht besser können. Wir sind frustriert, Fauchen hilft und Fluchen befreit. Schluss mit Schmusekurs und Schweigen zu Migrationshintergründen und Kausalzusammenhängen, die Ehe ist nicht für alle, hier gelten unsere Regeln und wir sind das Volk. Weg mit den andern, Frauen an den Herd, Männer an die Macht. Ist ein jeder seines Glückes Schmied, wird alles gut im freien Markt. Howgh!

Was zählt ist Meinung, das geht auch ohne Haltung. Die Wirkung ist die neue Wahrheit. Postfaktisch ist das internationale Wort des Jahres 2016, das uns gelehrt hat: man kann weder Bildern noch Worten trauen, darf alles behaupten, muss nichts belegen aber alles faktenchecken. Das geht in beide Richtungen, Wahrheit und Lüge sind nun einmal relativ. Die Fakten gehören insofern auf den Tisch, als sie die eigene Ansicht akzentuieren, andernfalls werden sie wie eh und je unter den Teppich gekehrt. Damit einher geht auch die Abkehr vom politisch Korrekten. Aus Höflichkeit wird Heuchelei, aus Taktgefühl Schönfärberei. Lassen wir sie raus, die Emotionen, seien wir direkt und politisch unkorrekt! Schleichend werden die Gepflogenheiten umgepflügt, nun muss sich erklären, wer Geflüchtete statt Flüchtlinge sagt, fürs Umständliche bei Menschen mit einer Behinderung bittet man besser sofort um Entschuldigung, die ausdrückliche Nennung von mitgemeinten Genera ist selbstredend zu unterlassen. Was man zwischendurch schon auch mal sagen durfte, ist zur alltäglichen Gewohnheit geworden. Ehrlichkeit erkennt man an der einfachen Direktheit, Differenziertes ist undurchsichtig und damit verdächtig. Das private Schimpfen ist mittlerweile auch in aller Öffentlichkeit salonfähig. Schamlos wird auf allen verfügbaren Kanälen getrollt, gepöbelt und gedroht.

Satire darf alles, und alle dürfen heute Satire, das wird wohl rasch zynisch, doch befreit es, zwar nicht von belastenden Sorgen, aber wenigstens von lästiger Verantwortung. Schuld an fehlenden und falschen Fakten sind andere. Es ist nur konsequent, wer für gekaufte Ansichten nichts bezahlen will. Informieren kann man, muss man sich aber nicht, Newsabstinenz ist zur Tugend geworden. Noch nie hatten wir so leicht Zugang zu derart viel Wissen, mehr als jemals zuvor sind Informationen und Hintergründe in diesem Ausmass gratis verfügbar, für jeden prüfbar und grenzenlos vertretbar. Trotzdem sind die Debatten nicht fundierter und differenzierter, sondern plakativer, dogmatischer und fanatischer geworden. An Theken und Tischen im futuristischen Retrodesign bewirtschaften von Defätismus affizierte Talkrunden Terrorangst, Demokratieverlust, Flüchtlingsstrom und Armutsrisiko. Aus Kursen und Seminaren wissen wir, dass am Ende jeder Veranstaltung ein Aktionsplan und die erfolgreich bestandene Lernkontrolle das mindeste sind, was man mit nach Hause nehmen kann. Was nach Ablauf der Sendezeit von Fernsehdiskussionen bleibt, ist zumeist wenig mehr als die Erkenntnis des armen Tors: man ist so klug als wie zuvor.

Das alte Jahr ist aufgezehrt, man sollte es hinter sich lassen, das neue nicht mit Gejammer übers vergangene beginnen. Fürs Jahr 2017 könnten wir uns von Medien und Politik ja für einmal ein Wort des Jahres wünschen. Wie wäre es mit Debattenkultur, Handlungskompetenz oder Zukunftsvision? Interaktion oder Gemeinsinn? Ein Weg dahin führt für Kaspar Surber in der woz auf die Allmende, zum Gemeingut, zum Service public. Im Forumstheater InFormation über den Untergang der Zeitungen äusserte ein Zuschauer die Ohnmacht, die der Informationkonsum hinterlässt: nach der Lektüre fühlt man sich handlungsohnmächtig. Immer wieder wird das aktivere Interagieren von Medienschaffenden mit ihren Usern und Lesern gefordert. Die Medien dürften ruhig mehr Unruhe stiften, auch miteinander debattieren und gegenseitig kritisieren. Howgh – nicht nur im Sinne von „Ich habe gesprochen“, sondern „Ich bin fertig, Du bist dran!“

 

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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