Nebel im November

Der Nebel kriecht nun wieder Nacht für Nacht im Schutz der Dunkelheit ganz unbemerkt ins Tal. Bis zum Morgengrau bleibt er dort liegen, faul und nasskaltschnäuzig lässt er sich, wenn überhaupt, erst um die Mittagszeit von der Sonne aus dem Talgrund jagen. Der Vertriebene hinterlässt Schwaden, die Acker dampfen und zeugen vom eben erst verlassenen Bett. Der Nebel weiss wohl, wie prächtig das Tal sich ohne ihn im Herbstlicht präsentiert. Wie Staub und Spinnweben lag er eben noch zäh auf Bach und Büschen, begrenzte den Blick über die Felder und versperrte die Sicht zum Horizont. Kaum ist die feuchte Last gehoben, strecken sich goldene und blutrote Bäume vor dunkelgrünen Tannen, breiten sanfte Hügelketten sich an der Sonne aus und ragen schon weisse Gipfel in den stahlblauen Himmel.

Es ist November, die Natur ist abgeerntet, ausgepresst und ausgeweidet, die Ernte eingekocht, eingemacht und eingekellert, gesüsst, gedörrt oder gekeltert haltbar gemacht. Was von ihrer Kraft noch übrig ist, hockt jetzt in den Bäumen und treibt es kunterbunt. Als gälte es noch einmal alles herzugeben, was die Natur an Farbigkeit zu bieten hat, breitet sich jenseits des Nebels die Postkartenlandschaft beinah täglich vor uns aus. An Erntedankfest und Thanksgiving, Halloween, Diwali und Martini, überall bricht sich die Freude mit Geselligkeit und Lärm noch Bahn, bevor dann mit dem Winter Ruhe einkehrt. Im Tal tappt man dann morgens im Dunkeln aus dem Haus, tastet sich hilflos durchs Grau und erhascht im besten Fall zur Mittagszeit einen Milchhauch von Sonnenschein, bevor die Nacht bereits frühnachmittags wieder über einem hereinbricht. So mancher Baum steht schon halbnackt da, bald hat der Wind das quirrlige Laub zu seinen Füssen ganz weggeblasen und von ihm wird nur noch ein stummes Skelett übrig bleiben.

Nach dem Sommer an der frischen Luft wirkt das Einpferchen freilich disruptiv. Bei Wind und Regen drängen sich selbst eingefleischte Velofahrer und Fussgänger in enge Blechwagons. Dank Mantel, Rucksack und Kopfhörer von der Umwelt abgeschirmt, drängen sie aus der Dunkelheit kommend allmorgendlich ins grelle Licht und merken nicht, wo ihre eigene Welt diejenige des nächsten bedroht. Ein Fuss, das Knie, Ellbogen oder Oberarm, einmal ist keinmal. Reagiert das Gegenüber auch im Wiederholungsfall nicht mit diskretem Rückzug, versucht man es mit Räuspern, schickt den bösen Blick voraus und hofft, laute Worte liessen sich in öffentlicher Stille vermeiden. Doch dann grinst der Bengel einfach schnoddrig, tapt so ungerührt wie ungeniert weiter auf seinem Smartphone herum. Man fühlt den Druck, mit dem sich der Unterkiefer an den Oberkiefer presst, und weiss: es ist nicht jenes Zähneknirschen, mit dem man den Ärger runterschluckt. Mildernde Umstände sind keine auszumachen, von mit jugendlicher Unreife Entschuldbarem trennt den Bengel mindestens eine Generation.

Es ist November. Trübe Zeiten stehen uns bevor: überheizte Räume, eisige Winde, gehässiges Gedränge und über allem schwebt der Nebel. „Seltsam, im Nebel zu wandern“, beginnt Hesses Gedicht, geschrieben im November 1905. Während uns in der Natur das Grau die Sicht versperrt, behelfen wir uns im urbanen Gedränge mit visuellen und akustischen Wolken – Hauptsache keiner ist mehr sichtbar. Entrinnen kann man dem trüben Talgrund nur noch mittels Flucht nach oben, wo über den Wolken die Freiheit bekanntlich grenzenlos ist. Dort trifft man sich dann wieder: kaum aufgestiegen, lassen sie sich genauso schamlos nieder, rempeln in der Schlange und plaudern aus der Schule, wie sie im Zug Sitzplätze einnehmen, Gänge versperren und am Handy über Intimes parlieren. Glücklich sind diejenigen, die im November gegen den Strom in die Berge fliehen und die Schönheiten eines Nebeltages im Tal geniessen können, wenn die Massen auf die Gipfel tippeln. Herrlich ist die Einsamkeit, wenn man sie unterm blauen Himmel und an der warmen Sonne geniessen kann, herbei sehnt man sich die Ruhe, wenn man im Gedränge geht und steht. Ob wir wohl anständiger miteinander umgehen würden, wäre zwischen uns im Tram auch Nebel? Vielleicht dann, wenn wir die Ummantelung ablegen und dafür wieder mit allen Sinnen wahrnehmen, was um uns herum so vor sich geht. Im Nebel sieht man nichts, dafür schärft man alle anderen Sinne. Wir können das ja nun bis zum Frühjahr üben. 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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