Zucker im Hirn

Rolf Dobelli warnt vor Denkfehlern im Allgemeinen und plädiert für eine Newsdiät im Konkreten, weil der Kurznewskonsument gleich einer ganze Reihe von Irrtümern erliegt: News sind irrelevant, schränken unser Verständnis ein, hemmen das Denken und verzerren jedes Risikoempfinden. Dies führt zu weiteren Fehlschlüssen und ist schlicht Gift für Geist und Körper. Der Grund dafür ist unser Hirn: das Kurzfutter überfordert uns, wir sind dafür noch nicht gerüstet. Wie Kleinkinder beim ersten Gehversuch stolpern wir nämlich unbeholfen durch eine Gegenwart, in der wir angesichts der langen und prägenden Vorgeschichte als Jäger und Sammler noch lange nicht angekommen sind. Der Mensch kam mit Beutetier und Beeren klar, doch für die rasende Geschwindigkeit ist er ebenso wenig gerüstet wie für die wachsende Komplexität, mit der er heute kämpft. Noch immer reagieren wir schneller und heftiger auf alles, was sich bewegt und uns ins Auge sticht, als auf die stillen und bescheidenen Reize. Was fürs Jagen vermutlich sinnvoll war, verhindert nun, dass wir die unter heutigen Bedingungen besten Beeren als vermeintlich zäh und sauer links liegen lassen, weil sie uns blass erscheinen.

Es locken die süssen Signalfarbigen, so giftig sie auch sein mögen. Kurznews und Katzenvideos wirken wie Zucker im Hirn, mahnt Dobelli, der selbst newslos sehr zufrieden lebt. Dabei ist es nicht der Nachrichtenkonsum an sich, der schädlich ist, es ist die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen: statt Zucker im Rahmen unseres Stoffwechsels aus den Kohlenhydraten zu gewinnen, lutschen wir den Traubenzucker, der uns direkt ins Blut schiesst und sofort glücklich macht – wenigstens für kurze Zeit. So wie einem Schokolade guttun kann, meinen wir uns an die schnelle und komplizierte Welt angepasst zu haben, indem wir rascher und in Häppchen konsumieren. Wir packen jeden Sushiteller, der auf dem Laufband vorbeizieht und dabei unsere Aufmerksamkeit zu erregen vermag. Als Jäger und Sammler greifen wir nach allem, was sich bewegt und reizt, doch was wir dabei erst in die Finger und dann in den Magen bekommen, macht uns nicht mehr satt, sondern immer häufiger träg und krank.

In einer Welt der unbegrenzten technischen Möglichkeiten gewöhnt man sich an die steigenden Ansprüche an Produkte und Leistungen ebenso wie an IT-Systeme und Mitarbeitende. Aber statt für die Innovationen dankbar zu sein, erscheint uns schon nach ein paar Minuten überholt, was eben noch aufregend und neu war. Kaum haben wir die aktuellsten Megatrends erkannt, suchen wir schon the Next Big Thing. Selbst Digital Detox, Newsdiät und Social Media Abstinenz erregen – als Meldungen im Newsbrei – unsere Aufmerksamkeit. Längst haben wir uns so sehr an die Satzellipsen von SMS, Twitter und Headlines gewöhnt, dass wir nicht nur keine langen Artikel mehr durchstehen, sondern auch keine ausführlichen Gedanken mehr ertragen. Statt uns in sie zu bohren, um Fäden mühsam zu entwirren, springen wir lieber auf dem Trampolin der Oberflächlichkeit und amüsieren uns wie die Kinder; zum z’Vieri gibt es Glacé, ohne Wenn und Aber – wir wollen Süsses, kein Einerseits oder Andererseits.

Am Ende bleibt nicht nur der Körper hungrig, sondern auch der Geist kommt kaum mehr auf seine Kosten. Ständig bleibt ein Gefühl von Verpassen, weil wir so manches nicht zu fassen kriegen und immer weniger begreifen. Der Zucker macht uns wach, danach werden wir umso müder, denn nur was langsam verdaut und mühsam zerlegt werden muss, sättigt uns auch bis zur nächsten Mahlzeit. Der Körper lebt vom Gehaltvollen, so wie der Geist das Verstehen braucht, um sich an Gedanken zu nähren. Wer früher schon und heute noch gelegentlich Filme schaut weiss, wie viel schneller nun die Szenen wechseln. Der hastige Schnitt gaukelt einem Spannung vor, wir werden getrieben und getragen. Das neue Bild verdrängt das alte bevor man es wirklich sehen und verstehen konnte. Für das atemraubend schnelle Tempo im Alltag sorgt der Bus am Morgen, die Stehung am Vormittag, der Ausgang am Abend. Wir bewegen uns nicht durch die Zeit, sondern werden durch den Tag gepresst, bis er uns schliesslich in den Schlaf ausspuckt. Nach einer traumlosen Nacht saugt uns der Morgen aus dem Bett – und setzt uns neues Kurzfutter vor die Nase.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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