Schmieriges Rollenspiel

Spätestens wenn wir von einem bestimmten Verhalten die Nase voll haben, gebiert unsere Sprache ein neues Verb dafür. Gendern ist so ein Wort, klebrig und schmierig wie der Staub in der Küche, wenn er sich mit Dampf und Fettspritzern vermischt, oder auf dem Garagenboden ausgelaufenes Motorenöl, das sich über die Jahre pechschwarz in den Zement gefressen hat. Hör auf zu gendern! Das klingt andererseits aber auch glasklar und eindeutig, scharfkantig wie der Grat, auf dem man balanciert beim Versuch, nicht hinter allem und jedem eine Diskriminierung zu vermuten. Bis man schliesslich doch ausrutscht und fühlt, wie der eigene Fuss gerade wieder einmal im Küchenfettnäpchen oder Garagenöltöpfchen versinkt. Es ist sehr dünnes und nicht minder glattes Eis, auf dem sich Frauen bewegen, wenn sie mit Männern sprechen, und gilt auch umgekehrt. Kaum ein Thema, das nicht vermint ist, vom Kinderspielplatz bis zum Bürosandkasten laufen wir Gefahr, dem Gegenüber auch dann sämtliche Sünden des Geschlechts vorzuwerfen, wenn wir die einschlägigen Begriffe tunlichst meiden.

Mir begegnete das Wort gendern erstmals im Zusammenhang mit geschlechtergerechter Sprache und dem zwängelnden Versuch, dem männlichen Bias mit weiblicher Verkomplizierung Herr zu werden. Die Absicht war eigentlich eine lautere: Mit der Erwähnung beider Formen, dem grossen I oder langen Unterstrichen wollte man den Horizont erweitern und unser Bild vom Arzt mit der Vorstellung einer Ärztin ergänzen. Weil der Mensch ist, was er denkt, so glaubte man, muss man ihm vorschreiben, worauf er nicht von alleine kommt. Nun lesen wir von Lehrpersonen und stellen uns eine Lehrerin vor, wissen, dass es Schreinerinnen gibt, trotzdem ist das Bild dazu ebenso ungewohnt geblieben wie das Wort dafür. Stattdessen denken wir nun neue Dinge, die wir vorher gar nicht kannten: ein vernünftiges Debattieren ist zum Spiessrutenlauf geworden. Darf er ihr im engagierten Diskurs ins Wort fallen, ohne dass sie ihm das gleich als überhebliches Mansplaining auslegt? Kann sie ihm von unappetitlichem Alltagssexismus erzählen, ohne dass er sie deshalb eine eklige Emanze schimpft?

Simone de Beauvoir erkannte es: man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht. Wir begriffen bald: brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Mit den Waffen einer Frau verdrehten die Damen also ihren Männern in kurzem Rock und hohen Hacken den Kopf und lernten rasch, wie man die Teppichetagen erklimmt: play their game – spielt ihr Spiel, das Spiel der Männer. Nun sitzen sie auf ledernen Chefsesseln und wollen keine Quoten, sie haben längst bewiesen, wie man alles haben kann: Traummann, Kind und Karriere. Wenn die Mehrheit noch immer am heimischen Herd steht, liegt es daran, dass sie dort im siebten Himmel sind. Einsichtig liest man in der Sonntagspresse über Wissenschaft, die unter dem Diktat der Gender-Studies leidet, weil manche partout nicht begreifen, dass Geschlechtschromosomen und hormonelle Steuerung auch beim Menschen Mann- und Frausein bestimmen.

Im modernen Rollenspiel überlässt die Hausfrau Broterwerb samt Buchhaltung dem Ehemann, während sie dafür am Herd steht und den Nachwuchs nährt. Die erwerbstätige Karrierefrau hingegen mimt den Mann und entscheidet sich fürs Outsourcing der Informatik im Geschäft genauso professionell wie bei Haushalt und Kinderbetreung daheim. Wir Frauen haben alles erreicht und können wählen, ob wir Frau sein oder Mann spielen wollen. Wir werden als Frau geboren, wenn wir zum Mann gemacht werden, dann weil wir es so wollen. Es gilt für uns, was für Männer immer galt: wir können nichts dafür, schuld sind Hormone und Chromosomen. Deshalb wehe dem, der Frauen kritisiert, dann kullern Tränen und regieren Emotionen. Es liegt an den Genen, dass Frauen so gerne die Flucht ergreifen. Was naturgegeben ist, lässt sich nun einmal nicht ändern, da hilft auch Lamentieren nichts. Die geschlechtergerechte Sprache hat ebenso wenig unser Denken verändert wie die hartnäckige Sensibilisierung auf sexistische Zwischentöne oder schmerzhafte Beulen von Glasdecken. Es hat uns nicht dazu verholfen, einer Frau ohne mit der Wimper zu zucken zuzutrauen, dass sie nicht nur im metaphorischen Sinn tragfeste Brücken bauen kann. Dafür denken wir uns die Ärztin jetzt als Rabenmutter und den Arzt als Zahlvater. Hören wir auf zu gendern, fangen wir an, einander endlich ernst zu nehmen.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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