La Pucelle

König Karl IV. von Frankreich hinterliess trotz dreier Ehen keinen männlichen Thronfolger und blieb der letzte gekrönte Kapetinger. Diese Gelegenheit wusste Philipp von Valois 1328 für sich zu nutzen und übernahm als König Philipp VI. die Macht. Weil Frauen nicht nur keinen Thron besteigen durften, sondern auch kein Erbrecht übertragen konnten, war der englische König Eduard III. als Sohn einer Tochter Karls eigentlich von der Thronfolge ausgeschlossen. Doch als 1337 französische Truppen seine Ländereien im Westen Frankreichs besetzten und er sich mit Philipp obendrein um die Gascogne stritt, erklärte er diesem trotzig den Krieg und verlangte die französische Krone. Das Gezänk der beiden endete im Hundertjährigen Krieg, in dessen zweiter Hälfte die wohlhabenden Bauern Jacques Darc und Isabelle Romées in Domrémy Eltern einer Tochter wurden. Das Kind tauften sie auf den Namen Jeanne. Wenig später siegte der englische König Heinrich V. in der Schlacht von Azincourt über die Franzosen.

Zum Teenager herangereift brach Jeanne Darc an Weihnachten 1428 auf, um Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin auf seinen Thron zu führen. Mit enormem Aufwand wurde mehrfach überprüft, ob ihre Visionen echt und die Jungfräulichkeit intakt war, dann liess man der jungen Dame eine Rüstung anfertigen, stellte ihr eine kleine, ziemlich undisziplinierte Einheit zur Verfügung und schickte sie auf die erste Mission. Schon in wenigen Wochen waren die Engländer aus allen Burgen südlich der Loire vertrieben. Im Juli nahm Jeanne samt ihrer Siegesfahne in der Kathedrale von Reims an der Krönung Karls VII. teil. Doch der Erfolg währte nicht lange, manch einer begann wenig ritterlich mit der Unterwanderung von Jeannes Einfluss auf den König. Während sie tapfer versuchte, auch die übrigen Franzosen aus englischen Krallen zu befreien, fiel sie 1430 den Burgundern in die Hände, welche sie an die Eroberer verkauften. Die Engländer ihrerseits hatten alles Interesse daran, die erfolgreiche Kriegerin auszuschalten, und übergaben sie der notorisch effizienten Inquisition.

In einem dreimonatigen Prozess wurde Jeanne d’Arc zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, sollte sie dem Irrglauben und ihren falschen Überzeugungen nicht abschwören. Wohl aus Angst vor dem schrecklichen Feuertod tat sie es am Ende doch, worauf sie am 19. Mai 1431 als einsichtige Ketzerin zu lebenslanger Haft verurteilt und exkommuniziert wurde. Doch das reichte den Engländern nicht, zu gross war die Gefahr, dass die Heldin von den Dauphinisten befreit werden könnte, und zu gering war die Wirkung der Verhaftung, schliesslich konnte man nur durch ihren Tod auch den Feind Karl VII. als Komplizen einer schweren Sünderin in den Abgrund zerren. So wurde ihr erneut der Prozess gemacht. Als Beweis für ihre Ketzerei diente auch die Tatsache, dass sie im Gefängnis Männerkleider trug. In Wahrheit wollte man ihr keine anderen geben, sie wurde erbarmungslos gefoltert und von einem Edelmann missbraucht. Hosen waren ihre einzige Alternative zur schutzlosen Nacktheit. Am 30. Mai wurde Jeanne d’Arc in Rouen verbrannt. Ihre Asche streute man in die Seine, um jeglichem Märtyrerkult vorzubeugen. Dank der Hartnäckigkeit ihrer Mutter wurde Jeanne am 7. Juli 1456 rehabilitiert, 1909 sprach sie Pius X. selig und 1920 wurde sie von Benedikt XV. heiliggesprochen.

Die heilige Johanna ist seitdem Schutzpatronin von Frankreich, Rouen und Orléans, wacht über Telegrafie und Rundfunk und ist zuständig für Politiker. In einer Zeit der feministischen Aufbruchsstimmung, in der sich ein Land ums andere fürs Frauenstimmrecht aussprach, vertraute man moderne Technik und Politiker einer Frau an. Bis heute reitet sie auf ihrem Pferd, im Harnisch, stets mit Schwert und oft mit Fahne, in Paris und Orléans, in Reims und selbst in New Orleans steht die vergoldete Replik des Reiterstandbildes an der Place des Pyramides in Paris. La Pucelle war eine Heldin, mutig stellte sie sich dem Unbekannten und folgte ihren inneren Stimmen, tapfer und besonnen überwand sie Widerstände und brachte Opfer, um auf ihrem Weg zu bleiben. Ihre Kommunikation schlug dabei nie in Aggressivität um, vielmehr wird in den erhaltenen Protokollen der Gerichtsverhandlungen ihre kluge Rhetorik deutlich. Jeanne d’Arc beschwerte sich nicht, sondern tat alles, was in ihrer Macht stand, um die Dinge zum Guten zu verändern. »Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt?« Es bleibt zu hoffen, dass sich Politiker, erst recht wenn es um den Rundfunk geht, gelegentlich an die Klugheit der heiligen Johanna erinnern.

Bild: La statue de Jeanne d’Arc en armure, située place des Pyramides à Paris. AFP/JOEL SAGET
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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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