Krieg der Orangenhälften

Der griechische Tragödiendichter Agathon von Athen gewann anlässlich der Dionysosfeste 416 v. Chr. mit seiner Tragödie den ersten Preis an einem Wettstreit für Bühnenautoren. Den Sieg wollte er mit Freunden feiern. Seiner Einladung zum Gastmahl folgten nach heutigem Ermessen erlesene Gäste: Aristophanes, Sokrates und Phaidros. Platon berichtet im Symposion vom Herrengelage, das in Lobreden auf den Eros gipfelte. Dazu erzählte Aristophanes die Geschichte der Kugelmenschen, nach der es einst drei Geschlechter gab: ein männliches, das von der Sonne stammte, ein weibliches von der Erde und eines vom Mond, das beides war, männlich und weiblich. Dieses dritte Geschlecht war kugelrund, hatte vier Hände und zwei Gesichter. An Kraft und Stärke waren sie gewaltig und hatten auch grosse Gedanken. Sie wollten sich sogar einen Zugang zum Himmel bahnen, um die Götter anzugreifen. Diesen passte das natürlich nicht und Zeus beschloss, die Kugelmenschen zu schwächen, indem er sie in zwei Hälften teilte.

Dank Platons Symposion wissen wir seit rund 2400 Jahren, dass wir nur halbe Portionen sind auf der Suche nach der passenden anderen Hälfte. Zweifelsohne beschäftigte das Thema in jedem Jahrhundert die Menschen. Bücherberge von Meinungen, Theorien und Erkenntnissen über die Folgen der Teilung der Menschheit in Männlein und Weiblein sind uns erhalten. Selbst Max Frisch hat sich zur Angelegenheit geäussert: in seinem dritten Tagebuch ist er bestürzt, »wenn Frauen, die keinen Beruf ausüben, weil sie mit [ihm] leben, sich als Hausfrau behandelt fühlen, missbraucht als Magd«. Er steht ein für »die Emanzipation, die Revolution des Verhältnisses zwischen Frau und Mann«. Auch wenn er nicht nähen kann, er lässt natürlich das benutzte Geschirr nicht stehen und meint: »die einzige Revolution, die in unserer militarisierten Industriegesellschaft möglich ist«, sei die »Emanzipation der Geschlechter«. In der Tat erinnern die Bilder im Film Suffragette an jene einer Revolution. Statt einander zu suchen, entbrannte ein Kampf der Frauen gegen die Männer um Wahlrecht, Gleichstellung und die Erlaubnis, in der Öffentlichkeit zu rauchen.

Am 2. Mai 2016 sollte Ronja von Rönne mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet werden. Ihr war nicht nach feiern. Sie lehnte den Preis ab, weil sie sich heute von ihrem Beitrag Warum mich der Feminismus anekelt distanziert. »Mein Text war eine spontane Wutrede im Kontext einer Debatte und sollte kein lebenslanges Statement sein«, meinte Rönne an der Preisverleihung. Ihr Essay beginnt mit den Worten: »Ich bin keine Feministin, ich bin Egoistin. Ich weiss nicht, ob „man“ im Jahr 2015 in Deutschland den Feminismus braucht, ich brauche ihn nicht«. Rönne wolle sich für ihr eigenes Wohl einsetzen, schrieb sie damals, nicht für die Rechte anderer Frauen, sie habe das Frausein selbst nie als Nachteil empfunden und kenne keine erfolgreiche Frau, die Feministin sei. Der Feminismus habe sich selbst abgeschafft. Ist der Kampf also gewonnen? Tatsächlich spricht manches dafür, dass die Orangenhälften ihre andere Seite gefunden haben: es wird wieder mehr geheiratet, Partnervermittlungen boomen und Frauen wollen trotz geändertem Recht nach wie vor als Zeichen ihrer innigen Verbundenheit mit ihrem Ehemann auch seinen Namen tragen.

Was hat die mittlerweile 24-Jährige Ronja von Rönne im vergangenen Jahr erlebt, dass sie heute manches anders sieht als vor einem Jahr? Vielleicht lag es an Erdoğans Forderung, dass Frauen in der Öffentlich nicht lachen sollen, womöglich machte sie eines Tages doch die Erfahrung, dass das Frausein auch Nachteile haben kann, oder sie begann sich an Sätzen zu stören, die heute etwas subtiler klingen als zu Beginn des letzten Jahrhunderts, aber dennoch Ähnliches bedeuten: »Frauen fehlt es an Charakterfestigkeit« klingt heute so: »Für eine Frau machen Sie das ganz passabel«. Im Zank um Quoten, Löhne und Betreuungsplätze ereignen sich immer neue Spaltungen, die Orangen sind mittlerweile in einzelne Schnitze zerlegt. Anti-Feministinnen wüten gegen Feministen, Maskulinisten gegen Emanzen, die einen haben das Thema satt und andere verteidigen ungeniert ihr antiquiertes Frauenbild. Aus der spanischen Geschichte von der Suche nach der anderen Orangenhälfte ist eine Orangenschlacht nach Art der Norditaliener geworden. Der Unterschied, den es für die einen nicht gibt, und der für andere offensichtlich und unverzichtbar ist, treibt weiter seine Blüten. Die Götter im Olymp amüsieren sich derweil köstlich über ihren Coup.

 

 

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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