Kurzfutter zum Smalltalk

Wer mit jemandem ins Gespräch kommen will, bricht das Eis mit offensichtlichen Feststellungen übers Wetter oder einer anerkennenden Bemerkung zur beachtlichen Zahl der Anwesenden. In aller Regel stellt man offene Fragen und sucht nach Gemeinsamkeiten, um die seichten Gewässer des Smalltalks an geeigneter Stelle hinter sich zu lassen. Politik gilt es zu meiden, besser ist Privates, natürlich ohne davon auch tatsächlich etwas Preis zu geben. Das spontane Geplänkel ist ein Mittel zum Zweck. Gelegentlich dient es dazu, peinliches Schweigen zu vermeiden, meist aber will man mit dem Gegenüber ins Gespräch kommen, und zwar eines, das den Namen verdient. Manchmal steht ein Apéro auch nicht am Ende, sondern am Anfang eines Abends, der interessante Bekanntschaften und neue Einsichten verspricht. Die Themenfindung ist der tiefere Sinn des oberflächlichen Geplauders. Hat man sich gefunden, geht es erst richtig los.

Bei solchen Gelegenheiten lohnt es rechtzeitig herauszufinden, mit wem man sich bei Tisch dann auch bis zum Dessert unterhalten könnte. Wenn man vom Salat bis zum Kaffee der detaillierten Begeisterung eingefleischter Fans von Freizeitbeschäftigungen beiwohnen muss, die man aus gutem Grund selbst nicht ausübt, schlägt einem sonst sogar leichte Kost auf den Magen. Das Wetter ist ja irgendwann abgehandelt und man muss anfangen, vorsichtig das Terrain nach möglicherweise Explosivem abzutasten, bevor man sich weiter voran wagt. Aktuelle Themen aus der Tagespresse geleiten einen einigermassen gefahrlos vom Blabla zum Aha. Ganz unverbindlich kann man zu Grosswetterlagen jenseits der Meteorologie übergehen und die Wahlen im Nachbarland, die wirtschaftliche Entwicklung in Schwellenländern oder eine Demonstration in der Grossstadt erwähnen. In kleinen Schritten wagt man sich voran und merkt rasch, ob man auf dem richtigen Weg ist oder besser ein neues Themenkärtchen zieht. Für den Überblick blättert man durch die Ressorts: Weitgereiste suchen im Auslandbund, mit lokal Verwurzelten plaudert man über Stadt und Land, ist das Gegenüber losgelöster, findet man sich vielleicht im Feuilleton und zumindest bei Grossereignissen ist der Sportteil oft ein guter Kompromiss.

Es ist ein bisschen wie Morgenstund hat Gold im Mund, nur am Abend und mit Lachsbrötchen. Man kaut, bietet Stichworte an und schaut, wie weit man kommt. Auf der Suche nach dem Happy-Dinner-Los lässt sich das Spiel so oft mit neuen Gesprächspartnern wiederholen, bis man schliesslich zuversichtlich an den gedeckten Tisch schlendern kann. Zum Smalltalk eignet sich bekanntlich Alltägliches. Weil alle informiert sind, bietet auch das aktuelle Geschehen ein buntes Feld mit allseits bekannten Themen, so dass man nicht nur über Nachbars Lumpi, die eigenen Katzen oder vom Kochen reden muss. Gratisanlässe mit Verpflegung ziehen manchmal auch ungeladene Gäste an, die sich den Bauch mit belegten Brötchen füllen und Weisswein trinken, der Kopfweh macht. Wohl deshalb zahlt man für die Einladung zur exklusiven Veranstaltung samt Apéro riche und fastet dann tapfer mit dem Wasserglas in der Hand. Ob das Geld nun fehlt für Lesestoff oder die Askese auch fürs Fleisch am Informationsknochen gilt: zwischen Smalltalk und dem anregenden Gespräch mit Tiefgang jedenfalls wird das Terrain immer karger.

Es mangelt keineswegs an Stichworten, es ist nur so, dass es dann dabei bleibt. Natürlich hat man vom Eklat im Nationalratssaal gehört, doch worum es in der Debatte ging? Man weiss es nicht mehr. Beim Böhmermann hagelt es Anzeigen, der hat Erdoğan erzürnt, war das die Sache mit dem Zug? Aber man ist in der Lage, männlichen Poledancern gut informiert zu raten, wenigstens beim Üben gepolsterte Slips zu tragen. Aha, allerdings nicht jenes, das man sich erhofft hat. Eigentlich würde man lieber über das Wahlsystem reden, dank dem Rumpelstilzchen so mächtig wurde, oder erörtern, warum Prozenthürden für den Einzug ins Parlament auch in anderen Ländern unschöne Nebenwirkungen hatten. Schliesslich könnte man auch diskutieren, wie es hierzulande mit der Majorzgeschichte aussieht. Natürlich ist es im ständigen Informationsfluss unmöglich, abends noch zu wissen, was man morgens so gesnackt hat. Was hingegen hängen bleibt, ist das Bild von unruheständigen Herren mit dem nervös blinkenden Wort Opfer im Hintergrund. Weil einem zu Häppchen nur noch Kurzfutter geblieben ist, reiht man Stichwort an Stichwort und holt sich das nächste Glas Wein. Das Kopfweh hat heute andere Gründe.

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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