Auch Geiz hat einen Preis

Naturkunde mit Ueli Maurer: Journalisten und Lehrer haben «Schpatzehirni», titelt Watson einen Bericht über den bundesrätlichen Auftritt in der Radiosendung Persönlich. Über die Form kann man immer diskutieren, aber hier zählt der Inhalt. In den Anfangsjahren von Persönlich drohten Lehrer noch, aus uns würde sicher nie ein Bundesrat, wenn wir nicht regelmässig Zeitung läsen, und ein Spatzenhirn hatte, wer die Artikel kompetenter Journalisten nicht verstand. Heute erzählt ein gut gelaunter Bundesrat im Radio, dass er kaum Zeitungen liest und die Tagesschau in seinem Leben kein Dutzend Mal gesehen habe. Beides ist heute auch beim Stimmvolk eher die Regel als ein Aufreger. Maurer liest lieber Geschichtsbücher oder Visionäres und meint, das Alltägliche sei zu kurzfristig für die nachhaltigen Entscheidungen eines Politikers. Das klingt weise, ist es aber nicht, denn Erkenntnisse über vergangene Fehlentwicklungen sind ebenso wenig hilfreich wie das Wissen um mögliche Entwicklungen, die man ohnehin immer weniger voraussehen kann. Medienunternehmen wissen davon ein Abendlied in Moll zu singen, obwohl sie ihr Geld sogar in zwei Märkten verdienen können: Lesern verkaufen sie Informationen und Werbenden Platz, um potentielle Kunden mit ihren Angeboten zu erreichen. Mit den Einnahmen von beiden finanzieren sie die journalistische Arbeit – das war einmal eine komfortable Situation.

Natürlich gab es immer schon Zeitungen, aus denen man sich in erster Linie informieren wollte, und Gratisanzeiger, die mehrheitlich der Inserate wegen durchgeblättert wurden. Mit dem Aufkommen der Gratiszeitungen wurde der Werbeanzeiger dann aber beinah über Nacht als Morgenblatt zum Informationsmedium, und als ob das nicht schon disruptiv genug gewesen wäre, brach auch noch die Digitalisierung über die Branche herein. In der Folge übernahmen Anzeigenportale das einst lukrative Vermittlungsgeschäft der Zeitungen und weil für Werbung vor allem Reichweite zählt, wurden die Inhalte grosszügig gratis im weltweiten Netz verteilt. Rosinenpicken und Schnäppchenjagen haben den Lesermarkt angefressen, die Sozialen Medien den Rest verschluckt. Der Wert des Rezipienten liegt heute nicht mehr in seiner Eigenschaft als zahlender Informationskonsument, sondern indem er Daten liefert und als aufmerksame Reichweite Teil des Produktes geworden ist, das Medienhäuser ihren Werbekunden verkaufen. Diese wiederum sind, sinkenden Margen, Shareholdervalue und Topsalären geschuldet, ihrerseits unter ständigem Kostendruck und streichen alles, was nicht zum Kerngeschäft gehört – wenn es sich lohnt, sogar das.

Weil genau diese Strategie längst auch in der mittlerweile ebenfalls gut beratenen Medienbranche auf Präsentationsfolien steht, hat Print unternehmerisch keine Zukunft: es ist teuer und keiner will die hohe Qualität bezahlen. Im Zuge der allgemeinen Branchenkonvergenz ist der Lesermarkt mit dem Werbemarkt zum neuen Datenmarkt verschmolzen. Da der analoge Leser kaum Spuren hinterlässt, ist er zum überflüssigen Kostenfaktor geworden. Eines allerdings hat sich nicht geändert: Information ist Macht, und die ist immer noch begehrenswert. Interessengruppen aus Wirtschaft, Politik und Verbänden lesen nirgends lieber über sich als in wohlwollend-informativen Berichten, nichts mögen sie häufiger sehen als die Bewirtschaftung der passenden Empörung. Aufregend erzählt und unterhaltsam dargestellt findet das Angebot per Mausklick seine Nachfrage. Immer mehr Menschen verstehen Politik nur noch als das, was Satire-Shows davon zeigen, schreibt die FAZ, und fragt: was passiert, wenn diese Vermittlung nicht mehr hintergründig ist?

Statt über politische Lösungen für Konfliktgebiete, internationale Solidarität in der Flüchtlingsfrage und die unerhörte Verachtung von Meinungsfreiheit zu debattieren, wird darüber viral gewitzelt, gewerweisst und gewütet, ob ein Text, dessen Inhalt wohl hässlich, aber in der Sache belanglos war, eher orangerote Beleidigung oder rotorange Satire gewesen sei. Doch hier geht es für einmal um die Form, nicht um den Inhalt. Wer auf einen Aprilscherz hereingefallen ist, mag wütend sein, aber man reicht keine Klage ein, weil man belogen wurde. Doch Rumpelstilzchen fordert Satisfaktion und die Schaulustigen sammeln sich im Morgennebel am Flussufer, um das Spektakel nicht zu verpassen. Irgendwann wird man den Lügenpresseschreiern recht geben müssen: Mainstream-Medien vermitteln den Lesern zunehmend seltener sauber eingeordnete Informationen, dafür liefern sie immer mehr Informationen über ihre Leser an datengierige Unternehmen. Das Internet versprach einst allen die Partizipation an den Geschicken der Gesellschaft. Nun sind wir dabei, unseren Einfluss als informierte Bürger aufzugeben. Selbstverständlich ist Qualität teuer, doch wenn wir sie nicht zahlen, werden wir gekauft. Auch Geiz hat einen Preis.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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