Katzen dürfen sich im Kreis drehen

Nichts ist runder als ein Kreis, und man weiss: Katzen rennen ganz gern ihrem Schwanz hinterher, um sich nach etlichen Pirouetten schliesslich darin festzubeissen. Es ist ein Spiel, dem die Fellknäuel selbstvergessen frönen, ein Zeitvertreib aus Langeweile, wie es scheint. So ähnlich muss man denn wohl auch jene Diskussionen verstehen, die sich in Kommentarforen als Endlosschlaufe entpuppen. Wo wir doch zunehmend von Algorithmen gesteuert werden, liegt die Idee auf der Hand: warum programmiert man ihnen keinen Schwanz, mit dem sie ihre Filterbubblethesen alleine austrollen könnten? Wenn wir fähig sind, Programme zu schreiben, die dank künstlicher Intelligenz die Besten in den komplexesten Spielen besiegen, dann müsste es doch möglich sein, auch die Dummheit zu bezwingen. Zumal in den meisten Fällen ein Bot reichen würde, denn an einer echten Interaktion mit denkenden Menschen sind die Kreiskommentierer ohnehin nicht interessiert. Ironischerweise endet es meist mit dem Vorwurf, man würde sich der Realität verschliessen. Zack, die Katze beisst sich in den Schwanz.

Man kann alles automatisieren, was regelmässig abläuft und sich wiederholt. Trolle folgen einem Muster, man kann sich noch so Mühe geben, die Diskussion nach allen Regeln der Kommunikationskunst zu führen, die Wütenden reagieren stets aufs selbe Stichwort mit den gleichen Phrasen. Auf Fragen antworten sie mit Gegenfragen, will man ergründen, wie sie das angesprochene Problem denn lösen würden, kontern sie mit jedenfalls nicht so. Versucht man es mit wie denn dann, ist die Endlosschlaufe unumkehrbar eingeleitet. Nur wer wirklich nichts besseres zu tun hat, spielt jetzt weiter. Es wär doch schön, wenn man sie dann an einen Bot übergeben könnte, der das Gegenüber nun noch für Stunden weiter unterhält. Konstruktiv wäre es sogar, wenn es für Unermüdliche ein Botnet mit Trainings-Algorithmus gäbe, das sie mit übermenschlicher Robotergeduld vielleicht tatsächlich irgendwann aus ihrer Blase zu treiben vermöge.

Programmieren kann der Mensch allerdings nur, was er zuvor auch verstanden hat. René Scheu plädiert für ein liberales Feuilleton, für den lustvollen Diskurs zum Training der aufgeklärten Vernunft. Das ist zweifellos ein guter Grund zum Streiten, denn beim Gespräch schärft man den Verstand und bewahrt sich die geistige Beweglichkeit. Scheu schreibt, wer streite, habe sich einen Restzweifel an der eigenen Position bewahrt. Man könnte auch sagen: wer streitet, bewahrt den Zweifel, indem er sich regelmässig mit Fremdbildern auseinandersetzt. Wir streiten, um zu verstehen, um vorhandene Differenzen zu erkennen, nicht immer auch, um sie zu überwinden. Eine Feinheit, die oft darüber entscheidet, ob ein Streit im ergebnislosen Gezänk endet oder in einen konstruktiven Dialog übergeht, der sich schliesslich einer Lösungs- oder Konsensfindung zuwendet. Dass jemand Streit sucht, aber keine Erkenntnisse gewinnen will, zeigt sich übrigens gerade an der Unterstellung, man wolle sich der Debatte verweigern, könne nicht zuhören oder sei stur. Denn wer der Position des anderen wirklich auf die Spur kommen will, macht keine Vorwürfe, sondern lädt sein Gegenüber zum Dialog ein, wobei man offene Fragen stellt und sich in seinen Antworten erklärt.

Wenn wir mit andern streiten, dann wollen wir zumeist etwas ändern und über eine Verbesserung verhandeln. In Zeiten der Ich-AG leistet sich der überzeugte Individualist jedoch auch das schamlose Streiten ohne Ziel als reines Spiel. Es ist eine Art Masturbation, wobei er Zuschauer braucht, das regt ihn an. Statt sich der Individuation zu widmen, verfällt manch einer nicht selten unbemerkt dem blinden Individualismus. Anstelle der Auseinandersetzung mit sich selbst, betreibt man ein feiges Schattenboxen mit anderen, ohne dass dies einen tatsächlichen Trainingseffekt bewirken würde. Wird Streiten zum egoistischen Zeitvertreib, ist jedes Bemühen schliesslich zwecklos. Subjektive Motivationen zu wiederlegen ist argumentativ nicht möglich, also kann man nicht darüber streiten, erklärte Kurt Imhof einmal jemandem, der Pirouetten drehte. Irvin Yalom ist überzeugt davon, dass uns ein gutes Leben vor allem dank offenen Gesprächen mit anderen gelingt, weil wir auf diese Weise uns selber kennen und andere besser verstehen lernen. Statt sich aus Einsamkeit oder Wut über die Welt in eine Filterblase zurückzuziehen, sollte man diese deshalb gerade dann fluchtartig verlassen, wenn man unzufrieden ist. Katzen nämlich spielen weder mit Mäusen noch mit ihrem Schwanz aus Langeweile, sie trainieren damit ihre Beweglichkeit.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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