Ein Ende als Anfang

Es ist Karsamstag, ein Tag zwischen Trauer und Freude, zwischen Tod und Auferstehung. Dieses Jahr fällt Ostern in die ersten Tage nach dem Frühlingsanfang, und als ob das alles nicht genug an Übergang wäre, wird an diesem Wochenende auch noch die Zeit umgestellt. So viel Neubeginn aufs Mal rechtfertigt ein langes Wochenende, das muss man alles erst einmal verarbeiten. Vielleicht entschädigt es für die durch den zaghaften Winter ausgebliebene Zäsur, tröstet jene, denen das neue Jahr noch keine der gehegten Wünsche erfüllen konnte. So sehr wir Veränderungen fürchten, wir sehnen uns ebenso nach Neuanfängen, neuen Chancen, neuen Hoffnungen. Der Frühling steht für neues Leben, neue Liebe und neues Glück. Eine Freude, die uns seit unserer Kindheit begleitet und in ihrer regelmässigen Wiederkehr trotz aller Verluste und Veränderungen auch viel Neues und Vertrautes schenkt. Das Vertraute gibt uns Halt, die Veränderung lässt uns wachsen. Ein Baum braucht starke Wurzeln, um Früchte tragen zu können.

Ostern ist ein Fest der Gegensätze, das Ei steht für den Anfang und das Ende, für den ewigen Zyklus des Lebens. Wir bemalen die ansonsten eher langweiligen und wenig beachteten Eier bunt oder färben sie mit Zwiebelschalen und Hölzern. Kräuter und Blumen verleihen ihnen oft erstaunliche Muster und manche schmücken die Kunstwerke mit Federn. Damit wir die Eier finden können, müssen sie uns erst einmal abhanden kommen: wir übergeben sie dem Osterhasen, damit er sie für uns versteckt. Was bei uns der Hase ist, sind in Frankreich die Glocken: sie ziehen am Gründonnerstag nach Rom und kehren erst am Ostersonntag mit viel Süssem im Gepäck zurück. Am Karfreitag schweigen die Kirchturmglocken, es bleibt still. Der Verlust zeigt uns, was fehlt, das Ende zwingt uns zum Neuanfang, macht ihn überhaupt erst möglich. Wenn die Tage länger werden, die Sonne wärmt und wir die Fenster wieder gerne öffnen, schreiten wir zum Frühlingsputz im Haus und räumen die Winterspuren aus Balkontöpfen und Gartenbeeten. Wir trennen uns von Altem, entsorgen Überflüssiges und schaffen Platz für Neues.

Mit dem Schulanfang stand früher auch ein frisches leeres Heft für einen Neubeginn. Man gab sich Mühe, es diesmal schön und sauber zu führen. Natürlich gelang es nicht immer, vielmehr selten, eigentlich nie, doch wir haben es jedes Jahr erneut versucht. Wir wissen, dass nichts ewig währt, alles einmal zu Ende geht. Oft sind wir froh darüber, und manchmal stimmt es uns traurig. Die ständige Veränderung erinnert zuweilen an Sisyphos, doch so oft wir sie fürchten, wenn uns wohl ist, so sehr wünschen wir sie uns, wenn wir uns nach anderem Sehnen. Veränderung ist beides, ein Übergang vom einen in den anderen Zustand, oft mit Schmerzen verbunden, aber sie ist auch Freude, weil sie Neues schenkt und Wünsche erfüllt. Vor allem ist sie ein ständiger Begleiter in unserem Leben. Das Zyklische ist ein Zustand. Je grösser die Distanz wird, aus der wir den Lauf der Zeit betrachten, um so deutlicher wird, wie statisch die Veränderung an sich ist: der ewige Herzschlag des Universums.

Man kann zum Schluss kommen, dass man die Eier am besten gar nicht erst versteckt, wo man sie doch nur wieder suchen und finden muss. Man kann darauf verzichten, sich die Arbeit zu machen, sie zu bemalen, wo man die Schale dann ja doch nur einschlägt und wegwirft. Man kann sich fragen, wozu man sich immer wieder aufrafft, um doch nur alles erneut zu verlieren. Doch auch wer nichts tut verliert, weil die Zeit und die Veränderungen auf der Welt uns ständig zwingen, selbst zur Erhaltung des Status Quo in Bewegung zu bleiben. Es liegt nicht in der Natur der Welt, in der wir leben, dass sie statisch ist. Das Leben ist Veränderung. Das einzige, was wir beeinflussen können, ist ob wir sie als Verlust oder Neuanfang begreifen. Die Zeit lehrt uns, dass im Verlust der Neuanfang steckt, der Neuanfang den Verlust enthält. Ein Anfang ist ohne Ende nicht möglich, und jedes Ende ist auch ein Anfang. Frohe Ostern!

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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