Dunkle und helle Figuren stehen sich auf einem Schachbrett gegenüber

Das polarisierte Volk

Der Wille des Volkes sei das Gesetz, erklärt Robespierre in Dantons Tod, worauf ein Büger ruft: Wir sind das Volk! Robespierre war ein Jakobiner, ein radikal Linker, das Volk war gegen die Aristokraten, gegen die Elite, gegen die Obrigkeit. An die Laterne mit den beschnupftuchten Herren, die sich nicht mit den Fingern schneuzen! Hier die Guten, dort die Bösen, wir haben recht, die anderen liegen falsch. Gelobt sei das Zweidimensionale, weil es uns im Unüberschaubaren Übersicht verschafft. Wir stellen den Globus als flache Weltkarte dar und sehen gar nicht mehr, wie schmal die Beringstrasse eigentlich ist. So wie sich dort aber Russland und Amerika beinah berühren, reichen einander auch die äussersten Rechten und Linken gelegentlich die Hand zum geschlossenen Kreis. Heute hört man die Parole an Pegida-Demonstrationen: Wir sind das Volk! Es ist gegen Fremde, gegen eine Politik, die sie ins Land lässt und gegen die linke Presse, die darüber berichtet. Entweder man paktiert mit Amerika oder versteht Russland eben besser, wer nicht Freund ist, ist Feind.

Diese Woche überbrachte uns die Sendung #SRFglobal Propagandagrüsse aus Moskau. Auf ein Tweet zur Sendung bekam ich die Antwort, ein Unterschied zwischen Propaganda von Putin und der Propaganda von #SRFglobal sei bei näherer Betrachtung kaum auszumachen. Natürlich wären gerade dann die Unterschiede deutlich geworden, aber um Fakten geht es offensichtlich nicht. Das beweist zur Zeit auch der schmutzige Wahlkampf in Amerika. Da will ein Teil des Volkes einen, der sich vergoldete Taschentücher leisten könnte, seine Nase zumindest im übertragenen Sinn aber trotzdem mit den Fingern schneuzt. In einem Beitrag von 10vor10 erklären Studenten, warum es keine Rolle spielt, dass Trump bei 60% seiner Aussagen schlicht falsch liegt: welche Fakten relevant sind, sei subjektiv und lügen würde auch die Presse. Den Medien wird letztlich vorgeworfen, dass sie berichten, was man nicht hören will. Das ist tatsächlich eine Gemeinsamkeit zur Propaganda: auch da wird dem Volk erzählt, was es nicht wissen will. Während sich das Volk dort unsere Presse wünscht, glaubt das Volk hier lieber russischen Sendern. Les extrêmes se croisent!

Den Willen des Volkes wollte man auch Ende Februar durchsetzen, das Volk war dann allerdings dagegen. Der Wahlkampf glich einem medialen Grosseinsatz, auf beiden Seiten wurde mit schwerem Geschütz aufgefahren, dabei schoss man auch übers Ziel hinaus. Opfer erwähnten beide Lager, wenn auch nicht dieselben, es kam auf die Perspektive an. Verteidigt wurde je nach Position die Sicherheit oder der Rechtstaat. Wenn aus der Polarität ein blindes Gegeneinander wird, vereinfacht sie nicht, sondern verkompliziert. Wo jeder das Volk ist, aber nicht alle dasselbe meinen, wird die Lage unübersichtlich. Mit nur einem Auge kann der Mensch nämlich nicht räumlich sehen, so sieht er nicht, was ist. Die Wirklichkeit erkennen wir nur anhand der Differenzen zwischen unterschiedlichen Perspektiven. So sind auch einzelne Fakten noch keine Wahrheit, das beweisen nicht nur die Trump-Studenten, sondern belegen auch die in Mode gekommenen Faktenchecks.

Die Wahrheit ist nicht, man muss sie finden, indem man die einfachen polaren Systeme miteinander vergleicht und sich so einer mehrdimensionalen Wirklichkeit nähert. Es gibt eben nicht nur links und rechts, sondern auch progressiv und konservativ, liberal und sozial, bürgerlich und populistisch. Deshalb ist die Debatte so wichtig in unserer Demokratie, weil erst sie sichtbar machen kann, was ist. Seit zwei Wochen experimentiert Jonas Projer in der Sendung Arena mit der Einbindung des Publikums, nun lädt er zum Mitreden ein. Wenn die Sozialen Medien einen Einfluss haben auf die Meinungsbildung, dann als Kanal, der einzelne Sichtweisen von einer Diskussion zur anderen tragen kann und so einen Beitrag dazu leistet, dass wir die Fakten in unterschiedlichem Licht betrachen und diskutieren können. Der Wille des Volkes ist eben erst dann Gesetz, wenn es dieses demokratisch beschliesst. Ein Gesetz, vor dem alle gleich sind: Frauen und Männer, Junge und Alte, Einheimische und Zugezogene von Stadt und Land, Berg und Tal, Nord und Süd. Auch das Volk ist eine komplizierte Mischung aus Polaritäten. Im Gegensatz zur Französischen Revolution ist aus der Helvetischen aber keine Republik, sondern ein Bundesstaat geworden. Das ging schon damals nicht ohne Mediation.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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