Fremd im Dorf

Am vergangenen Sonntag war der Tatort ein Dorf in den späten 1960er-Jahren. Lina wird Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Von 1942 bis 1981 konnten junge Menschen ohne Anhörung und Gerichtsbeschluss eingesperrt werden, nur weil sie den Moralvorstellungen jener nicht entsprachen, die über sie urteilten. Michael Schärers Film berührt und bewegt auch deshalb, weil er einen die Ohnmacht spüren lässt. Eine verliebte 17jährige, ein nicht minder verliebter Bursche, eine romantische Jugendliebe auf dem Land. Dass er aus gutem Haus kommt und sie in einfachen Verhältnissen aufwächst, taugte auch als Ausgangslage für einen Pilcherfilm. Doch für Mädchenträume und Heldentaten ist das Dorf zu klein. Die Pläne der beiden Turteltauben enden im Grunde schon beim ersten Fluchtversuch nach Zürich, der zweite setzt dem nonkonformen Treiben ein endgültiges Ende: Julian wird nach Amerika ausgeschafft und Lina im Frauengefängnis eingesperrt.

Wer auf dem Land aufgewachsen ist, kennt ähnliche Geschichten. Nicht alle endeten so traurig, doch der Zwang, sich der Leitkultur anzupassen, gehörte für viele zum Alltag. Als stossend galt grundsätzlich alles, was nicht ins Dorfbild passte, und betraf sowohl äussere als auch innere Werte. Abweichungen von der ortsüblichen Kleiderordnung wurden mit strengen Blicken bestraft, was nicht in die Norm passte, wurde sanktioniert. Wenn Blossstellung nicht reichte, wurde die Schraube eben angezogen, man machte weder vor psychischer noch physischer Gewalt halt. Ein Dialekt aus dem Nachbarkanton galt als Sprachfehler und musste therapiert werden. Jede Abweichung von der Durchschnittsbegabung wurde geahndet, fürs angepasste Verhalten galten beklemmend enge Grenzen. Die wenigen Ausländerkinder waren entweder Italiener, Jugoslawen oder Zuzüger aus anderen Kantonen. Jeder machte sich schamlos und ständig über sie lustig und sie waren nicht nur im übertragenen Sinn für alles die Prügelknaben. Für Religionsfrieden sorgte die Kirche im Dorf: sie war entweder katholisch oder reformiert. Wer in die falsche Gemeinde zog, war selber schuld, wenn im Zeugnis die Pluspunkte für den Besuch von Unterricht oder Sonntagsschule fehlten.

Die Regeln machten die einheimischen Erwachsenen, bei Zuwiderhandlungen liess man die Kinder in Sachen Peergroup-Disziplinierung gewähren. Das System funktionierte ordentlich: die Judikative bestand aus halbstarken Schlägertrupps und erzieherischen Strafmassnahmen. Die Exekutive traf sich abends im Rössli am Vereinsstammtisch. Dort informierten sie die Legislative über die örtliche Meinung, die es an der nächsten Gemeindeversammlung zu vertreten galt. Wer hier mit fremdem Demokratieverständnis kritische Fragen stellte, musste auch als Erwachsener mit Folgen rechnen: eingeschlagene Scheiben oder verschmierte Wände waren noch die harmloseren Varianten. Wer von einem missgünstigen Neider bezichtigt wurde, eine von der Mehrheitsmeinung abweichende Haltung zu vertreten, musste vor dem selbsternannten Tribunal der Chefs antreten – nicht um angehört zu werden, sondern um sich anzuhören, wie man zu denken hatte, wenn man nicht den Job aufs Spiel setzen wollte. Man konnte sich anpassen, wegziehen oder es aushalten. Wer sich auflehnte, stand erstaunlich rasch nur noch vor verriegelten Türen.

Viele Dörfer sind Teil der Agglomeration geworden. Stalltiere, Güllegruben und Miststöcke sind per Zonenordnung aus ihrer Mitte verschwunden, auf den Strassen liegen keine Kuhfladen mehr sondern Energydrink-Dosen und Zigarettenstummel. In den Klassen ist heute die Hälfte zugezogen, die andere setzt sich aus vielerlei Nationalitäten zusammen. Zur Erwerbstätigkeit pendelnde Eltern sind längst der Normalfall und niemand geht mehr in der Haushaltsschürze einkaufen. Die Jugend versammelt sich noch immer beim Dorfladen, aber heute sind auch Mädchen darunter. Sie mögen hohe Absätze und verlieben sich in Burschen mit tiefsitzenden Trainerhosen. Anders als früher sind ihre Eltern zumeist nicht im selben Dorf aufgewachsen. Die Töffli sind aus der Mode gekommen, moderne Statussymbole passen in die Hosentasche. Die Regeln machen noch immer die einheimischen Erwachsenen. Was anders ist, bleibt fremd, und bis heute kommt es vor, dass jemand hinterhältig verleumdet wird und antraben muss vor der versammelten Exekutive, die sich dann auch gleich für die Judikative hält. Zu den Vorteilen der Agglomerationsausdehnung gehören längere Ladenöffnungszeiten und der Anschluss ans S-Bahn-Netz mit Halbstundentakt und Verbindungen bis nach Mitternacht – die Flucht ist einfacher geworden. Abstimmen allerdings darf man seit jeher wie man es für richtig hält. Es liegt in unserer Hand, wie nah am Denken der späten 1960er-Jahre wir fast ein halbes Jahrhundert später die Normen in der Bundesverfassung formulieren wollen.

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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