Verstehen, was ist.

Am 5. August vergangen Jahres sagte die NDR-Journalistin Anja Reschke in den Tagesthemen, was ist: Hasskommentare werden insbesondere im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Flüchtlinge immer häufiger auch unter Klarnamen abgesondert. Es sei höchste Zeit, in dieser Sache Haltung zu zeigen. Sie hat es getan, und wurde beschimpft. Nun hat das medium magazin Anja Reschke als Journalistin des Jahres 2015 ausgezeichnet. Bereits eine Woche davor ehrte man die ZDF-Journalistin Dunja Hayali mit der Goldenen Kamera. Auch sie ging in ihrer Dankesrede auf Schimpftiraden ein, mit denen sie eingedeckt wurde. Beide Preisträgerinnen erinnerten daran, dass man Meinungen äussern soll, auch schwierige Themen diskutiert werden müssen, aber auch, dass die Grenzen einer sachlichen Debatte zu respektieren sind. Nach der Logik jener, die der Presse nicht mehr glauben, sei sie wohl als Lügnerin des Jahres ausgezeichnet worden, bemerkte Anja Reschke bitter. Beiden Frauen wurden auch Vergewaltigungen gewünscht.

Seit den Ereignissen in Köln vermischt sich Feminismus mit Fremdenhass, werden kulturelle, soziale und religiöse Milieus in einem Topf zum trüben Brei verrührt. Ein einziges Stichwort reicht und Rassisten beschimpfen ihre Gegner als Sexisten oder umgekehrt. Dabei haben wir einst gelernt, zwischen Teil-, Schnitt- und Vereinigungsmengen zu unterscheiden, das hilft beim Differenzieren den Überblick nicht zu verlieren. Man darf dabei situativ die Perspektive wechseln, Aspekte neu einordnen oder anders beleuchten – solange man dies deutlich macht und erklärt, was das Ist gerade ist. Die Menge aller Flüchtlinge enthält zu viele Elemente, als das wir sie einzeln aufzählen könnten. Dasselbe gilt für Frauen, Männer und für Menschen mit Migrationshintergrund. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als die Zuordnung mittels Beschaffenheiten vorzunehmen: M = { x | x ist … }. Werden aber die Eigenschaften einiger weniger auf alle Individuen einer vereinigten Menge übertragen, dann nennt man das pauschalisieren. Wer obendrein verschweigt, dass ein Teil der unerwünschten Qualitäten auch auf Gruppen zutrifft, zu denen man selbst zählt, der unterschlägt die Wahrheit. Das kommt einer Lüge dann doch sehr nahe.

Während wir Grenzzäune errichten und Armlängen Abstand fordern, werden Mengenkreise ignoriert. Aus einem kleinen Teil wird schnell das Ganze, Restmengen lässt man der Einfachheit halber weg und leere Mengen bleiben selbstverständlich unerwähnt. Was das eigene Verständnis nicht untermauert, wird verwischt und verschwiegen, weil nicht ist, was nicht sein soll. Bei all der Unschärfe wird einem vom Fokussieren auch dann übel, wenn man keine Lesebrille braucht. Den Journalisten geht es nicht anders, Anja Reschke „schwirrt der Kopf“ davon. An der Preisverleihung sprach sie über die Schwierigkeit zu schreiben, was ist: „Ich kann Köln bis heute nicht einordnen. Aber genau das wurde von uns erwartet, und zwar am besten sofort“. Wahrheit brauche Zeit, stellte Dunja Hayali in ihrer Rede fest. Zeit, die auf den Redaktionen immer häufiger fehlt, weil immer mehr zu erzählen ist, Geschichten länger leben, sich in der Folge ständig vermehren und obendrein auf allen Kanälen gepflegt und kommentiert werden müssen. Nutzen soll es dem Leser, der seinerseits keine Zeit mehr hat und trotzdem nichts verpassen will. Wir haben längst gelernt, alles Überflüssige wegzulassen, um Zeit zu sparen, nun liegt der grösste Teil davon auf einem Konto der Zeitsparkasse grauer Herren, an die wir sie verloren haben.

In der Hoffnung, neue Zeit zu gewinnen, verlangen wir bessere Informationen und wollen sie schneller und kompakter. Wir sind die perfekten Puppen: Bibigirls und Bubiboys. Wie diese wollen wir immer mehr Sachen, und man gibt sie uns. Aus allen Kanälen werden wir damit versorgt, ganz so wie der graue Mann von der Zeit-Bank Momo aus seinem Kofferraum mit Unmengen von Ramsch bewirft, bis sie beinah untergeht in einem Haufen billiger Plastikpuppen, die man beim besten Willen nicht liebhaben kann. Doch das kluge Mädchen lässt sich die Zeit nicht stehlen, vielmehr nimmt sie sich die Zeit und hört anderen aufmerksam zu. So erfährt sie die Wahrheit. Journalisten versuchten herauszufinden, was ist, diese Gesellschaft weiter kritisch zu begleiten, aber nicht so zu tun, als wüssten sie alles besser, meinte Anja Reschke zum Schluss ihrer Dankesrede. Umgekehrt sollten wir Lesenden versuchen zu verstehen, was da steht, bevor wir meinen, es besser zu wissen. Man sollte Fragen stellen und sich die Antworten anhören. Sonst nämlich entreissen uns die grauen Herren der Zeitsparkasse, die längst im Onlinegeschäft ist, auch noch das bisschen Restzeit, die man mittlerweile Aufmerksamkeit nennt.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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