Alternativprogramm

Man fragt sich, wo er bleibt, ob er im Stau steckt am Gotthard? Wurde er gar schon an der Grenze angehalten? Hat er den Termin nicht eingetragen, die Verabredung vergessen? Der Blick zum Fenster hinaus verliert sich rasch im Grau, es giesst in Strömen und mit ordentlichem Lärm. Doch nirgends eine Spur von ihm. Stattdessen stochern ein paar Vögel ohne grosse Lust im Gras nach Würmern. Das trübe Nass macht keinem wirklich Freude, vielmehr fröstelt einen ob der Leere, so als sei man schlicht vergessen worden. Was nur soll man tun? Die Webcam beim Hospiz ist ausser Betrieb, so kann man vom grünen Unterland her nicht nachschauen, ob er dort oben hockt, der Winter. Hier ist er auf jeden Fall nicht in Sicht, und manch einer ist ganz froh darum. Doch was stellt man an mit diesen Tagen, die weder herbstlich noch frühlingshaft sind, sondern einfach nur nicht winterlich? Zum Herumtollen fehlt der Schnee, für den bezaubernden Spaziergang die Sonne und fürs Kuscheln am Kamin die Kälte.

Was also soll man anfangen mit diesen grauen Wintersonntagen, die ihren Namen ganz und gar nicht verdienen? Vor lauter Lustlosigkeit und Trübsinn sucht einen am Ende gar noch eine Erkältung heim, auf ihre Gesellschaft will man dann doch gern verzichten. Lesen wäre eine Möglichkeit, doch ohne heissen Tee und das Knistern des Feuers fehlt dem Vergnügen irgendwie das Freizeitliche. Es ist ja nicht nur nicht kalt genug, es ist auch nicht ausreichend warm für Liegestuhl und Sonnenbad. Das letzte Laub hat der Sturm entsorgt und fürs Jäten ist es noch zu früh. Die Mattscheibe erinnert zu sehr an den werktäglichen Bildschirm und Brettspiele sind aus der Mode gekommen. Vom Weihnachtsgebäck hat man noch immer eine Büchse voll, noch schöner Wohnen geht trotz aller Landliebe nicht mehr und wer mag bei diesem Wetter schon Gestricktes anziehen?

Man könnte Musik hören. Sie braucht kein Knistern, sondern füllt selbst den leersten Raum mit ihrem Klang. Musik kann uns zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter in andere Welten und bessere Zeiten entführen. Man kann dabei die Augen schliessen oder in den Wolken alles Mögliche erkennen. Sie vermag den Regen zu übertönen oder nimmt sein Trommeln in sich auf, so wie sie unsere Träume begleitet und inspiriert. Auch an trüben Tagen lässt sie die Morgensonne strahlen. Man könnte sich mit Dvořák gedanklich nach Amerika begeben. Wer weiss, vielleicht entdeckt man Indianer, hört die Kavallerie oder sieht Cowboys beim Squaredance. Wie wär es mit Beethoven und pastoraler Idylle auf einer geselligen Landpartie? Vielleicht steht einem der Sinn aber doch eher nach südlicheren Gefielden und man könnte etwas Bewegung brauchen: eine Habanera aus Havanna? Natürlich könnte man sich auch im Osten etwas umschauen, Ungarn vielleicht? Ohne weiteres könnte man sich an so einem Tag auf eine ausgedehnte Italienreise  begeben. Etwas später dürfte man sich samt Single Malt ruhig auch Schottisches zu Gemüte führen.

Womöglich möchte man aber nichts lieber als auf dem Sofa liegen bleiben und sich eine Geschichte anhören. Von der Trauerklage um seine Frau Minnehaha des legendären Indianerhäuptlings Hiawatha erzählt Dvořák. Möglicherweise passt zum Sonntag aber auch etwas Religionsgeschichtliches: Mendelssohns 5. Symphonie, die er zum 300. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses geschrieben hat. Falls dieses nicht das richtige ist, böte sich als Alternative Mahlers 2., die man auch die Auferstehungssymphonie nennt. Gleichzeitig international und mit verbindender Botschaft erklingt hingegen Beethovens 9., gespielt von Barenboims West Eastern Divan Orchester. Natürlich gibt es auch Heiteres, samt bekanntem Walzer, der allerdings ist weder vom Salonmusiker noch venezianisch. Es geht auch sarkastisch: Zum Ende des 2. Weltkrieges war Stalin nach einer Siegessymphonie. Er erwartete das Werk vom grossen russischen Komponisten Schostakowitsch. Dieser lieferte, allerdings nicht ohne Murren. Wie versteckt man Kritik in Musik, die jeder hören kann? Schostakowitsch fiel dazu einiges ein, unter anderem erklingt ein Zirkusmarsch, wo man das heroische Finale erwarten würde. Der Spass hatte trotzdem Folgen, die Rache erklang dann erst nach Stalins Tod. All das lässt einen die Jahreszeiten vergessen, bis der Frühling endlich wieder etwas fürs Auge bietet.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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