Informationsmetabolismus

Jüngst kritisierte ein Ökonom die Lancierung einer neuen Publikation durch ein Medienhaus. Nicht aus Angst vor Verlusten, sondern weil er keine Zeit habe, das auch noch zu lesen. Das sind zwei gute Nachrichten: erstens rentiert das Produkt und zweitens muss man aus der Bemerkung schliessen, dass er selbst auch Lust hätte, sich daran zu erfreuen. Umso weniger verständlich dann die Kritik, man hätte besser auf die Herausgabe verzichtet. Man muss es wohl der leidigen Tendenz zuordnen, andern verbieten zu wollen, was man sich selbst nicht leisten will. Natürlich kann man heute nicht mehr alles lesen, was gedruckt, getippt, gezwitschert und gepostet wird. Die Zeiten sind vorbei, als das Informationssoll mit der morgendlichen Zeitungslektüre, dem Rendez-vous am Mittag und der Tagesschau nach Feierabend erfüllt war. Vielmehr füttert man uns heute auf allen Kanälen bis zur Taubheit sämtlicher Sinne mit Neuigkeiten, Hintergrundberichten und Kommentaren. Es wird bulimisch, wenn man sich das alles einverleiben will. Nichtsdestotrotz geben wir nach unseren intimsten Daten nun auch unsere kostbare Aufmerksamkeit für erstaunlich wenig Substantielles her.

Wer sich verzettelt, verliert sich. Es wird uns übel, wenn wir zu viel durcheinander konsumieren. Am Ende muss der Metabolismus ja dann doch die Spreu wieder vom Weizen trennen. Es ist durchaus so, wie Stefan Betschon in seiner herrlichen Kolumne schreibt: stiessen einem früher die Abendnachrichten auf, liess sich das Unwohlsein am Stammtisch neutralisieren. Doch für Geselligkeit in der Beiz oder Bewegung in der Riege haben wir heute keine Zeit mehr. Stattdessen sondern Wütende in der Tat Gift und Galle in Form halbfabrizierter Gedankenprodukte ab, die dann in Kommentarforen mit eigentümlichen Geräuschen und unter üblen Gerüchen vergären. Mit offenen Fragen, unwidersprochenen Behauptungen und ausgebliebenem Zuspruch fällt manch einer allabendlich ins Bett und weiss, schon in ein paar Stunden wieder mahnen Badges an neue Eilmeldungen, Cardsets, Nachrichten und Newsfeeds. Kein Wunder fühlt man sich irgendwann wie eine Stopfgans und googelt Digital Detox.

Weil wir das Wählen verlernt haben, bleibt am Ende nur noch der konsequente Verzicht. Doch statt sich das einzugestehen, rümpfen viele die Nase und geben dem unappetitlichen Futterangebot die Schuld dafür, dass sie die Informationsaufnahme schliesslich ganz verweigern. Dabei sind die Tipps und Tricks zum vernünftigen Konsum bekannt: weniger von Besserem. Weil niemand wirklich glaubt, dass Qualität nichts kostet, lassen wir uns bei allem, was uns lieb und teuer ist im Fachgeschäft beraten. In aller Regel nämlich schenken wir besser der Auswahl des richtigen Produktes unsere Aufmerksamkeit, als mit dem Ärger über Fehlgriffe Zeit zu verlieren. Entsprechend gross ist dann auch die Freude am Resultat, sofern wir das Geniessen noch beherrschen. Genuss nämlich ist kein Frevel, im Gegensatz zum von Spuren aller sieben Todsünden geprägten Massentrend. Urs Bühler bringt es à point: „Täglich wuchern auf allen Kanälen Food-Trends, bis man sich wünscht, die Trendsetter würden sie sich alle in den Mund stopfen und ihn beim Kauen brav schliessen.“ Eine unappetitliche Vorstellung, doch der Satz selbst ist ein Genuss. Das Rosinenpicken mit den Fingern mag tischsittenwidrig sein, aber es ist ohne Zweifel lustvoll, nennen wir es also Amuse Bouche.

Wer sich zum Essen gerne Zeit nimmt, studiert vorab die Karte. Ein Koch hat mir einmal den Rat gegeben, dass man die Qualität eines Restaurants auch an der Anzahl Gerichte ablesen kann: frisch und hausgemacht kann es nur dann sein, wenn die Liste kurz ist. Je umfangreicher die Karte, desto eher wird man logistisch bedingt aus Tiefkühltruhe und Convenienceapotheke bedient. Ist das Menu schliesslich ausgewählt, wird besagtes Amuse Bouche serviert und man widmet sich der gepflegten Konversation. Mit dem Newskonsum verhält es sich nämlich wie mit der Nahrung: es reicht nicht, sie nur aufzunehmen, man muss sie auch sorgfältig kauen und anschliessend verdauen, um die oben erwähnten unerwünschten Nebenwirkungen zu vermeiden. Zur Meinungsbildung gehört nicht nur die Informationsaufnahme, sondern auch die anschliessende Debatte über das, was man gehört, gesehen und gelesen hat. Erst mit der Reibung samt Widerspruch und Zustimmung wird aus der Information auch eine eigene und reflektierte Meinung. Alles andere ist eher mit dem Ructus von Wiederkäuern vergleichbar. Mit Kuhfladen allerdings kann man vielleicht anfeuern, aber nicht abstimmen.

 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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