Anbandeln und abseilen

Es ist noch nicht lange her, da favorisierte man Tweets, um sie später wieder zu finden. Dann kopierten Desperate im Kampf gegen die sinkenden Aktienkurse wie üblich erfolgreichere Unternehmen und aus dem Fav-Stern wurde ein Like-Herz. Die Emotionen gingen prompt hoch, nur der Kurs sank weiter. Nun will man die 140-Zeichen Limite fallen lassen. Es ist eher unüblich, eine USP aufzugeben, aber Verzweiflung verhilft selten zu weisen Entscheiden. Andererseits wäre es just in einer emotionalen Situation ratsam, sich elaboriert auszudrücken, statt nur auf ein Emoticon zu klicken. Worte aber liegen gerade nicht im Trend: Mark Zuckerberg will sie uns ersparen. Wir sollen nicht mehr erzählen, was wir tun, sondern einfach nur noch vernetzt sein. Alles andere erfährt der Rest der Welt sofort und realtime: was wir gerade hören, sehen, essen und wie wir uns fühlen. Aus dem literarischen stream of consciousness wird ein ständiges Lifestreaming. Es macht einen sprachlos.

Trotzdem soll man die Entwicklung nicht überbewerten. Es war uns auch früher ein Bedürfnis, den Gefühlen die Kompliziertheit zu nehmen. Vor allem wenn es darum ging sie auszudrücken. Man las wohl Goethe, aber wir schrieben keiner Charlotte von Stein, sondern Susi, Mark oder Sandra. Man riss eine Ecke aus dem Schulheft, kritzelte ein infantiles Willst Du mit mir gehen? darauf und reichte das kleingefaltete Zettelchen durch die Hände des Klassennetzwerks zum Adressaten. In der Regel musste man nicht viel länger auf eine Antwort warten als bei heutigen Kurznachrichtendiensten. Nur in Ausnahmefällen führte eine besonders schlaue Lehrperson zum Systemausfall. Natürlich gab es auch im Radiergummi- und Tintenkillerzeitalter Absagen und Enttäuschungen. Ein triumphierender Blick von der Conny, die Doris im Skilager den Christian ausgespannt hat, oder der Dani, der mit gesenktem Blick zwischen miefenden Sporttaschen im Schulhausflur mitteilte, dass der Michi dann im Fall jetzt mit einer andern ginge. Umgekehrt wollte man dem Martin lieber aus dem Weg gehen, auch dem Peter, und dem Nik sowieso. Dafür stellte man Tom nach, der einen seinerseits mied, weil er gerade für Claudia schwärmte.

Das Internet hat das Liebesleben vereinfacht. Nun schicken Suchende ihr Lächeln samt Kompliment ebenso grosszügig an Hinz und Kunz, wie man auf anderen Plattformen witzige oder interessante Beiträge herzlich mit einem Like belohnt. Als Junggebliebene benehmen sich manche konsequenterweise auch im fortgeschrittenen Alter wie Teenager. Nach MSN und SMS bieten heute zahlreiche Chatdienste ständige Austauschmöglichkeiten, die nicht mehr von fiesen Lehrern und Mitschülern abgehört werden, dafür vom Nachrichtendienst. Manchmal allerdings auch von der einen Person, die es gerade nicht hätte sehen sollen. Dann fehlen die Worte, weil es ja zumeist doch so ist, wie es aussieht. Aber da ist weder ein Undo-Button noch ein Sorry-Icon, nur ein Gesichtsausdruck, den man nicht einmal mit einer ganzen Emoticon-Bibliothek vollständig wiedergeben könnte. Das Bedürfnis wurde erkannt. Wo es Anbahnungsplattformen gibt, auf denen man einander per Knopfdruck zulächelt, braucht es nun einmal auch eine Möglichkeit, ebenso einfach wieder aus der Nummer rauszukommen. Was nett klingt, ist in Wahrheit knallhart: man klickt auf verabschieden und versendet eine Nachricht, bei der man erst die passende Begründung auswählt, optional gleichzeitig die zuvor ausgetauschten Mitteilungen löscht, und schon ist alles aus, vorbei und aufgeräumt.

Weil sie längst niemand mehr schreibt, gibt es keine Briefe mehr, die man zusammen mit Fotos der dramatischen Feuerbestattung zuführen könnte. Es braucht auch keine Seidenbänder mehr, die alles zusammenhalten, bevor man schliesslich wehmütig zuschaut, wie Erinnerungen zeremoniell in Flammen aufgehen. Während wir noch Zettel schrieben, daten Teenager heute papierlos mittels Tinder: friends, dates, relationships, and everything in between. Das klingt zwar kompliziert, ist aber viel einfacher und mindestens so effizient wie Speed-Dating für die Ü40. Doch wo schnell angebandelt wird, muss man sich auch rasch wieder abseilen können. Deshalb gibt es Binder, um die Beziehung zu kübelnbinned her. Notabene nicht him, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Die Realität ist simpler: Wipe and out, klick und man ist befreundet, klack hat man schon wieder Schluss gemacht. Dagegen kam das Beziehungsende per sms geradezu einer Epistel gleich. Natürlich ist das ein Scherz, Binder ist eine schottische Bieridee. Das gründliche Verabschieden auf Datingplattformen gibt es allerdings wirklich.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

2 Gedanken zu „Anbandeln und abseilen“

  1. und du glaubst es nicht: ich gehöre, wenn’s um zuneigungs- und andere botschaften geht, zur kategorie sms- und mail-schreiberin, aber auch nach wie vor zur fast ausgestorbenen spezies, die briefe schreibt und karten so vollkritzelt, dass diese fürs versenden in einen briefumschlag gesteckt werden müssen.

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