Lust im Abo

Das neue Jahr ist bereits zwei Wochen alt. Während das grosszügig eingekaufte Gemüse vor sich hin welkt und die gesunden Früchte faulen, drücken wir die mahnenden Pushmeldungen von aufdringlich vernetzten Messgeräten schon routiniert weg. Die Nachbarin, mit der man sich am Sylvesterabend zum regelmässigen Laufen verabredet hatte, verpürte bei dem miesen Wetter auch keine Lust auf Bewegung an der frischen Luft. Mit den guten Vorsätzen ist es wie mit dem Verliebtsein: nach ein paar Wochen ist die Euphorie vorbei und nicht immer ist das, was nach der Lust bleibt, auch wahre Liebe. Die Abwechslung ist betörend, das Angebot verführerisch, man ist verwirrt und zögert. Früher drängte einen der gesellschaftliche Druck zur Vermählung, nun sind diese Zwänge ebenso verschwunden wie die Verbindlichkeit. Treu bleiben wir uns im besten Fall noch selbst, und manchmal auch unseren Vorsätzen. Weil der Mensch vernünftig ist, legt er dann die Chips erst gar nicht in den Wagen, sondern greift zum Chicorée und geht nie mit leerem Bauch einkaufen.

Wer sich noch mit schwerem Völlegefühl und verkaterten Muskeln gleich nach Neujahr im Fitnessclub angemeldet hat, schleppt sich nun leichter ins Training. Es ist bezahlt, das hilft einem auf die Sprünge, wenn Lust und Vernunft gerade auf dem Sofa liegen. Wem der Sport nicht reicht, setzt sich im lokalen Diätclub dem Gruppendruck aus oder unterwirft sich einer Kalorienzählsoftware im Internet. Darf man bei Minustemperaturen joggen, soll man nun mehr Zuchtfisch essen oder besser Wildlachs nehmen? Es ist alles so unübersichtlich geworden. Man beginnt zu verstehen, warum manche an einfachen und verpflichtenden Lebensregeln Gefallen finden. Halal und haram, verboten und erlaubt, der Trainer turnt uns fit und die Ernährungsberaterin füttert uns gesund. Der Mensch hat nun einmal die Eigenart, dass er viel mehr von dem will, was ihm Spass macht, und deutlich weniger begehrt, was ihm auch gut täte. Also machen wir eine Art Termingeschäft: Anfang Jahr kauft man mit gutem Vorsatz günstig Lust im Abo ein, weil man weiss, dass sie später knapp und folglich teurer wird. Solange sich nicht jeder wie die Stars Personal Coach und Leibkoch leisten kann, müssen wir uns wohl oder übel mit Gruppenkursen und Selbstdisziplin behelfen.

In diesen Tagen wird man denn auch regelmässig überschüttet mit Ratschlägen zum erfolgreichen Kampf gegen den inneren Schweinehund. Man soll sich realistische und messbare Ziele setzen, an fixe Zeiten halten, im Rudel gegenseitig motivieren und regelmässig für die Mühen auch belohnen. Rückschläge gehören dazu und sollen einen nicht vom Weg abbringen, der Erfolg wird sich dann schon einstellen. Schwieriger wird es mit Vorsätzen, deren Nichteinhalten uns zunächst keinen erkennbaren Schaden zufügt. Wir beginnen irgendwann am Sinn des Vorsatzes zu zweifeln. Die Bücher stapeln sich auf dem Nachttisch, noch immer in Cellophan gehüllt, bleiben sie immerhin vor Staub geschützt. Natürlich gehört in einen gesunden Körper auch ein gesunder Geist. Es ist nur so, dass die Jeans eben kneift und man beim Treppensteigen hörbar keucht – dem Kopf hingegen scheint es wenig auszumachen, wenn er mit Junkfood gefüttert wird. Doch, natürlich wissen wir Bescheid, Köln und die Lügenpresse, deshalb kommt jetzt die Durchsetzungsinitiative, und Göring war kein Monster, jedenfalls gab es auch den guten. Chicorée? Ja, da war Ausverkauf.

Irgendwo hört es auf mit der Selbstdisziplin, man darf sich schliesslich auch etwas gönnen. Also verschlingen wir wahllos, was uns auf allen Kanälen vorgesetzt wird und bezahlen grosszügig mit unserer Aufmerksamkeit. Wir tun das nicht, weil wir unsere Vorsätze vergessen haben, sondern weil wir nicht daran gedacht haben, dass uns manchmal eben auch die Lust auf gesundes Informiertsein fehlt. Wenn es um Wissen geht, neigen wir erstaunlich sorglos zu mehr Plausch und meiden was uns geistig bildet. Noch ist der Januar ja nicht vorbei – man könnte den Trick mit dem Fitnessabo durchaus auch für die geistige Beweglichkeit nutzen und sich die tägliche Informationsration frei Haus liefern lassen. Dann liegt die Zeitung morgens im Briefkasten und später auf dem Tisch. Im Gegensatz zu den Ermahnungen der Kalorien- und Schrittzählapps lässt sich das Papierbündel immerhin nicht einfach wegklicken. Diesen Personal Trainer sollte man sich eigentlich leisten.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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