Medien können auch zuhören

Das neue Jahr ist noch jung, wenn nach der Festtagsstarre das Leben in Zügen, Büros und Netzwerken wieder zu pulsieren beginnt. Alles strömt aus den Häusern und versammelt sich am Dorfbrunnen. Man beklagt Schneemangel und Übergewicht, erzählt von schlechten Erfahrungen und guten Vorsätzen. Die Mehrheit ist froh, Besuchsmarathon, Völlerei und Kater überstanden zu haben. Man setzt sich mit angemessener Zuversicht an den ordentlich hinterlassenen Arbeitsplatz und bevor man sichs versieht, ist das gute Neue wieder ganz das Alte. Ein paar wenige nur kehren aus stilleren Gewässern zurück in die Betriebsamkeit. Die Feiertage verbrachten sie daheim, auf abgelegenen Berghütten oder im warmen Sand an südlichen Stränden. Sie haben sich bewusst zurückgezogen, aufgeräumt und durchgeatmet, oder sind einfach nur aus dem Grau ins Blau geflohen. Viele haben auch auf Medienkosum oder zumindest auf den eigenen Senf dazu verzichtet. Manchen sieht man die innere Aufgeräumtheit an, mit der sie sich nun wieder an die Arbeit machen.

Der alljährliche Rückzug in private Sphären bringt eine in digitalisierten Zeiten ungewohnte Abgeschiedenheit mit sich. Es ist, als ob ein unsichtbarer Vorhang fällt, hinter dem ein jeder tut, was er für richtig oder auch nur für seine Pflicht hält, weil es immer schon so war oder man es auch diesmal wieder anders machen will. Doch es gibt auch jene, die keine Wahl haben, sie bleiben einfach übrig, wenn alle andern an langen Tafeln sitzen und die Besucherschar auch noch den letzten Gartenschemel als Sitzgelegenheit nutzt. Für diese Menschen beginnt mit dem letzten Apéro samt guten Wünschen die Zeit der leeren Stühle an leeren Tischen. Dass in unserer Gesellschaft immer mehr vor allem ältere Menschen einsam sind, zeigt das Weihnachtsvideo eines deutschen Lebensmittelmarktes. Das aber wissen wir, seit wir alljährlich bereits Tage vor dem Fest der Feier in Omas Pflegheim beiwohnen. Auch ans schlechte Gewissen haben wir uns längst gewöhnt.

Wie oft im Leben bieten besondere Situation neue Perspektiven, gibt erst das Platzen der eigenen Filterblase den Blick frei auf bisher uneinsehbare Erfahrungswelten. Wenn einen morgens nicht einmal mehr die vertraute Zeitung im Briefkasten erwartet, die Twittergemeinde in die Privatsphäre abgetaucht ist und die virtuelle Freundeschar das reale Netzwerk pflegt, wird für viele der Service public zur ganz privaten Dienstleistung. Unterhaltung bot schon immer Ablenkung, Nachrichten und Informationssendungen liessen bereits unsere Grosseltern noch bis ins hohe Alter am Weltgeschehen teilhaben. Manche mögen sich nun mit kitschigen Romanzen und rühriger Musik trösten, andere verzweifeln gerade jetzt daran. Rücksichtsvollere Programmgestalter bieten Action, wer mag, lenkt sich mit traditionellen Sportereignissen von allzu viel Ruhe ab. Wie gross die Zielgruppe ist, der in diesen Tagen nur noch die Mattscheibe den Blick auf die Welt erlaubt, lässt sich an der geschalteten Werbung ablesen. Kaum sind die Spielzeug- und Schmuckspots obsolet geworden, steigt die Frequenz der Partnervermittlungsangebote merklich an, und, wäre es erlaubt, man würde gleich im Anschluss genauso schamlos für tröstenden Alkohol werben. Ein Glas Wein auf das eigene Wohl, während man sich den Ärger übers Fernsehprogramm von der Seele ins Kommentarfeld schreibt oder sich mit Unbekannten über die jüngsten Ereignisse unterhält.

Was einsam macht, ist nicht das Alleinsein, sondern dass man andern „die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann“, schreibt C.G. Jung in seinen Erinnerungen. Werden Selbstgespräche zur Gewohnheit, stolpert man irgendwann über seine Sätze und verliert im inneren Monolog die äussere Orientierung. Das eigene Gemurmel füllt als Bewusstseinsstrom den Raum bis zur bedrohlichen Übersättigung – das ist das Völlegefühl jener, denen weder Festtagsschmaus noch Familienkrach auf den Magen schlagen. Medienangebote bringen heute nicht nur die geschwätzige Welt in stumme Stuben, sie können auch erstaunlich gut zuhören. Wenn konservative Wutbürger und dauerempörte Gesellschaftskritiker beim geselligen Fondue sitzen, übernehmen die Einsamen die Kanäle der Kommentarforen und für einmal tatsächlich sozialen Medien. Wer Zeit hat, auch jetzt dem medialen Netzrauschen zu folgen, wird mit etwas Geduld auch mit Gedanken beschenkt, die man nicht am Stammtisch diskutiert. Mit der Betriebsamkeit hat sich jetzt allerdings auch der Lärmpegel wieder hochgeschraubt. Wo sie nun alle hin sind und wer hört ihnen jetzt zu? Dies bleibt das Geheimnis derer, die es einander in der Stille zwischen den Jahren an virtuellen Tischen verraten haben.

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s