Zäsur

Nach familiären Festtagsessen und intimem Stubenhocken freut manch einer sich auf Glanz und Gloria ausser Haus, man hat Lust auf Buntes, Lautes und Spass mit andern Leuten. Ob man schliesslich mit guten Freunden tafelt oder in Gesellschaft tanzt, bald schon ist das alte Jahr angezählt und die Kirchturmglocken läuten seinen Abschied ein. Es wird Zeit, sich etwas Warmes anzuziehen und nach draussen in die Dunkelheit zu gehen. Was für eine Wohltat nun zu hören, dass die Zeit bis heute noch nicht überall genau die gleiche ist. Wer hinhört, nimmt ihn wahr, den geflüsterten Gruss aus einer vierten Dimension, der sonst gänzlich unbeachtet im Alltagslärm untergeht. Sind die letzten Schläge ausgeklungen und ist auch die letzte Glocke in der Nachbarschaft verstummt, dann folgt die Stille zwischen den Jahren. Der unscheinbarste und doch innigste Moment im Jahr, ein kurzer Augenblick der Ewigkeit, vollkommen still und in sich ruhend, nichts als schiere Existenz.

Während andere die Gläser füllen, hektisch allerlei Uhren konsultiert werden und in der Ferne das eine oder andere Feuerwerk zu früh losgeht, hat, wer will, Gelegenheit, das alte Jahr Revue passieren zu lassen, damit abzuschliessen und sich auf das neue einzustellen. Was nehme ich mit aus dem Vergangenen, was bringt das Kommende? Was wünsch ich mir und womit wär ich gut beraten? Ein paar Minuten hat man Zeit fürs Innehalten und Sinnieren, eine kleine Pause nur, doch wer die Einladung annimmt, wird mit einem Eindruck echter Ewigkeit beschenkt. Es ist wie beim Sekundenzeiger unserer Bahnhofsuhr, der für einen Moment stehen bleibt, die Zeit anhält und kurz Luft holt, bevor er die nächste Minute in Angriff nimmt. Mitten in die Stille schlägt die Turmuhr dann zur vollen Stunde, es folgen dieselben zwölf Schläge wie jede Nacht um diese Zeit, doch diesmal fängt nicht nur ein neuer Tag, ein neuer Monat an, sondern ein unverbrauchtes neues Jahr. Prosit Neujahr! Santé, Salud, auf Euer Wohl!

Wer die Zäsur genutzt hat, sich auch zu überlegen, was er wem nun wünschen will, findet jetzt besonders schöne Worte. Vom Neujahrsgeläut begleitet stösst man an, umarmt sich, schüttelt Hände. Das nächste Jahr hat angefangen, mit neuen Hoffnungen, neuen Wegen, neuen Chancen und neuem Glück. Im Gedränge klirren Gläser, küsst und drückt man sich, welch wunderbare Zuversicht! Es böllert und lärmt, leuchtet und regnet Sterne vom Himmel, ein Tohuwabohu über den Dächern begleitet das Gewusel am Boden in den ersten Minuten des frischgeborenen Jahres. Während draussen das Feuerwerk von Übermut und Freude zeugt, ziehen die meisten sich wieder ins warme Innere zurück und widmen sich dem zweiten Teil der heiteren Silvesternacht. Wie rasch doch der Spuk vorbei ist! Einen nach dem andern übermannt die Müdigkeit und die Runde löst sich tröpfchenweise in die finstere und mittlerweile wieder stille Nacht auf. Der eine oder andere nimmt nun das Stück Ewigkeit, das er erhaschen konnte, mit ins neue Jahr. Ein Päckchen mit Wünschen, Vorsätzen und manchmal auch ein paar Brocken Kümmernis. Wer im neuen Jahr Hürden zu meistern hat, trägt die mit guten Wünschen genährte Zuversicht mit nach Hause, wem im alten wenig Erfreuliches vergönnt war, schenken die aufmunternden Worte hoffentlich glückliche Neujahrsträume.

Doch Jahr für Jahr stiehlt man uns ein weiteres Stück der Stille. Wie schnell aus importierten Bräuchen doch hiesige Traditionen werden können, wenn der private und kommerzielle Wettbewerb spielt. Erstaunlich auch, wie kritiklos wir manches übernehmen, wo doch so viele Fremdem gegenüber skeptisch sind. Gerade jene, die sich am meisten um unsere Kultur sorgen, machen dann den grössten Lärm, wenn die Kirchturmglocken nach altem Brauch das vergangene Jahr aus- und ein neues einläuten. Bald wird die Zäsur in Vergessenheit geraten und verloren sein, weggeböllert und weggebombt von aufdringlichen Geschossen, die nichts als Rauch und Gestank hinterlassen. Raketen und Heuler, die ganze Stadtquartiere, gar kleine Täler in staubigen Nebel zu tauchen vermögen und den kleinen Rest der grossen Ewigkeit überdecken, erdrücken und schliesslich ganz ersticken. Was dann folgt ist nicht Ruhe, sondern Sturm, der uns mit aller Wucht in die zäsurlose Endlosschlaufe von Arbeitshektik, Konsumstress und Wutbürgertum bläst. Man sollte diesmal ganz besonders aufmerksam hinhören, wer weiss, wie lange die Ewigkeit uns zwischen den Jahren noch ihre Aufwartung macht.

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s