Das geschenkte Ende

Die Nacht kommt früh, lange vor Feierabend glitzert und glänzt die Stadt schon im üppigen Lichtermeer. Mit Glocken und Posaunen zwängt sich die halbe Welt durch enge Gassen und wuselt über verstellte Plätze. Drinnen ist es wärmer, zu vernehmen ist sittsames Gemurmel, die Musik beschwingt gerade noch angenehm. Plötzlich stürmt eine junge Frau in den Laden und seufzt so laut, dass man es durchaus auch einen leisen Schrei nennen darf. Die Kundschaft steht mit Taschen beladen vor den Gestellen, beäugt Seidenblusen oder befühlt Cashmereschals. Nun sind alle erstarrt und schauen erwartungsvoll Richtung Tür. Beziehungskrise, sagt sie, diesmal endgültig. Man nickt und meint im Chor: kennen wir. Es folgen die gängigsten Weihnachtsdramen im Mehrgenerationenüberblick. Gezankt und gegiftelt wird mit Insbrunst über Zuständigkeiten und Masshalten, er trinkt zu viel und sie will zu viel. Einigkeit stellt sich auch im spontan gebildeten Krisenteam keine ein, die Präferenzen verteilen sich unvereinbar zwischen konsequentem Abschaffen und kompromisslosen Abläufen. Kein Wunder, flieht das Gros vom häuslichen Kleinkrieg in die kollektive Kaufrauschschlacht, hier fühlt man sich wenigstens verstanden.

Die Hektik wird noch steigen, mit abnehmender Tagesdauer und zunehmender Kälte spitzt sich die Lage langsam aber sicher Richtung Überhitzung zu. Während Guetzlimarathon und Gschänklistress die Bevölkerung in diesen grauen Tagen auf Temperatur halten, erwischt sich der eine oder andere beim Gedanken an Eisenhut und Fliegenpilze. Die Wohnungen sind mit dem neusten Tand aus China überladen und abends glänzen immer rötere Augen im Duftkerzenschein. Zum ganz normalen Wahnsinn gesellt sich das schlechte Figurgewissen, weil Kollegen ständig Süsses mit ins Büro bringen, das zu Hause aus guten Gründen aussortiert wurde. Nach Feierabend steht ein erneuter Versuch auf dem Programm, die Liste mit den Geschenken endlich abzuarbeiten, doch abermals reicht der gute Vorsatz höchstens bis zum Glühweinstand. Wer die olfaktorische Herausforderung besteht, ständig Schokoladenduft und Racletteodeur auseinander halten zu müssen, dem wird spätestens vom Dichtestress oder dem klebrigen Industriegesöff übel. Man flieht und kehrt einmal mehr unverrichteter Dinge heim. Das schlechte Gewissen hat bereits dämonische Ausmasse angenommen.

In bedrohliche Höhen haben sich unterdessen auch die Erwartungen geschraubt. Diesmal wird es anders, diesmal geht es ohne Krach, und diesmal ist es das richtige Geschenk. Diesmal gelingt das Essen, diesmal sind die Kinder brav, diesmal kann er sich beherrschen und sie ist endlich mal zufrieden. Mit dem ersten Glitzerstern im Schaufenster fällt der Startschuss für das letzte Gemetzel im alten Jahr. Auch heuer fängt man zeitig an, um das Gejufel zu vermeiden. Kein Wunder bricht der Streit jedes Mal früher aus. Es reicht noch nicht einmal mehr, wenn man die Festtage in der Wüste verbringt, man sollte gleich in den Sommerferien bleiben und sich dort bis Januar verkriechen. Aus der Adventszeit, dem Warten auf die Ankunft, und aus dem Fest der Liebe ist ein ewiges Drama mit enttäuschendem Ende geworden. Das Januarloch hat sich vom Geldbeutel auf alles übrige materielle und immaterielle Glück ausgeweitet: die Zahl der eingereichten Scheidungen steigt. Wer es zum eigenen Erstaunen schliesslich einmal mehr überlebt hat, schwört allem ab, beteuert es nächstes Jahr sein zu lassen, wegzufahren und zu verzichten. Wenigstens so lange, bis im Supermarkt die Lebkuchenchläuse wieder vom Gestell grinsen und das Tamtam von vorn losgeht.

Auch unter jenen, die sich im Laden versammelt haben, können nur vereinzelte von sich behaupten, den Ausstieg nachhaltig geschafft zu haben, und niemand kam ohne Not soweit. Zeit haben auch sie keine, irgendwie vereinnahmt einen der Stress selbst dann, wenn man sich eigentlich nicht daran beteiligen will. Wie die junge Frau die Festtage nun verbringt, weiss ich nicht, so wie niemand erfahren wird, wie all die übrigen Geschichten ausgehen, die an diesem Abend erzählt wurden. Es ist zu hoffen, dass sich einige vielleicht doch noch daran erinnern, wie man es anders machen könnte. Obwohl sich auch das Geschwätz vom sinnvollen Schenken jedes Jahr wiederholt, vergessen wir erstaunlich rasch, wie einfach es im Grunde ist, sich Zeit zu nehmen und Liebe zu geben. Beides kann man zwar nirgends kaufen, dafür ohne Päcklistress und auch nach Ladenschluss verschenken. Wenn man will, sich die Mühe nimmt und jemand da ist, der es auch zu schätzen weiss. Aber vielleicht ist gerade das zu viel verlangt.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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