Ordentlich unordentlich

Frauen können nicht einparken, haben keinen Humor und denken unlogisch. Männer können nicht zuhören, sind Rambos und neigen zu Gewalt. Es ist wie mit dem Volkswillen: sind 50.3% dafür, reflektiert das selbst dann den Willen der Schweiz, wenn sich nur gut die Hälfte der Eidgenossen dazu überhaupt geäussert hat. Allerdings neigen Frauen tatsächlich dazu, einmalige Vorfälle zu einem Immer-Vorwurf hochzustilisieren. Männer sehen dafür in Einzelfällen schnell einen empirischen Beleg. Natürlich ist das derselbe Wein in andern Schläuchen. Wir alle sind Papst und Weltmeister. Nichts gegen ein Gefühl der Verbundenheit, aber Sippenhaft lehnen wir ab. Fremdglänzen geht, doch beim Fremdschämen wird es spätestens dann problematisch, wenn ausdrückliches Distanzieren gefordert wird. Konsequenterweise müsste man sich als Frau nun nämlich von Tashfeen Maliks Tat distanzieren und Donald Trump sollte ein Einreiseverbot fürs Weibervolk fordern. Aber so einfach ist es nicht, wir reden oder schreiben uns die ach so komplizierte Welt nur gerne einfach.

Wir suchen Glück und haben Angst, es nicht zu finden. Weil beides so furchtbar unfassbar ist, wollen wir Geld und Selbstbestimmung, nennen es aber Erfolg und Anerkennung. In Wahrheit sehnen wir uns nach Liebe, die wir akribisch in ihre Einzelteile zerlegen, weil uns die Unübersichtlichkeit sonst ganz durcheinander bringt. Dank Einsortieren gewinnen wir mehr Überblick und nur wer pauschalisiert, bekommt die jeweiligen Schubladen auch voll. Wie immer, wenn wir Ordnung schaffen, bleiben am Ende Reste übrig, die man kurz vor der Verzweiflung noch irgendwo hineinstopft oder unter den Teppich kehrt. Frauen mit einem guten Orientierungssinn und schlechter Feinmotorik gelten je nach Alter einfach als burschikos oder kratzbürstig und werden samt den Haaren auf den Zähen als Männer etikettiert und aus der Statistik aussortiert. Männer, die nicht ins Bild passen, werden im besten Fall kommentarlos ignoriert. Alles andere ist Genderwasauchimmer. Sichtbar bleiben die passenden Elemente, die von lästigen Ausnahmen befreit der Regel entsprechen: Frauen, die gesellschaftliche Erwartungen erfüllen und Männer, die leisten, was man sich von ihnen verspricht. Dafür werden beide mit allem Glanz und Gloria öffentlich und privat mit Anerkennung belohnt.

In der so geordneten Welt gesteht nun die ansonsten nicht aufs Maul gefallene Schöne dem bärtigen Traumjunggesellen, wie sehr sie es schätzt, wenn ein Mann ihr sagt, was sie tun und lassen soll. Die brave Leistung bringt ihr dann allerdings doch nicht die gewünschte Anerkennung, weil der Bachelor seinerseits brav den starken Mann markiert und beschützerinstinktiv das blutjunge Rehaugenbambi wählt. Es ist ein Teufelskreis, in dem sich Männlein und Weiblein endlos hinterherrennen. Männer mögen keine klugen Frauen, das ist zwar dumm von ihnen, aber auch kluge Frauen verlassen sich im Zweifelsfall eben lieber auf handfeste Muskeln als auf abstrakten Geist. Es gibt so viele Fehler, die man machen kann und sich damit das Glück verspielt, das ohnehin kaum zu fassen ist. Ob nun angeboren oder nicht, Rollenbilder prägen uns nicht nur, als Schablonen helfen sie uns auch dabei, das Gewünschte zu finden. Aus Angst, es wieder zu verlieren, klammern wir uns selbst dann noch am anerkanten Status fest, wenn die Wirklichkeit längst eine andere ist. Auch deshalb wiederholen wir so gerne, dass er der Jäger ist und sie die Beeren sammelt, weil es als Mantra so beruhigend wirkt.

Meine Grossmutter war Modistin, in ihrem Atelier stand eine Kommode mit lauter kleinen beschrifteten Schubladen, in denen sie die bunten Bänder für ihre Hüte nach Farbe, Qualität und Preis sortiert aufbewahrte. Die unterste Schublade war deutlich grösser, als einzige hatte sie ein Schloss und war nicht angeschrieben. In ihr lag der unordentliche Rest: Federn, Stoffblumen, zierliche bunte Vögel, Kugeln und andere kunstvolle Gebilde. Hier suchte man nicht nach etwas Bestimmtem, sondern stiess auf Bezauberndes. Hutform, Farbe und Stil verlangten nach einem dazu passenden Band, doch für die Accessoires zählte die Individualität der Käufer. Damit eine Kundin mit dem Hut am Ende zufrieden war, musste die passende Grundform ausgewählt werden, eine die ihr stand und dem jeweiligen Verwendungszweck des Hutes diente. Aber ob sie ihn liebte oder nicht, dafür war eins dieser besonderen Trouvaillen aus der Gnuschschublade verantwortlich. Es gab nur ein Exemplar von jedem, und ein Preisetikett suchte man vergeblich. Ordnung ist eben nur das halbe Leben, und Liebe bekanntlich ein unordentliches Gefühl.  

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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