Barbara

Bald kommt der Samichlaus, je nach Region ist er im Bischofsgewand unterwegs oder erscheint in roter Mönchskutte, hat Schmutzli und Esel im Schlepptau, seinen Sack über der Schulter und die Fitze in der Hand. Einmal im Jahr liest er uns gehörig die Leviten, kein Wunder versteckte man sich als Kind hinterm Ofen. Unter einer Burka aus Bart und Mantel samt Kaputze vermummt, verlas er unsere Versäumnisse und Übeltaten, Ablass wurde nach brav Aufgesagtem gewährt. Angeblich konnte er uns selbst durch Wände hindurch beobachten. Das war alles noch vor der Fichenaffaire, und irgendwie hat sich damals niemand darüber ernsthaft aufgeregt. Heute kann sich der Samichlaus das jeweilige Sündenregister seiner Kunden sicher vom wohltätigen Zuckerberg als Instant Article liefern lassen. Diese teilt er dann bequem vom Nordpol aus mit den Betreffenden samt Familie und Freunden. Das ist ohnehin viel gesünder als die analoge Tour: all die russigen Kamine waren bestimmt nicht gut für seine Atemwege und rülpsende Elche schaden bekanntlich dem Klima.

Vor dem maskulinen Auftritt sind allerdings noch die Damen an der Reihe. Am 4. Dezember ist Barbaratag. Die heilige Barbara von Nikomedien hat ein umfangreiches Pensum als Patronin der Bergleute und Mineure, der Artilleristen, Baumeister, Feuerwehrleute sowie der Turmwächter, Glockengiesser und Glöckner. Barbara kümmert sich vorwiegend um Männer, könnte man sagen. In St. Gallen erinnert der Artillerieverein wie jedes Jahr mit Böllerschüssen an die heilige Barbara, wenn auch diesmal mit mehr Einschränkungen als auch schon. Vielleicht denkt der eine oder andere dann wenigstens auch an den Glöckner von Notre-Dame, womit wir wieder bei den Damen wären. Der 4. Dezember war bereits in vorchristlicher Zeit ein Frauen-Tag, an dem Frau Holle, die eigentlich Perchta war, auszog und ihr Unwesen als eine Art weiblicher Ur-Samichlaus trieb. Barbara bietet übrigens auch Schutz im Gewitter, nicht zuletzt deshalb war sie mir stets lieber als der donnernde Samichlaus.

Nikolaus schenkt den braven Kindern Nüsse und Süssigkeiten, den weniger braven drohen Hiebe. Die einmalige Massregelung ist allerdings geradezu harmlos im Vergleich zum lebenslangen Pechregen, mit dem Frau Holle als personifizierte Mutter Erde jene bestraft, die zu faul sind, ihr beim Schneemachen zu helfen. Für Fleiss und Hilfsbereitschaft hingegen gibt es echtes Gold und nicht nur Schoggitaler, wohl eine Art neoliberale Botschaft mit christlichem Adventsschmuck. Ob nun faul oder fleissig, reich oder arm, nett oder grob, Fremden gebenüber sind alle gleichermassen skeptisch, galten sie doch seit jeher als Barbaren. Diese Bezeichnung verdanken sie der Tatsache, dass sie einst für griechische Ohren Unverständliches brabelten. Barbara bedeutet denn auch die Fremde, die Ausländerin, die Wilde. Als die heilige Barbara sich gegen den Willen ihres Vaters dem christlichen Glauben zuwandte und sich weigerte, einen Heiden zu heiraten, verfolgte der Vater seine Tochter, liess sie foltern und bestand schliesslich darauf, ihr eigenhändig den Kopf abzuschlagen. Auf der Flucht soll sie mit ihrem Kleid an einem Kirschbaumzweig hängengeblieben sein. Dies zumindest gilt als Ursprung für den Brauch, am 4. Dezember Barbarazweige zu schneiden.

Wie immer bei Bräuchen vermischen sich allerlei praktische Gründe mit Hoffnungen zu einem wärmenden Bedeutungstee, den der Mensch sich mit seiner abergläubischen Fantasie im Laufe der Jahrhunderte aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen zusammengebraut hat. Kaum ist der Winter da mit seinen langen Nächten und nebelgrauen Tagen, sehnt man sich nach bunten Frühlingsblüten. Da man die wilden Austriebe an den Obstbäumen ohnehin abschneiden muss, bringt man sie jetzt in die warme Stube, damit sie im vermeintlichen Frühlingsklima ausschlagen und uns in drei Wochen zu Weihnachten mit ihren herrlichen Blüten erfreuen. Weil das alte Jahr zu Ende geht, stellt sich in diesen Tagen auch die Frage, was das neue wohl so bringen wird. So bekamen die verschiedenen Obstbäume besondere Bedeutungen: blühende Zweige vom Apfelbaum verheissen eine gute Obsternte, der Haselnusszweig wird mit Glück und Reichtum in Verbindung gebracht und da Kastanienbäume auch bei starkem Rückschnitt wieder prächtig austreiben, stehen seine Blüten für Auferstehung und neues Leben. Quittenzweige schliesslich sind ein Symbol für Freud und Leid der Zweisamkeit, der Duft der Blüten ist wunderbar betörend wie die Liebe, doch die Frucht hat nebst der Süsse auch bittere Noten. Am besten, man holt sich von allen Sorten ein paar Zweige ins Haus, dann ist man fürs neue Jahr gerüstet, denn auch das wird wohl von allem etwas bringen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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