Big Brother

Winston Smith revidiert als Angestellter des Ministry of Truth in London die Darstellung der Vergangenheit in Zeitungen. Das Ministerium für Wahrheit befasst sich mit Nachrichten, Unterhaltung, Bildung und Kunst. Auf dem pyramidenförmigen Ministeriumsbau prangen die drei Slogans der Partei:

WAR IS PEACE
FREEDOM IS SLAVERY
IGNORANCE IS STRENGTH

In ähnlichen Gebäuden untergebracht sind die drei übrigen Ministerien Ozeaniens: das Ministry of Peace, das Kriegsministerium, das gänzlich fensterlose Ministry of Love, zuständig für Law and Order, sowie das Ministry of Plenty, das Wirtschaftsministerium. Ein müdes Lächeln mag uns sein Zynismus vielleicht noch abringen, doch wer denkt es nicht: Verweise auf George Orwell’s Dystopie 1984 sind so abgenutzt wie die Treppenstufen einer mittelalterlichen Burg. Überhaupt hat in diesen Tagen niemand Lust auf miesepetrige Zukunftsvisionen aus der Nachkriegszeit, der Sinn steht uns vielmehr nach drei Nüssen für Aschenbrödel. An der Bahnhofstrasse leuchtet Lucy, das Bundeshaus rockt und die Weihnachtsmärkte locken mit Zimt und Zucker. Wenn wir nicht im Einkaufsgetümmel untergehen, geniessen wir wintermärchenhafte Mussestunden, die man endlich ohne schlechtes Schönwettergewissen auf dem Sofa verbringen darf. Vielleicht sogar mit einem Buch, aber doch nicht mit Orwell.

Die wirkungslos gewordenen Bezüge zur vorwärts und rückwärts ausdiskutierten Anti-Utopie lassen uns ohnehin längst so kalt wie der Winter vor der Tür. Die Erinnerung an die Stoffbearbeitung im Klassenzimmer ist verblasst, der jüngste Back to the Future Hype endlich vorbei. Es leuchtet ob all der Ohnmacht gegenüber fremden Bedrohungen schliesslich jedem ein, dass wir künftig mit der Überwachungsmaschinerie werden leben müssen. Das eigene Wohl, die Sicherheit, die Verteidigung unseres Lebensstils, all das erfordert Zugeständnisse. Wir lernen, verstehen und akzeptieren. Man hat ja selbst nichts zu verbergen, die Nachrichtendienste richten sich nicht gegen uns, sondern gegen die anderen. Auch sonst ist die Datensammelwut ganz und gar in unserem Sinn. Wir sparen Geld, indem wir grosszügig unsere Informationen hinblättern. Das kostet uns doch nichts und kommt im vorweihnachtlich orchestrierten Konsumrausch besonders gelegen. Willkommen ist uns auch die personalisierte Werbung, sie verhindert wenigstens, dass man ständig belästigt wird mit Angeboten, die einen nicht interessieren.

Vom überwachenden grossen Bruder ist ohnehin nur noch der Big Brother selbst geblieben, quasi der Inbegriff der Abgegriffenheit von 1984. Längst sind wir es, die am Teleschirm zuschauen, wie andere sich verlieben und blamieren. Wofür sonst als für unsern Frieden greift man zur Kriegsrhetorik, und aus Liebe zur Freiheit nehmen wir die Knechtschaft gerne in Kauf. Auch fürs Nichtwissen muss sich heute niemand mehr entschuldigen. Es ist völlig in Ordnung, auf Fragen zu aktuellen Themen mit scheinbar harmlosen Beweisen für den modernen Lifestyle zu antworten: Politik interessiert mich nicht und Zeitungen lese ich schon lange keine mehr. Man liest lieber Bücher, sie sind zweifellos eine Alternative, nur ohne das Wissen um die Welt um uns herum ist auch 1984 nur unterhaltende Fiktion, natürlich bleibt die Aufregung dann aus. Man will nicht wissen, man will unterhalten werden. Die Grammatik ist hier erschreckend semantisch.

Das Bedürfnis nach Unterhaltung und Ablenkung ist nun einmal menschlich, ohne Freude und Genuss fehlt dem Dasein der Sinn, und der braucht Sinnlichkeit. Was uns versklavt sind denn auch weder die Zweifel am Ausmass des Problems noch der Wunsch nach gelegentlichen Ausflügen ins Reich der Utopie, sondern das Ignorieren der längst Realität gewordenen Anti-Utopie, in der wir auch dann leben, wenn wir uns weigern hinzusehen und nichts darüber lesen wollen. Ein wahres Ministerium der Liebe würde uns nämlich zum Lernen und Verstehen erziehen, aber nicht unbedingt zum Akzeptieren. Es ist fraglos ein besonderes Vergnügen, in der Lektüre eines packenden Buches zu versinken, doch man muss achtgeben, nicht selbst Teil der Geschichte zu werden. Was wir lesen darf uns ruhig fesseln, doch nur so lange wir das Gelesene im Kontext dessen verstehen, was um uns herum tatsächlich passiert, kann es uns auch helfen, allfällige Masken als solche zu erkennen. In diesem Sinn ist ein gutes Buch übrigens ein wertvolles Geschenk.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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