Foto: Johanna Angele

Tertium comparationis

Die einen ballen die Faust und rasseln mit den Säbeln, die andern fordern Toleranz und laden zur Umarmung ein. Da baut man Zäune, dort öffnet man Tore, manche zeigen mit dem Finger auf die Schuldigen in der Ferne, andere wollen lieber vor der eigenen Tür wischen. Die Fronten sind klar, aber unübersichtlich. Es liegt am Islam, der als Religion gescheitert ist, weil er unaufgeklärt zwischen Gewalt und Reform das Falsche wählt. Es liegt an den Linken und der nicht radikalisierten Mitte, die den Feind nicht erkennen wollen. Es liegt an der martialischen Wortwahl, an Kriegserklärungen, weil beides in unseren Köpfen die Fronten erst bildet, uns dabei Angst einjagt und obendrein dem Widersacher in die Hände spielt. Und schliesslich liegt es an den Männern, die latent gewaltätig sind, und an den Frauen, die in Führungspositionen keine Härte zeigen können und zu lange zögern. Wir haben Angst und wollen unsere Sicherheit zurück, doch wir sind ohnmächtig ob der Bedrohung. Auch, weil wir nicht wissen, woher sie eigentlich kommt. Ist es die fremde Religion, sind es die Flüchtlinge, oder ist die Gefahr gar hausgemacht, wuchs in den Banlieus, aus denen die radikalisierten Rückkehrer stammen, welche uns unsere Lebensart auf grausamste Weise missgönnen?

Schuld ist die gescheiterte Integration, auch mit französischem Pass bleiben Terroristen Migranten, der Keim des Bösen trugen sie schon in sich, als sie kamen. Doch die Angeklagten wehren sich, weinen dieselben Tränen wie die Kläger. Sie flohen damals wie heute vor ebendiesem Bösen, das sie nun aus ihren eigenen Reihen wieder einholt, wie es manche glauben. All die Ohnmacht schlägt in wütenden Aktionismus um, der dann in medialer Kriegsrhetorik, politischen Forderungen oder militärischer Angriffslust zum Ausdruck kommt. Mal sind es Wahlplakate oder Demonstrationen, dann werden neue Parteien gegründet und alte erstarken. Doch es gibt auch einen Solidaritätsaktionismus: Kerzenwachen, Blumenmeere, beleuchtete Landmarken und temporäre Profilbilder in den Social Media. Auch das hilft im Umgang mit der Ohnmacht.

Schuld sind aber auch die Medien, die sozialen und die andern. Das wären dann wohl die asozialen, oder die liberalen? Mitten in der stürmischen Brandung und bei ständig drehendem Wind verliert man leicht die Orientierung. Doch dazu wäre der Kompass da, gerade bei Dunkelheit hilft eine Karte im unbekannten Gelände. In der Stille dann dringen auch die leiseren medialen Klänge durchs Gebrüll bis zu uns. In einer literarischen Parabel gilt es, aus der erzählten Geschichte die Gemeinsamkeiten mit der ihr zugrunde liegenden Sachebene zu erkennen und das Tertium comparationis, das Dritte, die tiefere Bedeutung der Geschichte zu erkennen. Es schadet nichts, die neue Erzählfreude in den Medien zum Anlass zu nehmen, auch hier das Dritte des Vergleiches zu suchen und zu erkennen. Warum erzählt jemand genau diese Geschichte in diesen und keinen anderen Bildern? Wo ist die Gemeinsamkeit mit der Sachebene? Zugegeben, es ist etwas mühsam, man muss sich Bilder und Fakten aus allen möglichen Artikeln in verschiedenen Medien zusammensuchen, die Widersprüche auseinander pflücken. Es braucht Geduld und guten Willen.

Doch in diesem Fall kennen wir die Geschichte immerhin bereits: es ist die Ringparabel aus Lessings Nathan der Weise. Nur das mit den drei Ringen ist ein bisschen komplizierter. Es sind auch nicht nur drei, sondern ziemlich viele, aber die Botschaft bleibt dieselbe: jede Religion und jede Kultur, die nur sich selbst für die einzig wahre hält, ist gescheitert. Wenn wir uns im Westen für so aufgeklärt halten, sollten wir uns auch unseres eigenen Verstandes bedienen und wissen, dass unser Denken und Handeln nicht fremdbestimmt ist, sondern durch vernünftige Entscheidungen gelenkt sein sollte. Vor allem aber müssten wir erkannt haben, dass zur Aufklärung auch das vorurteilsfreie Denken und die Toleranz gehören. Beides hat viel mit Bildung zu tun, während Gewalt aus Leid, Frustration und Neid erwächst. Ohnmacht macht wütend und Wut führt zu Gewalt. Das ist im Westen nicht anders als im Osten. Auch im Abendland ist der Mensch trotz aller Aufklärung noch nicht weise geworden, nicht weil er nicht kann, sondern weil er nicht will. Die Ringe wirken nur zurück und nicht nach aussen? Jeder liebt sich selber nur am meisten? Oh, so seid ihr alle drei Betrogene Betrüger. Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Das allerdings ist unsere Schuld. 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

2 Gedanken zu „Tertium comparationis“

  1. Den Attentätern von Paris, ob nun jenen im Januar und diesen im November, geht es um die Machtfrage – Wer die Waffen hat, bestimmt über Leben und Tod; wer mächtig und wer ohnmächtig ist – Wer eine Waffe trägt sagt zu sich selbst, ich bin nicht ohnmächtig; wer da mit schießt und tötet, zeigt seine Macht allen anderen – „ihr da seid ohnmächtig, ich aber bin mächtig“ – und sie ertragen die flehenden und winselnden Rufe und es kümmert sie nicht – und das „weil er nicht kann, sondern weil er nicht will!“

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