Foto: Johanna Angele

Leidenschaftlich lesen lernen

Die Schule muss ihre Hausaufgaben machen: weil Junge auf ihren Handys mehr Unterhaltung konsumieren als Zeitung lesen, muss man ihnen nun das Einmaleins der Medienqualität beibringen. Die Liste der Kompetenzen, welche Kindern und Jugendlichen heute im Unterricht vermittelt werden muss, wächst seit langem. Früher lernten Schüler Lesen, Schreiben und Rechnen, dann kam das Tippen, Programmieren, der Umgang mit dem Internet und schliesslich die Medienkompetenz. Doch gerade die ist mangelhaft: der Nachwuchs haut zwar leidenschaftlich in die Tasten, nur am virtuosen Spiel auf der medialen Klaviatur muss noch gefeilt werden. Die Schüler sollen nicht nur richtig, sondern eben auch das Richtige lesen lernen. Die Sorge um die schwindende Informiertheit der jungen Stimmberechtigten ist in einer Demokratie wie der unseren mehr als nur gerechtfertigt. Doch mit einer Ergänzung im Lehrplan alleine ist es nicht getan, auch wenn wir das Lösen unserer Gesellschaftsprobleme ganz gern ans Bildungssystem delegieren.

Andere sind denn auch der Meinung, Journalisten müssten ihrerseits ganz einfach richtig schreiben lernen und den Jungen endlich gute Geschichten erzählen. Es mag eine Spätfolge des spielerischen Lernens sein, dass der Nachwuchs so auf Infotainment steht, doch im Kern war es schon immer so. Das Lesenlernen begann auch früher mit dem Erzählen von Geschichten, nach dem Bilderbuch kam das Kinderbuch, der Jugendroman und schliesslich die Literatur. Ich kann mich nicht erinnern, mich als Teenager ums Zeitunglesen gerissen zu haben. Man musste uns sogar beibringen, am Mittagstisch während der Nachrichten still zu sein. Wir hatten noch keine Handys, dafür gab es BMX, Wälder und Larry. Das Zeitunglesen mussten auch wir erst einmal lernen. Die Schule bemüht sich nicht erst seit gestern um eine angemessene Medienkompetenz der Jugend, wer also hat es versäumt, dem Nachwuchs die Lust auf Informationen zu vermitteln? Wir selbst, die Erwachsenen und Eltern. Wo die Familie sich früher eine Zeitung geteilt hat, sind News heute zum individuellen Gut geworden. Sie werden im frühmorgendlichen Pendelzug in aller Stille und nicht selten in wenigen Minuten konsumiert. Bis zum Abend sind die Neuigkeiten vergessen, sofern man dann die Kinder überhaupt noch sieht. Diese tun es derweil ihren Eltern gleich und unterhalten sich auf ihrem eigenen Smartphone.

Wir predigen Wasser und trinken Wein, aus den Kindern soll schliesslich etwas werden. Der Leistungsdruck steigt, das bekommen auch die Eltern selbst immer mehr zu spüren. Es bleibt am Abend wenig Kraft und Zeit für ein Gespräch über Tagesaktuelles, zumal der Jungmannschaft selten danach ist. Erschöpft lässt man sie dann um Himmels willen eben in ihren Zimmern tun und lassen, was sie wollen, und entspannt sich mit Zerstreuendem, das einem denn auch zu Hauf und bequem vor die Nase gesetzt wird. Die Angebote passen, wir werden abgeholt, und sind dankbar, dass für jeden etwas dabei ist. Doch Kinder werden nicht von alleine erwachsen, Erziehung lässt sich nicht an Youtube-Kanäle und sozialmediale Peergroups auslagern. Es reicht auch nicht, den Medienkonsum einzuschränken, der Frust über ein Verbot schlägt kaum in eine Lust am Informiertsein über. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, der natürlichen Neugierde junger Menschen auch genügend Nahrung zu geben.

Es muss ja kein wöchentlich erzwungener Trivial Pursuit Abend sein, aber es kann nicht schaden, wenn wir wieder mehr Fragen stellen, uns selbst und unseren Kindern. Fragen aber kann man auch als Erwachsener nur dann stellen, wenn man Informationen nicht nur konsumiert, sondern reichlich aufnimmt und bewusst hinterfragt. So selbstverständlich wie das abendliche Ritual der Gutenachtgeschichte ist, so selbstverständlich sollten wir die Teenager nicht ohne tägliche Warumfrage ins Bett schicken. Solange der Mensch noch keine USB-Schnittstelle zur Datenübertragung hat, ist die Sprache der einzige Zugang zum Wissen, und dazu ist beides unerlässlich, dass wir Lesen können und über das Gelesene reden. Erst das reflektierte Wissen macht uns zu kritischen, unabhängigen und handlungsfähigen Menschen. Indem wir unseren Kindern nur die gewünschte Unterhaltung geben, nehmen wir ihnen ihre Zukunft. Man kann die Welt der Erwachsenen nicht allein mit guten Geschichten erklären. Irgendwann muss man aufhören, Kinderbücher anzuschauen und anfangen, Zeitung zu lesen. Die Schule kann jungen Menschen das Handwerk dazu beibringen, doch mit der Leidenschaft dafür müssen wir sie täglich selbst anstecken.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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