Foto: Johanna Angele

Über den Wolken

Es ist wieder Winterzeit, man darf etwas länger schlafen, dafür wird es auch furchtbar früh dunkel. Weil man den Garten lange nicht mehr bei Tageslicht gesehen hat, ist man am Wochenende beim Blick aus dem Fenster überrascht, wie gelb die Blätter schon geworden sind. Für Flusstalbewohner ist es eine trübe Jahreszeit, weil der Nebel auch dann den ganzen Tag liegenbleibt, wenn andere Mittelländer wenigstens nachmittags die Sonne sehen. Bis Februar ist es nun unten grau und oben blau. Die Sonne ist nicht fortgegangen, sie schläft nur ihrerseits länger und verbringt die kurzen Tage verständlicherweise lieber über der Nebeldecke. Umso schöner ist es jetzt, in die Berge zu gehen und der Sonne entgegen zu steigen. Besonders bewegend ist es dann, wenn man sich den Weg zu ihr durch den Aufstieg im Nebel verdienen muss und sich förmlich aus dem Trüben ans Licht kämpft.

Wärend man auf nassen und rutschigen Wegen Schritt für Schritt an Höhe gewinnt, umhüllt einen das feuchtkalte Grau. Und manchen auch das nackte Grauen, wenn der Anblick von allzugrosser Höhe mehr Schwindel als Berauschung auslöst. Man hat Angst, den Halt zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen. Warum nicht einfach im Tal bleiben, daheim im Kachelofen ein knisterndes Feuer anzünden oder sich in einem warmen Beizli mit einer heissen Schokolade verwöhnen? Es ist die Sonne, die lockt, das Licht und ihre Wärme sind durch nichts zu ersetzen, man muss einfach rauf auf den Berg. Ich gehöre zu jenen, die dem Nebel gerade deshalb durchaus sein Gutes abgewinnen können. Auch wenn er in den Wintermonaten hartnäckig das Sonnenlicht verschluckt, so verdeckt er eben auch den unangenehmen Blick in die Tiefe. Zusammen mit Bäumen und Büschen wirkt er auf schmalen Pfaden in steilen Hängen wie Füllmaterial im Geländer, das kleine Kinder davor bewahrt, zwischen den Stäben durchzurutschen. Der Nebel und die Wolken können einem wie ein riesiger Wattebausch Geborgenheit schenken.

Es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen wir glauben, die Balance zu verlieren. Unabhängig davon, ob es sich um die Furcht vor dem Fallen handelt oder vor dem Verlust des geistigen Halts, für beides gilt: es ist nur ein Gefühl, doch die Angst davor spürt man physisch. Vielleicht liegt es daran, dass man beim Wandern unweigerlich seinen Gedanken nachhängt, oder es ist die herbstliche Tristesse, die einem den Trübsinn in den Kopf treibt. Wenn man taumelt, hält man sich nun einmal gerne fest. Wir montieren Geländer an Treppen und wir brauchen Freunde, die uns die Hand reichen, wenn wir straucheln. So wie der Nebel zwischen dem Abgrund und uns als eine Art Polster wirkt, gibt uns die Anwesenheit von Freunden mit ihrer Anteilnahme emotionalen Halt. Wenn es brenzlig wird, sind sie uns mit ihrem Widerspruch und ihrer Zustimmung gleichermassen ein Sicherungsseil. Wenn wir diesen Halt plötzlich verlieren, stürzen wir genauso in den Abgrund, wie wenn wir auf dem schmierigen Terrain ausrutschen.

Manchmal wäre es durchaus hilfreich, weder von der einen noch der anderen Angst geplagt zu werden und ganz im Vertrauen auf die eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten alpine wie alltägliche Gratwanderungen mit Leichtigkeit meistern zu können. Es wäre ganz angenehm, würde uns alleine die Gewissheit reichen, dass über den Wolken die Sonne scheint, um zügig und heiter dem Ziel entgegen zu steigen. Andererseits haben unsere Ängste durchaus ihre Berechtigung: sie bewirken, dass wir eben gerade nicht mit dem Blick zum Himmel fröhlich plaudernd über Wurzeln stolpern und auf nassem Laub ausrutschen, sondern vorsichtig vorangehen, unsere Umwelt aufmerksam wahrnehmen und prüfen, wo wir den Fuss hinsetzen. Das gilt auch für die Pfade, auf denen wir durchs Leben wandern. Der Schmerz, wenn jemand von uns ging, der uns Halt gab und die Angst, geliebte Freunde zu verlieren, sie erinnern uns an die Demut, mit der man auch im Leben zum Gipfel streben sollte. Ihnen verdanken wir darüber hinaus die Wertschätzung für alle, die da waren, da sind und da sein werden. Eine Dankbarkeit, die ebenso wärmen kann, wie die Sonne, wenn sie uns über den Wolken in die Arme schliesst.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Ein Gedanke zu „Über den Wolken“

  1. ein Text der Lust macht auf Berge und während ich lese werde ich mitgenommen auf eine Wanderung, ich möchte meinen das Knirschen der Steine bei jedem Schritt zu hören, wie ich hinauf steige aus den Nebeln, auf die Lichtung trete und sich mir ein Blick frei gibt …. und beim Lesen geben die Worte einen Blick frei, auf etwas Existentielles, um das was es eigentlich geht… wenn der Nebel Füllmaterial wird, wenn er die Abgründe verdeckt oder die Gipfel einhüllt.

    Mir gefällt und ich zitiere:“Zusammen mit Bäumen und Büschen wirkt er auf schmalen Pfaden in steilen Hängen wie Füllmaterial im Geländer, das kleine Kinder davor bewahrt, zwischen den Stäben durchzurutschen.“ – Ende des Zitates.

    Der Text, sein Narrativ ist mehr – mehr als eine Kette von Worten, mehr als ein Transportmedium von Informationen – ich lese den Text wieder und wieder, wie wenn ich ein Musikstück höre, wenn ich dort hinein hören will, dann will ich hier hinein lesen – will spüren, was mich so einnimmt für diese Sprache, für diesen Ton – ich habe eine neue Erzählerin entdeckt, Danke.

    Gefällt 1 Person

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