Foto: Johanna Angele

Nicht aufregen!

Es gab so einiges, worüber man sich in den vergangenen Tagen hätte aufregen können. Manch einer ärgerte sich zum Beispiel ob Bärfuss‘ Empörung über die wahnsinnige Schweiz. Nimmt man alle Reaktionen zusammen, so wurde zumindest unterm Strich das Wichtigste am Ende auch gesagt. Die Polemik traf das Land allerdings etwas gar kurz vor dem Wahlwochenende, man hätte sich wenigstens das bisschen Debatte zu einem früheren Zeitpunkt sehr gewünscht. Das Timing aber bestimmten nun einmal andere, es ist bitter genug, dass sie ein Vakuum füllten. Aber man sollte sich nicht unnötig aufregen, der nächste Wahlkampf wird wieder einer mit Inhalten sein. Vier Jahre sind keine Ewigkeit. Vorerst werden uns die zweiten Wahlgänge für den Ständerat und der Bundesratswahlkampf die Wartezeit bis Weihnachten noch versüssen, oder versalzen. Die lange Nacht der Messer fängt heuer ja bereits mit dem bauernschlauen Vorschlag für einen raffinierten Kuhandel an. Immerhin das stillt den Durst der Medien.

Zugegeben, es fällt schwer, sich nicht aufzuregen. Am vergangenen Wochenende wurden die Prioritäten merklich umgeordnet. Zum Beispiel ist uns die Umwelt gerade nicht mehr so wichtig. Fukushima ist etwas länger her, nun stehen Flüchtlinge vor der Tür. Nach der Angst vor Atomkraftwerken war es nun wieder jene vor den Ausländern, die uns umtrieb und im Nacken hockte, als wir die entsprechende Liste in die Urne warfen. Vielleicht liegt es auch an der inflationären Zunahme der Initiativen, dass wir Wahlen mit Abstimmungen verwechseln und einfach zu allem Nein sagen. Wir wollen frei bleiben, deshalb heisst es nein zu Asylanten, Zuwanderung und EU-Beitritt. Nicht dass ein EU-Beitritt tatsächlich unmittelbar vor der Tür stünde, darum geht es nicht, es geht ums Prinzip. Es geht um den zweiten SVP-Sitz im Bundesrat. Jacqueline Badran hat schon recht, die SVP täte gut daran, besser vier Sitze zu fordern, weil sie die gewählten Bundesräte dann ohnehin wieder halbieren, oder sie gleich ganz aus der Partei werfen und einen neuen wollen.

Wenn es nicht gelingt, nur nicht aufregen, dann geht die SVP eben in die Opposition und fordert von dort aus das Bekenntnis zur Konkordanz von allen andern ein. Überhaupt, das neu gewählte Parlament wird schon alles richten. Immerhin können diesmal keine Wahlversprechen gebrochen werden, es gab keine. Niemand warb mit Lösungsvorschlägen für die eigene Partei, im Gegenteil, Inhalte wurden weidlich vermieden. Eine gute Taktik: die einzige Partei, die mit Inhalten überzeugen wollte, war die BDP, sie wurde dafür nicht belohnt. Bei den Grünen und Grünliberalen ist der Name schon Programm, auch sie wurden gewaltig dafür abgestraft, dass sie Farbe bekannten. Im Wahlkampf 2015 ging es nicht um Leistungsausweise einzelner Persönlichkeiten. Vielmehr wurden gerade Quereinsteiger ohne jegliche politische Erfahrung mit Glanzresultaten gewählt. Im digitalen Zeitalter ist es auch kein Argument mehr, dass man in einem Milizparlament mit einem ohnehin übermenschlichen Arbeitspensum die Aufgabe, seine Wähler in Bern zu vertreten, eigentlich gar nicht erfüllen kann.

Nur nicht aufregen, das lohnt sich nicht. Es kommt schon alles gut. Wenn es bei den drei Gewalten ein bisschen hapert, dann bleibt uns ja noch die vierte. Die Medien, sie schauen allen dreien auf die Finger und informieren den Souverän zuverlässig, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen. Damit das Volk dann eingreifen, korrigieren und notfalls verhindern kann, dass etwas schief läuft. Neuerdings sitzt diese vierte Gewalt praktischerweise auch gleich im Nationalratssaal. Während andere aus diesem twittern, posaunt der Chefredaktor vor Ort gleich sein wöchentliches Editorial in die Welt hinaus. Man mag sich damit trösten, dass immer weniger überhaupt Zeitung lesen. Es gibt keinen Grund, sich aufzuregen. Wer will, kann sich auch weiterhin gut informieren. Längst hat sich mit der Macht der vernetzten vielen eine fünfte Gewalt etabliert, welche der vierten auf die Zeilen schaut und überprüft, ob diese die drei andern ausreichend kontrolliert. Wer sich im Internetdschungel auskennt, erfährt, was hinter den Kulissen wirklich läuft. Allerdings lernt man da ebenfalls, dass auch eine andere Gruppe gern als fünfte Macht bezeichnet wird: die Lobbyisten. Aber man muss sich nicht aufregen, immerhin gibt die Grüne Lobby jetzt schon einmal reihenweise Bundeshaus-Badges ab.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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