Foto: Johanna Angele

Kommentare sind Gold wert

Parteien wie Medien lassen heuer nichts unversucht, um junge Wähler an die Urne zu locken. Eine Generation, die mit einem riesigen Informationsangebot aufgewachsen ist und sich ständig mit andern austauscht, ausgerechnet sie will auf ihr demokratisches Mitspracherecht verzichten. Vielleicht liegt es ja am aktuellen Wahlkampf, dem zuweilen Inhaltsleere vorgeworfen wird. Die immer gleichen Gesichter auf den Plakatwänden, die seit Wochen wieder Strassenränder und Vorgärten verschandeln, sind nun allerdings keine neue Erscheinung. Weiter als früher hingegen ist die multimediale Bandbreite, auf der Parteien mit lauten, bunten und schrägen Botschaften um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Nur wo und mit wem soll man sich darüber aufregen? Weil am Stammtisch keiner mehr sitzt und man im Grossraumbüro nicht debattieren soll, muss sich unsere Mitsprachelust heute andere Kanäle suchen. Laute Artikel zu bewährten Wahlkampfthemen und Klatschspalten über Hotpants, Bettgeschichten und Nacktfotos der Polit-Prominenz bieten denn auch reichlich Stoff zum Meinen, Wüten und Beklagen. Praktischerweise kann man dort auch gleich seinen Kropf leeren.

Das soziale Angebot ist derart beliebt, dass manche Medienhäuser seit längerem darüber nachdenken, wie man dem Ansturm Herr werden könnte. Tatsächlich herrscht dort ein heilloses Chaos, so mancher Moderierende ist gleichzeitig Dargebotene Hand und Auskunft, muss Blitzableiter sein und Streithähne trennen. Jeder kann alles kommentieren, niemand weiss, ob man es mit Wutbürgern und Trollen, mit Angebern oder aber einer Fachperson zu tun hat. Der Presserat hat hierzu denn auch zur Frage der Zulässigkeit von anonymen Beiträgen erwogen, dass Kommentare die öffentliche Debatten anregen sollen, Leser hätten deshalb ein Recht darauf den Urheber eines Beitrags zu kennen, weil nur so die Relevanz eines Kommentars überhaupt einschätzbar sei. Die Debatte zu ermöglichen gehört zu den Kernaufgaben der Medien, natürlich wäre es wünschenswert, wenn sie mittels Kommentarforen die verstummten Tischgespräche zumindest virtuell wieder beleben könnten. Sieht man sich allerdings vor Ort um, sucht man länger nach einer vernünftigen Debatte, als die Nacht dem Morgengrauen widersteht. Wer dennoch fündig wird, stellt bald fest, dass sich die Diskussion selten direkt auf den fraglichen Text bezieht, sondern auch ohne gezieltes Derailing schnell wieder um die ewig gleichen Themen dreht.

Die Interaktion mit den Redaktionen ist reizvoll, tatsächlich aber entsteht selten ein Austausch. Zumeist bleibt es bei unbefriedigenden Dialogen, die aus mehrheitlich selbstdarstellerischen Beiträgen bestehen, welche weder vernünftig verifiziert noch anständig diskutiert werden können. Dumme oder gar bösartige Leserkommentare sind nicht zuletzt ein Risiko für die Medien selbst, auf deren Plattformen sich die Wut entlädt. Deshalb lohnt es sich, die Beiträge sorgfältig zu moderieren, auch wenn der Aufwand dafür hoch ist. Gerade besonders hitzige Diskussionen nämlich locken die Besucher in jenen Scharen an, welche Gratistexte in reizvolle Honigtöpfe für Werbebären verwandeln. Mit dem Zuwachs an Kommentaren steigt allerdings auch der Personaleinsatz und die begehrten Werbeetats fliessen ohnehin immer öfter in verkehrsreichere Gewässer. So überrascht es wenig, wenn Medien in Erwägung ziehen, ihre eigenen Kommentarfunktionen abzuschalten und an Social-Media Plattformen auszulagern, in der Hoffnung, sie vielleicht dort auf die eine oder andere Art zu vergolden.

Warum verzichten Medien nicht einfach ganz auf Leserkommentare? Argumentiert wird gerne mit nachhaltiger Leserbindung, hilfreichem Feedback und persönlichem Austausch mit den Benutzern. Vor allem aber sind Kommentare auch Nutzungsdaten. Wer heute Erfolge vorweisen will, muss diese messbar machen, und eben dazu braucht man Daten. Medienhäuser optimieren damit ihren Mitteleinsatz und Werbekunden wollen für ihr Geld belegbare Resultate sehen. Zu ihnen gehören nebst Unternehmen auch Parteien und Verbände, die gerne viel Aufmerksamkeit erregen. Inhalte sind viel zu kompliziert, das gilt nicht nur für die Jungen. Was zählt sind Lautstärke und viel Aufhebens, beides gelingt am Besten wenn sich ihre bunten Beiträge durch Teilen und Liken rasch verbreiten. Dass wir ihnen dabei auch gleich noch die Datenspuren mitliefern, ist natürlich praktisch. Viel Lärm um nichts – nie war der Wahlkampf in dieser Hinsicht optimierter. Eine Debatte? Niemand will eine Debatte, allein das Wort klingt altmodisch. Finden Sie nicht? Ihnen und jenen, die ihre Daten lieber nicht verschenken, sei die NZZ auf Papier empfohlen: seit ihrer Neugestaltung bietet sie viel leeren Platz für Notizen und Kommentare. Wer noch echte Debatten mit Freunden und Bekannten führt, weiss das sicher zu schätzen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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