Foto: Johanna Angele

Eine Frage der Fangmethode

Massgeschneidertes wird wieder vermehrt begehrt. Es gilt, sich von der Meute abzugrenzen, um nicht in ihr unterzugehen. Vor dem Ertrinken in der Informationsflut rettet uns nur die rigorose Selektion. Was früher bieder schien, ist heute trendy: Oma las noch Reader’s Digest, heute sind wir es, die Kuratiertes konsumieren. Wer hat schon Zeit, sich stundenlang durch die ballasthaltige Tagespresse zu kauen, fürs allmorgentliche Newsmüesli reichen zwanzig Minuten. Auch Leichtes liegt im Trend. Werbebeeinflusst finden wir Geiz längst geil, folglich wird das Abonnement gekündigt und man liest das Gewünschte kostenlos im Internet. Wir haben gelernt, unternehmerisch zu denken: Kosten sparen und Effizienz steigern. Beim Fischfang auf hoher See führt genau dieses Denken allerdings zu erheblichem Beifang, was mittlerweile nebst der Überfischung als Folge des massentrendigen Fischkonsums das Überleben zahlreicher Fischarten bedroht. Während das Vermeiden von ungewolltem Beifang folglich Meerestiere vor dem Aussterben retten könnte, wirkt sich die beifanglose Informationsbeschaffung hingegen zunehmend bestandesgefährdend auf unsere Informiertheit aus.

Täglich saugen wir nun das globale Newsprogramm aus ordentlichen Steckdosen, doch weil diese den Kabelsalat dahinter verdecken, weiss keiner mehr, welcher Leitungsdraht denn nun geerdet ist. Wir verlieren im vermeintlichen Überblick die Übersicht, weil uns das Verständnis für die Zusammenhänge abhandenkommt. Vor lauter Rosinenpicken weiss man nicht, ob man sie aus einem Gugelhupf gezupft, aus dem Birchermus gefischt oder gar einem Grittibänz die Augen herausgeklaubt hat. Früher sagte man Männern einen Tunnelblick nach, heute haben ihn auch Frauen. Man hat ihn uns antrainiert und nennt das heute Fokussieren. Besonders effektiv wirkt es im Zusammenspiel mit andern arbeitsorganisatorischen Maximen, die sich im Laufe eines Berufslebens in unseren Köpfen eingenistet haben: man muss Prioritäten setzen, auf Eisenhower hören und kann sich nach dem Paretoprinzip getrost das letzte Fünftel Aufwand sparen. Mit Mut zur Lücke ist der Weg das Ziel, Hauptsache, man hat einen Aktionsplan. Die Arbeit, uns Ziele zu setzen, den eigenen und ganz persönlichen Pfad zu gehen, hat man uns längst abgenommen, wir haben sie ausgelagert. Auch das haben wir vom Chef gelernt: Outsourcing spart Kosten und erlaubt das Fokussieren auf die Kernkompetenzen. Wir wissen selbst am besten, was wissen müssen.

Wissen wir das? Als die NZZ ihr Briefing lancierte, stand da: Was Sie heute wissen müssen. Wie praktisch, man liest und ist informiert, die Muss-Kriterien sind erfüllt, wer hat schon Zeit fürs Optionale. Nur, woher wissen die denn, was ich heute wissen muss? Von Swisscom können die Informationen auch bei Ringier-Produkten noch nicht sein. Haben wir einen heimlichen Zusammenschluss der NZZ mit Google verpasst? Immerhin, etwas bescheidener sind sie bei der NZZ in der Zwischenzeit geworden, nun briefen sie den Leser mit dem, was heute wichtig ist. Aus der regelmässigen Aktualisierung muss man schliessen, dass es auch dringend ist, folglich können wir alles andere getrost delegieren, prokrastinieren oder ignorieren. Jedenfalls dann, wenn wir tatsächlich wissen, was wir wissen müssen. Was zumindest der geneigte Leser weiss: er verlässt sich auf eine fremde Selektion. NZZ-Selekt macht diese Tatsache sogar im Namen transparent und auch bei Niuws ist klar, von wem die Neuigkeiten handverlesen sind. Bei Nuzzel ist es eher wie früher: was wir erfahren hängt von der Wahl der Freunde ab.

Damit wir finden, was wir suchen, muss draufstehn, was drinsteht. So schärft nun auch die NZZ ihr Profil und nennt neuerdings FDP, was bislang wie-auch-immer-liberal umschrieben wurde, bei der Weltwoche kennt man die Partei dahinter auch ohne deren Nennung. Wir wählen seit jeher mit der Plattform auch den Selektor. Was also hat sich mit dem schönen neuen Netz denn nun geändert? Wir wollten selektiver lesen und teuren Beifang vermeiden. Nun ist die Artenvielfalt im Beifang zwar kleiner geworden, dafür vertrödeln wir die Zeit, die uns zu kostbar schien fürs Lesen der Tagespresse, mit endlosem Antippen von immer neuen Links zu Cat Content, Sex und Crime in bewegten Bildern. Effizienter sind wir dabei keineswegs geworden, wir nehmen mit der Wahl des Netzes nun einfach anderen Beifang auf. Wer diesen ernsthaft vermeiden will, muss die Fangmethode anpassen und auf Grundfangnetze verzichten. Nebst Slow- und Bio-Food wäre Angeln doch ein zeitgemässer Trend. Der Beifang, der dabei nämlich übrig bleibt, lässt sich entweder unversehrt zurück ins Wasser werfen oder als zusätzliche Beute sinnvoll verwerten.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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