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Ernst mit Emanzipation

Frauen sollen nun also gleich lange arbeiten wie Männer. Karin Keller-Sutter erinnerte in der Ständeratsdebatte daran, dass das Frauenrentenalter bereits bei der Einführung der AHV bei 65 gelegen habe, es sei erst später gesenkt worden, in der Zeit des klassischen Ernährer-Modells. Genauer: 1957 auf 63, 1964 auf 62. Im neuen Jahrtausend folgte dann allerdings die Trendumkehr: 2001 hob man es wieder an auf 63, 2005 auf 64. Die Gegner der nun im Ständerat beschlossenen Anpassung zurück auf 65 führen denn auch keine wirklichen Argumente mehr an, vielmehr wollen sie das eine Jahr als letztes Pfand behalten, um es gegen Lohnungleichheit und die kinderbetreuungsbedingt schlechtere Vorsorgesituation der Frauen einzusetzen. Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer, ob es nun fünf oder zwanzig Prozent sind, in der Tendenz stimmt es, und es ist nicht akzeptabel. Die viel wesentlichere Frage allerdings lautet: ist das klassische Ernährer-Modell tatsächlich überholt?

Weit über 80% der Frauen mit Kindern arbeiten nicht oder nur teilweise, drei Viertel von ihnen weniger als 50%. Nur knapp 60% der Frauen haben eine zweite Säule, bei den Männern sind es fast 90%. Natürlich, da ist die Doppelbelastung, aber auch das Risiko, nach einer Scheidung die Belastung des Alleinerziehens tragen zu müssen, womöglich auf Sozialhilfe angewiesen zu sein oder im Alter arm zu werden. Frauen finden nach der Babypause oft nur schwer zurück ins Berufsleben, die meisten verzichten ganz auf eine Karriere. Auch ohne Kinder ist der Weg an die Spitze für Frauen heute zwar möglich, aber nach wie vor steiniger als für Männer. Wer die Risiken vernünftig abwägt, geht sie gar nicht erst ein und bleibt im Erwerbsprozess, arbeitet mit möglichst wenig Unterbrüchen Vollzeit und verhindert eine Abhängigkeit, bevor sie überhaupt entstehen kann. Mit der Vernunft allerdings hat es die Frau ja bekanntlich nicht so. Der Mann übrigens auch nicht, denn beinahe jeder zweite wird sich dereinst auf ein Dasein als Zahlvater einstellen müssen. Auch in seinem Fall wäre es vernünftiger, sich von Anfang an der Familienarbeit zu beteiligen. Eine Scheidung wird ihn deutlich weniger kosten, wenn er bereits vorher mit seiner Partnerin das Wechselmodell praktiziert.

Seit Jahrzehnten wird an allen möglichen Schrauben gedreht, um eine Lösung für das Abhängigkeits- und Betreuungsproblem zu finden. Es wird für Krippen und Mittagstische gekämpft, um Namen gerungen, gegen Quoten gewettert und um die Individualbesteuerung getigert, doch nach wie vor hält sich das Ernährermodell hartnäckig in den Köpfen der Männer und Frauen, ist der Rollentausch gar häufiger als die paritätische Aufgabenteilung. Das aber liegt nicht nur an den Unternehmen, Gesetzen und Infrastrukturen, sondern auch am Willen der Frauen und Männer selbst. Während Politik und Medien das Thema Gleichstellung zwar noch am Köcheln halten, haben trotz nach wie vor ungelöster Probleme immer mehr genug von Genderdebatten. Die Gleichberechtigung ist umgesetzt, Emmas Schnee von gestern, abgesehen von zeitweiligen netzfeministischen Hypes ist das Thema erledigt – das finden vor allem immer mehr junge Frauen. Dann heiraten sie, nehmen als Zeichen der Verbundenheit seinen Namen an und hängen ihren Job an den Nagel, um sich erst einmal ausschliesslich um die Kinder zu kümmern.

Heute sind es die Frauen, nicht mehr die Männer, die sich von ihren Privilegien partout nicht verabschieden wollen. Dabei geht gerne vergessen, dass sie gerade mal eine Generation von Mitteleuropäerinnen nur deshalb geniessen durfte, weil ihre Männer es sich leisten konnten. Früher arbeiteten Frauen auf dem Feld, im Familienbetrieb und verrichteten eine Hausarbeit, die ohne elektrische Küchengeräte, zuverlässige Infrastruktur und lückenlosem Dienstleistungsangebot wahrlich einem Tagwerk entsprach. Die Feministinnen haben für Gleichberechtigung gekämpft und ihre Ziele erreicht. Was übrig bleibt, sind die Pflichten, die noch nicht gerecht verteilt sind. Man mag von Gender und Quoten nichts mehr hören wollen, doch die Emanzipation ist alles andere als erledigt. Das lateinische Wort mancipium bezeichnet eine Leibeigenschaft, welche Sklaven, Frauen und Söhne betraf. Wurden diese in die Freiheit verabschiedet, war das die Emanzipation. Freiheit aber heisst auch Eigenverantwortung. Für Söhne bedeutet es, das Hotel Mama zu verlassen und nicht einfach bei einer andern Mutter einzuziehen. Frauen sollten ihrerseits dann aber auch keine Hotelbetriebe führen, es sei denn, die Gäste zahlen und gehören nicht zur Familie.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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