Bild: Johanna Angele

Einsiedelei

Wie laut der alltägliche Zivilisationslärm tatsächlich ist, merkt man dann, wenn man ihm entkommt. Abseits der Ballungszentren und Verkehrsadern ist dann nämlich plötzlich nichts mehr zu hören. Nichts. Es herrscht absolute Stille. Erst nach einiger Zeit lernt das ständig überforderte Ohr wieder, leisere und feinere Töne wahrzunehmen. Zuerst sind es gurrende Wildtauben im nahen Gebüsch oder bellende Hunde in der Ferne, dann Grillen und Vögel in immer neuen Stimmen. Eine Art Naturkonzert frei nach Ravels Bolero. Irgendwann rascheln Mäuse im Laub, Eidechsen krabbeln übers Holz und Siebenschläfer werden wach. Nach ein paar Tagen liegt sogar das vielfältige Summen von allerlei Insekten drin, oder es knacken Äste im Wald, wenn ein Tier aus Versehen auf morsches Holz tritt. Das klingt nachts bei Wildschweinen anders als wenn tagsüber Rehe unterwegs sind, und halbverfaulte Äste übernehmen perkussionistisch nicht dieselbe Funktion wie trockene Zweige. Auch entlockt der Wind Laubbäumen und Nadelhölzern unterschiedliche Töne, nicht einmal der Regen rauscht stets gleich.

Unsere von der ständigen Reizüberflutung abgestumpften Organe müssen sich erst wieder an die Abwesenheit von Lärm gewöhnen. Der urbane Alltag hinterlässt eine Taubheit, man fühlt sich, wie wenn man aus dem Nachtklub kommt und das lästige Pfeifen in den Ohren bis zum Morgengrauen nicht mehr los wird. Dann aber schärfen sich die Sinne langsam, stellen ihre Antennen feiner ein und beginnen, wieder mehr wahrzunehmen. Auch die Nase erholt sich von der Dufttrunkenheit. Im Laufe des Tages ziehen nun die Gerüche von feuchter Erde, sonnenwarmen Brombeeren und salziger Meeresluft vorbei. Das Menu ist gewürzt mit trockenem Gras, weichem Harz, allerlei Blüten und reifen Früchten. Wie künstlich riecht dagegen das parfümierte Shampoo, der Duft von Gekochtem wirkt geradezu aufdringlich und von Fertigprodukten will man für immer Abstand halten. Der salz-, zucker- und gluttamattaube Geschmackssinn hat seine ursprünglichen Fähigkeiten wiedererlangt: die Melone betört allein mit ihrer Sommerreife und das Gemüse schmeckt so wie es heisst.

Ich habe mich oft gefragt, was Einsiedler in ihren Höhlen, Hütten und Nischen suchten und ganz offensichtlich fanden. Der Glaube war mir als einzige Antwort darauf immer etwas zu abstrakt. Nicht selten flohen sie aus Verzweiflung über die Welt und ihre Bewohner in Wälder und Berge, das ist gerade heute leicht nachvollziehbar. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass sie im Mittelalter weder vor Autolärm noch Strassenparties flohen, so haben wohl auch sie die Erfahrung gemacht, dass der Rhythmus im städtischen Gedränge ein anderer ist als in der Weite der Natur. Sie zwingt einem früher oder später ihren Takt auf, und man wird Teil von ihr, steht mit der Sonne auf und geht zu Bett, wenn es einem kalt wird. Man fügt sich dem Wetter, den Gezeiten und den Launen von Wind und Wellen. All das beginnt einen zu tragen und man wird Teil dieses Orchesters. Dabei fühlt man sich weder gestossen noch gezogen, man übernimmt ohne Mühe einfach das Tempo, lässt los. Es ist ein bisschen wie fliegen, und irgendwann steht die Zeit still, weil man mit ihr fliesst.

Es ist die innere Ruhe, die nun einkehrt. Das ist es wohl auch, was Leben im Einklang mit der Natur bedeutet. Doch es kommt der Tag, an dem man wieder aufbrechen muss, zurück in den Lärm und ins hämmernde Leben gedrängt wird. Weshalb lassen wir uns vom Lauf der Sonne und den Launen des Wetters ruhig fremdbestimmen, wo wir doch eben noch unter dem zivilisierten Diktat von Pünktlichkeit und Lieferterminen litten? Warum schätzen wir den stillen Takt der Natur und können uns von ihm tragen lassen, während uns der laute Puls der Stadt ständig treibt und hetzt? Natürlich, wir machen Ferien, erholen uns von der schieren Menge an Reizen, Möglichkeiten und Notwendigkeiten im Alltag. Vor allem aber lädt uns die Natur ein, in ihrem Orchester mitzuspielen, die Stadt hingegen herrscht uns an, gefälligst mitzumachen. Für einmal schweigen die Marktschreier, die Aufmerksamkeitssüchtigen und die Rücksichtslosen, die auf sämtlichen Kanälen und an allen Orten dauernd etwas von uns fordern. Würden sie uns wie die Vögel, der Wind und das Meer freundlich bitten, statt über uns zu bestimmen, wer weiss, vielleicht wären wir dann auch im Alltag etwas gelassener.

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s