Foto: Johanna Angele

Ferienandenken

Es gibt Orte, an denen bestimmte Dinge besser schmecken als daheim, Veltliner in den Bergen zum Beispiel, das regionale Bier im Schatten der Kathedrale oder Muscheln am Meer. All das eignet sich nicht als Souvenir. Ohne Bergpanorama und Wintersonne verliert der Gipfelwein die Kraft, so sehr das Bier am Bistrotisch noch mundete, zu Hause wirkt es fad und abgestanden, und beim Miesmuschelessen ohne Meeresrauschen fehlt dem Gericht das Salz. Ähnlich verhält es sich mit allerlei Trouvaillen, die man im bunten Markttreiben unwiderstehlich fand und von denen man sich für den Rest des Urlaubs nicht mehr trennen konnte. Daheim wollen sich dann beim besten Willen keine Gelegenheiten mehr finden, zu denen sie passen würden. So sehr wir uns das wünschen, man kann vom Urlaub kein Stück mit nach Hause tragen. Umso mehr muss man ihn vor Ort geniessen, denn ausser der Erholung und unseren Erinnerungen wird nach der Heimkehr nicht mehr viel von ihm übrig bleiben, was uns einigermassen nachhaltig Freude bereitet.

Es gibt aber auch Dinge, die man nicht daheim, sondern gerade in den Ferien besonders vermisst. Für einige gehören gar das gewohnte Essen oder die heimischen Sitten und Gebräuche dazu. Wohin auch immer sie fahren, sie nehmen von der Milch bis zum Kissen alles von zu Hause mit, was ihnen lieb und teuer ist. Es sei ihnen gegönnt, wenn sie den Urlaub dann wenigstens gutgelaunt geniessen können. Anderen fehlen ihre Haustiere oder sie vermissen die Daheimgebliebenen. Besonders schmerzhaft aber kann die Abwesenheit jener sein, mit denen man weit weg von zu Hause viel erlebt, gelacht, geredet und überstanden hat, und deren Stuhl nach all der Zeit nun leer bleibt. Sie fehlen, weil sie Spuren hinterlassen haben. Es mag die Art und Weise sein, wann und wie gepackt wird, welche Route man wählt oder wo man unterwegs rastet. Im Ferienhaus ist es ein Tisch, den man zusammen gezimmert hat, oder eine Schachtel mit Schrauben, auf der in ihrer Handschrift der Hinweis auf den Inhalt steht. Man kauft noch immer dieses eine Brot im gewohnten Laden, selbst wenn es niemand mehr wirklich mag und der Bäcker längst ein anderer ist.

Der Tisch wackelt seit Jahren, reparieren lässt er sich mit den verbliebenen zwei rostigen Schrauben kaum mehr, trotzdem wurde er noch immer nicht ersetzt. Hat man sich früher über starre Traditionen noch so aufgeregt, wenn jene fehlen, die sie begründet und etabliert haben, wird offenkundig, wie sehr man sie über all die Jahre dennoch verinnerlicht hat. Unabhängig von ihrer Effizienz oder weiteren Gültigkeit sind leidige Routinen mit der Zeit zu liebgewonnenen Ritualen geworden. Sie geben uns Halt und vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, was uns oft gerade in der Fremde wichtiger ist, als wir zugeben würden. Es kann sogar vorkommen, dass man auf durchaus berechtigte Einwände mittlerweile selbst überraschend empfindlich reagiert. So mancher Urlaubskrach liesse sich wohl vermeiden, wüsste man um die stille Anwesenheit all jener, die unser Tun oft über Jahrzehnte unbemerkt geprägt haben.

Der Mensch lässt zuweilen einen Teil seiner Seele an Orten zurück, an denen er gerne, oft oder lange war. So hat es jemand, der seinerseits Spuren hinterlassen hat, trefflich beschrieben. Nicht dass sie überall herumgeistern, es sind vielmehr ihre Gestik, ihre ureigenen Geräusche, es ist ihr Lachen und die Stimme, an die wir uns an bestimmten Orten so deutlich erinnern, dass wir sie gelegentlich tatsächlich sehen und hören. Daheim haben die ständig optimierten Alltagsroutinen längst alles andere verdrängt, dort ist kein Platz mehr für die transparenten Seelenteile, die sich gelegentlich aus ihren Verstecken wagen und leise zum Rechten schauen. In den Ferien aber läuft die Zeit zumindest dann etwas langsamer, wenn man sie nicht mit demselben Stress überfrachtet, vor dem man eigentlich fliehen wollte. So bekommen die Gedanken an Abwesende endlich ihren Freiraum und es kann sein, dass jemand seinen Platz am Tisch für einen kurzen Moment wieder einnimmt und uns zulächelt. Wären wir nicht ständig mit uns selbst beschäftigt, würden sie das vielleicht auch daheim gelegentlich tun. Eine Erkenntnis, die sich im Gegensatz zu manch anderem Andenken sehr gut mit nach Hause nehmen lässt.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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