Foto: Johanna Angele

Ein Kaktus für die Bartfrage

Friedlich plaudert man in der Kantine beim Salatlunch mit der Freundin, spiesst gerade vorsichtig eine Cherrytomate auf, da erscheint an der Tischkante ein schwarzer Hosenbund. Der Blick wandert über Hemd und Krawatte zum Gesicht, es ist ihr Chef. Ohne Gruss und Pardon fragt er der Kollegin so lange Löcher in den Bauch, bis sie schliesslich aufsteht, sich entschuldigt und mit ihm geht, um sein Problem zu lösen. Es ist kein Zufall, dass er niedere Aufgaben ausgerechnet an die Frau im Team delegiert: er will ihr sagen, wo der Hammer hängt – um es in seinem Jargon auszudrücken. Nie hätte er männliche Führungskräfte beim Essen wegen einer Lappalie angesprochen, sondern versucht, auf seine Fragen selbst eine Antwort zu finden. Alles andere brächte ihm den Ruf ein, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Männer tragen ihre innerbetrieblichen Stellungskämpfe selten leise aus, auch an Diskriminierungslärm und Quotengeschrei haben wir uns gewöhnt. Beide Lager aber kreuzen ihre Klingen in Wahrheit unbemerkt hinter den Kulissen, wo der eigentliche Geschlechterkampf um Macht und Hierarchien in aller Stille ausgefochten wird.

Wer Frauen seine maskuline Überlegenheit ausgerechnet mit Unselbständigkeit beweisen will, hat es auch in Männerhierarchien schwer. Autorität wurde ihm nicht in die Wiege gelegt und mit seiner Unbeholfenheit weckt er tatsächlich Mutterinstinkte. Karrierefördernd ist die Hilfsbereitschaft allerdings nicht, allzu rasch bleibt man bei diesem Chef in seiner Rangordnung gefangen. Handfester wird das gemischtgeschlechtliche Ränkespiel, wenn Männer mit ihren wahren Trümpfen prahlen. Auch unter sich geben sie mit Statussymbolen an, doch gegenüber Frauen geht es nicht um grosse Autos, teure Boote und das schöne Haus, sondern immer häufiger um Bärte. Deshalb ist der Bart nicht tot, im Gegenteil, er boomt. Weder Conchita Wurst noch unappetitliche Fakten vermögen dem hartnäckigen Trend ein Ende zu setzen. Noch vor ein paar Jahren galt die Regel eisern, in Hemd und Krawatte erscheint man im Büro sauber rasiert. Erst trugen ihn denn auch nur junge Wilde, dann die breite Masse, nun ist die Barttracht in der Chefetage angekommen. Nach jeden Ferien tauchen neue auf, und stets kommt prompt die Frage: wie gefällt er Dir? Sie wird Frauen allerdings nicht deshalb gestellt, weil ihr Stilurteil interessiert, es handelt sich auch nicht um eine echte Frage, sondern steht für die triumphierende Feststellung: ich hab etwas, was Du nicht hast – damit ist die Hackordnung geklärt.

Welche Antwort sie auch immer gibt, das Spiel geht in jedem Fall verloren. Zur Auswahl stehen nur noch Kapitulation oder ein zäher Stellungskrieg. Instinktiv wird sie es erst einmal mit Deeskalation versuchen und höflich fragen, ob der Bart denn seiner Frau gefalle. Eigentlich wäre das die richtige Antwort, denn da gehört die Frage hin, nach Hause, ins Private. Das aber mag für Friedenszeiten gelten, auf dem Schlachtfeld wird gern schweres Geschütz aufgefahren. Genüsslich schildert er, welch zeitaufwändige Pflege er seiner Bartpracht angedeihen lässt. Vor zu viel Beschäftigung mit sich selbst wurde früher schon gewarnt. Macht sie ihm nun ein Kompliment, ruft er Schach! Die Anerkennung der fachlichen Leistung ist jetzt ernsthaft in Gefahr, die Beförderung nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Die Bartfrage wird wieder kommen, das Schach matt! hat er schon auf den Lippen. Er kann es nämlich noch bunter treiben, und sich den Bart färben. Das Thema wär schon beim Lunch mit der Kollegin prekär, aber hat eine Frau jemals einen Bürokollegen gefragt, ob ihm ihre Intimfrisur gefällt? Man würde es ihr als Grenzüberschreitung auslegen und den Vorfall bei der zuständigen Stelle für Genderissues melden.

Natürlich könnte sie sich mit Klagen über das schmerzhafte Entfernen eines Damenbarts wehren, oder ihm zur Reduktion des Pflegeaufwands einfach die Rasur empfehlen. Dann wäre man zwar quitt, doch hätte damit auch den totalen Krieg samt neuem Feind fürs Leben. Der Frau fehlt ohne Bart nun einmal nichts, er hat im beruflichen Kontext schlicht keine Relevanz. Deshalb herrscht im Büroalltag zwischen den Geschlechtern erst dann Frieden, wenn kein Kollege mehr Fragen stellt, die er besser allein oder daheim mit seiner Gattin klärt. Bis dahin ist gut beraten, wer sich an die Erkenntnis hält, dass man weder über Geschmack noch Farben streiten kann. Keine Gefahr droht übrigens von jenen, deren Macht auf Kompetenz und natürlicher Autorität beruht. Sie erledigen ihre Arbeit stets souverän und sind sich auch für Kleinarbeit nie zu schade. Diese Männer wissen selbst, was ihnen zu Gesicht steht, und bleiben konsequent dabei. Es müsste halt nur mehr von ihnen geben.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Ein Gedanke zu „Ein Kaktus für die Bartfrage“

  1. „Ich trage einen Kinn- und Schnurrbart, rasiere mir aber die Wangen. […] Ich trage diesen Bart nicht aus den Gründen, die man üblicherweise dafür angibt, wie empfindliche Haut oder Schmerzen beim Rasieren, auch nicht zu dem heimlichen Zweck, ein fliehendes Kinn zu verbergen, sondern zur blossen und schamlosen Dekoration, ganz wie ein Pfau sich an seinem Rad erfreut. Und schliesslich ist ein Bart heutzutage das einzige, was eine Frau nicht besser hinkriegt als ein Mann, und wenn doch, kann sie mit Applaus nur in einem Zirkus rechnen.“ (aus: John Steinbeck: Die Reise mit Charlie)

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