Foto: Johanna Angele

Schall und Rauch

Es war bereits beim Aufstehen warm und duftete nach Sommer. Am frühen Morgen schon hingen Schweizerflaggen aus währschaftem Fahnentuch an den Fassaden. Drinnen lagen Lampions und Papiergirlanden bereit und draussen auf dem Frühstückstisch stand ein Korb mit 1.-August-Weggen. Der Tag versprach so manchen Kinderwunsch zu erfüllen, man war dankbar für die Aufregung am Ende der langen Sommerferien. Ganz nebenbei wurde der Nationalfeiertag auch für Bildung und Erziehung genutzt: die Schweizerfahne ist quadratisch, die Arme des Kreuzes sind ein Sechstel länger als breit. Während man die dünnen Stäbe der Fähnchen vorsichtig in den Boden steckte, wurden die Kantonswappen abgefragt. Wenn alles sass, kamen die Flaggen der Nachbarländer dran. Jedes Jahr wurden Radius und Horizont erweitert und die Fragen anspruchsvoller. Bis Mittag hingen Girlanden und Lampions, noch ohne Kerzen, Wachs schmilzt in der Sonne – es wurde wirklich kein Wissen ausgelassen. Auch nicht die frühzeitige Ermahnung, dass die Lampions dann nach dem Erlöschen der Kerzen sofort vorsichtig zusammengefaltet werden müssen, bevor sie in der Nacht feucht werden. Man verwendete jedes Jahr dieselben, sie waren kostbar und die Wegwerfgesellschaft noch in weiter Ferne. Der Nachmittag bot Gelegenheit, wahlweise als Winkelried oder Tell Radau zu machen und Erwachsenen aus dem Weg zu gehen. Die nämlich schrieben entweder Reden fertig, deckten Tische, probten mit dem Chor oder wollten auf einem Liegestuhl im Schatten ihre Ruhe haben.

Der Höhepunkt des Tages war denn auch der Abend: man durfte nochmals richtig lange aufbleiben, was angesichts des nahenden Ferienendes seinen besonderen Reiz hatte. Waren Auftritte und andere Pflichten im Dorf absolviert, gab es eine Wurst, und danach eine Fülle von Freuden, die Kinderherzen höher schlagen liessen: Fackeln, brennende Lampions und Höhenfeuer im Dorf und auf dem nahen Hügel, bengalische Zündhölzer, speiende Vulkane und zischende Sonnen mit Freunden im Garten. Endlich leuchteten die Kinderaugen. Nur der Bärri vom Nachbarshof mochte das alles nicht so gern. Er, der fast immer draussen war, wurde ausgerechnet an einem warmen Sommerabend eingesperrt, weil er die Knallerei nicht ertrug. Heute ist es nicht selten noch tiefster Juli, wenn die ersten Witzbolde bereits ihre Heuler und Knaller ablassen. Wer sich um den Nationalfeiertag herum mit Nachbarn unterhält, lernt die Schattenseiten dieses Anlasses kennen. Pferdebesitzer schlafen mit ihren Tieren im Stall, weil man sie in dieser Nacht nicht alleine lassen kann, Kühe leiden, Hunde winseln und Katzen kauern stundenlang verstört in einer Ecke.

Der knallende Feuerwerkslärm ist normal geworden, hat über die Jahre ständig zugenommen und sich bereits bis in die Sylvesternacht ausgebreitet. Dabei wurden die Raketen stets mehr und obendrein auch immer grösser, lauter und gefährlicher. Wer das steuerfinanzierte Feuerwerk der Gemeinde geniessen will, muss heute hoch hinauf, um dem dicken Rauch zu entkommen und überhaupt etwas zu erkennen. Am nächsten Morgen sammelt man nicht nur die eigenen abgebrannten Vulkane ein, sondern Dutzende kleine und grosse Holzstäbchen, die auf Ästen, Wiesen, Fenstersimsen und Gartenmöbeln herumliegen. Verkohlte und geschmolzene Reste von imposanten pyrotechnischen Prestigeobjekten starren einen aus Wiesen und von Strassenrändern an, Bierflaschen, Becher und Wurstpapier liegen überall im Gebüsch. Die Kinder sind erwachsen geworden, es braucht mehr als ein paar Wunderkerzen, um ihre Augen noch zum Glänzen zu bringen.

Als nach dem Ferienende einmal mitten in der Nacht plötzlich ein lautes Knallen zu vernehmen war, glaubte ich zuerst an Schüsse. Ganz offensichtlich ging es auch den Nachbarn so, denn zehn Minuten später machte sich eine Gruppe im Quartier auf die Suche nach der Lärmquelle. Da sass eine junge Familie versammelt und schickte eine Rakete nach der anderen in den Himmel. Die Kinder wären krank gewesen am 1. August, jetzt feiere man nach. Es war Sonntag, elf Uhr nachts. Das Verständnis der Anwohner, zum Teil im Pyjama, hielt sich in Grenzen. Von den einstigen Inhalten hat sich der Nationalfeiertag mittlerweile ebenso weit emanzipiert, wie lange vor ihm die religiösen Feiertage. Es wird nicht mehr etwas gefeiert, sondern nur noch gefeiert. Aus Festen sind Events geworden, sinnentleert, kommerzialisiert und lärmig. Dabei wären wir nun alt genug, den Sinn der Ansprachen zu verstehen, miteinander über das Land, die Demokratie und die Gesellschaft zu diskutieren. Doch jetzt, wo wir erwachsen sind, ist es am Tisch zu laut geworden für ein Gespräch.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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