Foto: Johanna Angele

Hotpants im Sommerhoch

Wenn es heiss wird, fallen die Hüllen. Wohin man schaut, überall erblickt man nackte Haut, auf Plätzen und Strassen, in Büros und Zügen. Es ist wieder Zeit für Diskussionen über Geschmack, Stil und Anstand. Wer darf kurze Hosen anziehen, was ist von Strümpfen in offenen Schuhen zu halten und warum tragen Männer immer noch keine Röcke? Während sich die einen über hübsche Anblicke freuen, echauffieren sich andere über nackte Bäuche und weisse Beine. Weil die Ansichten dazu so vielfältig sind wie die Anblicke, werden auch bei der Sommergarderobe Genderfragen rasch zu Glaubenskriegen. Hotpants und Nippel eignen sich vortrefflich für seichte Pseudodebatten. Diese lassen sich noch dazu wirksam bebildern, im Kontext von Schule oder Social Media diskutieren und mit Sexismusvorwürfen würzen. Auch sprechen die Themen Frauen und Männer mehrerer Generationen an, was sich angesichts der ferienabwesenheitsbedingt reduzierten Leserschaft durchaus auszahlt. Betroffene verteidigen ihre Kleiderwahl, Lehrpersonen ihre Beschlüsse und Eltern ihre Erziehungsgrundsätze. Praktischerweise können sich auch anerkannte wie selbsternannte Stilexperten, situativ gesellschaftskritische Lifestyle-Journalisten und Vertreter sowohl der Feminismus- als auch der Antifeminismusfraktion mehr oder weniger originell und kompetent zu Wort melden.

Das Beste an der Hotpants- und Nippeldiskussion ist allerdings, dass jeder eine Meinung dazu hat und es nie einen Konsens geben wird. Stoff für mehrere Wochen, im übertragenen Sinn nicht zu knapp, jederzeit aufwärmbar, wenn es mal abkühlen sollte. Weil sich über Geschmack nicht sreiten lässt, kann man wunderbar darüber reden. Und das sollte man auch, denn hinter dem scheinbar sommerleichten Geplauder verbergen sich gehaltvolle Fragen. Wie kommt es, dass Frauen sich derart darüber aufregen, dass sie keine Hotpants tragen oder gar ihre Nippel nicht zeigen dürfen? Weil man weibliche Nippel nicht posten darf, fotoshoppen Frauen männliche über ihre eigenen und zeigen sich der Welt mit nackter Brust. Es ist noch nicht allzu lange her, da galt es als sexistisch, wenn sich Männer solche Bilder anschauten, jetzt ist es sexistisch, wenn Frauen sie nicht zeigen dürfen. Dazwischen liegen eingeführte und teilweise bereits wieder abgeschaffte Gleichstellungsbüros, eine Generation, die statt echter Fussballbildchen digitale Nacktfotos austauschte und ein paar prominente Selfieskandale.

Diskriminierend ist nicht mehr, wenn Frauen nach ihrem Körper und Männer aufgrund ihres Könnens beurteilt werden, sondern wenn Männer sich nackt zeigen dürfen und Frauen nicht. Das könnte ein Klagen auf hohem Niveau sein, wenn denn niemand mehr auch nur im Entferntesten auf die Idee käme, eine Frau anders darzustellen als einen Mann. Noch aber gibt es diesbezüglich ein paar Pendenzen. In einer komplexen und globalisierten Welt gibt es kein richtig oder falsch, sondern eine Fülle von Wahrheiten, die alle unter bestimmten Umständen zutreffen. Es stimmt eben beides, Frauen wollen sich nackt zeigen, aber Frauen wollen nicht, dass Männer Nacktbilder von ihnen anglotzen. Es stimmt auch, dass Frauen lieber daheim bei den Kindern sind, als einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Aber es stimmt auch, dass Frauen lieber einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, als daheim zu den Kindern zu schauen. Weil es Frauen gibt, die das eine wollen, und andere, die das nicht wollen, und solche, die je nach Situation und Lebensabschnitt anderer Meinung sind. Genauso wie es Männer gibt, die Teilzeit arbeiten, und solche, die daheim erst erscheinen, wenn es nichts mehr zu tun gibt, jene, die bestimmt nie heiraten werden und andere, die unbedingt eine Familie gründen wollen. Auch ihre Einstellung ändert sich gelegentlich im Laufe des Lebens und im Wandel von Beziehungen.

Man kann Genderfragen heute nicht mehr im Binärmodus diskutieren, die Geschlechter haben sich durcheinander dividiert und miteinander multipliziert. Zwischen Macho und Hausfrau gibt es heute eine stufenlose Unendlichkeit an Genderfarben, in der Folge muss auch die Diskussion dazu bunter und vor allem differenzierter werden. Es ist schön, in Hotpants gut auszusehen, aber es ist unschön, wenn man deshalb darauf reduziert wird. Die Genderdebatte rund um Hotpants und Nippel ist eine Gelegenheit, mit jungen Frauen zu diskutieren, was wann wie wirkt und was sie damit bewirken. Wer Hotpants tragen will, der soll, wer darin gut aussieht, umso besser, wen es stört, wenn nicht, soll wegschauen. Wenn Frauen sich partout mit ihren eigenen Nippeln jedem zeigen wollen, sollen sie. Solange jede weiss, warum sie es tut und mit welchen Konsequenzen, jetzt und in Zukunft. Diese Diskussion sollten Schulen wie Medien führen, für mehr Differenziertheit und mehr Reflexion. Das wäre ein Sommerlochthema, über das sich in der Hitze brüten liesse.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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